Niedersachsens Ministerpräsident und der Kampf um die Schule

Von Richard Tüngel

Das Land Hadeln ist die nördlichste Marsch am linken Elbufer. Seine Bewohner sind Niedersachsen. – nicht Friesen, wie in anderen Marschländern. Lange Jahrhunderte hindurch haben sie ihre eigene Verfassung, ihr Kirchenrecht und ihre Ständeordnung bewahrt. Bismarck hat nach 1866 ihre Sonderrechte, insbesondere die ganze alte ständische Verfassung, mit Wärme anerkannt und bestätigt. „Der Hadler“, so schreibt Hermann Allmers in seinem Marschenbuch, „ist sicher der rührigste und lebendigste aller Marschbewohner... Gilt es, das gute Alte aufrechtzuerhalten, so ist er immer der Mann dazu... Er ist lebenslustig und gesellig... Man trinkt überall Wein, meistens teuren Bordeauxwein, denn der Hadler ist in dieser Hinsicht etwas verwöhnt... Er spielt ebenso leidenschaftlich wie seine Nachbarn, die Wurster und Kehdinger, meistens l’Hombre und Whist und gern hoch.“

Aus diesem Lande stammt der Ministerpräsident von Niedersachsen, Hinrich Wilhelm Kopf. Man erzählt von ihm in Hannover, seine erste Landtagswahl im sehr stark welfisch-konservativ eingestellten Landkreis Walsrode habe er auf folgende Weise gewonnen: Er habe zunächst keine Versammlungen gehalten, sondern bei seinen Besuchen im Wahlkreis mit den Bauern Skat gespielt. Als guter Hadler gewann er natürlich und imponierte dadurch seinen zukünftigen Wählern. Erst als sie warm geworden waren, hielt er hie und da Versammlungen ab, und am Ende gewann er nach dem Skat auch die Wahl. Wenn dies erfunden ist, so ist es jedenfalls gut erfunden. Die Anekdote läßt Unvoreingenommenheit, Jovialität, Humor und Schalk erkennen – Eigenschaften, die auch bei den stolzen Hadler Bauern nicht selten sind und sich mit einer gewissen Prunkliebe gut vertragen.

Hochdeutsch und Plattdeutsch

Als Hinrich Kopf 1928 Landrat des Kreises Hadeln in Otterndorf wurde, erließ er eine Bekanntmachung in den Zeitungen, die mit den Worten schloß: „Meine Amtssprache ist Hochdeutsch und Plattdeutsch.“ Seinen Kreistagsabgeordneten, die sich nicht mehr mit der Entschädigung ihrer Tätigkeit durch ein gemeinsames Essen zufrieden geben wollten, sondern Diäten verlangten, erwiderte er: „Ji krigt nicht Diäten, sondern dät Eeten.“ Jedes Jahr stellten die Abgeordneten diesen Antrag von neuem, um den Witz wieder zu hören und herzlich lachen zu können.

So schaltete er in Otterndorf, mit Humor und, unter Anpassung an die Hadelner Bauern, in seiner Art souverän. Schon damals erhielt er den Beinamen „Der rote Welfe“. Er hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß er die Tradition des Weifenhauses achtet, auch wenn er kein Monarchist ist. Er nahm als Ministerpräsident an der Beerdigung des Herzogs Ernst August von Braunschweig teil. Er besuchte und empfing bei dieser Gelegenheit König Paul von Griechenland. Aber ebensowenig verhehlt er, bei aller Würdigung der Tradition, daß er Sozialdemokrat ist. Kein Wunder, daß ihn die Regierung Hitler aus seinem Landratsamt – damals in Schleswig – entfernte. Nach dem Kriege machten ihn die Engländer zum Oberpräsidenten von Hannover und später Zum Ministerpräsidenten von Niedersachsen.