In den Gebieten jenseits der Oder-Noiße-Linie blieben 1945 noch 1,8 Millionen Deutsche, etwa 800 000 in den ehemaligen deutschen Ostprovinzen, 160 000 in der Tschechoslowakei, 2000 in Danzig, 350 000 in Rumänien, 300 000 in Ungarn und etwa 50 000 in Jugoslawien. Dazu kommen mindestens 26 000 Deutsche, die nach Verbüßung von Haftstrafen zwangsweise in der Sowjetunion angesiedelt wurden. Ihnen ist es zwar nicht verboten, nach Hause zu fahren; aber die Reise kostet mehrere tausend Rubel, die sie selbst bezahlen müßten und die sie natürlich niemals aufbringen können. Manchmal legt ein ganzes Dorf einen Teil seines Verdienstes zusammen, um einem von ihnen die Reise zu ermöglichen, und auch dem Roten Kreuz ist es in wenigen Fällen gelungen, Devisen für die Reisekosten zu transferieren.

Die Alliierten, auch die westlichen, standen der Familienzusammenführung anfangs ziemlich ablehnend gegenüber. Eine Ausnahme machten die Engländer, denen das Problem der Trennung aus ihrer Kolonialerfahrung vertraut ist. Mit ihrer Hilfe kam vom März 1950 bis Ostern 1951 die „Operation Link“ zustande. Sie brachte 44 000 Personen aus den polnisch verwalteten Gebieten die Vereinigung mit ihren in Westdeutschland lebenden Familienangehörigen. Eine etwa gleiche Zahl nahm die Sowjetzone auf. Dann schlossen Polen und die Pankower Regierung 1952 ein Aussiedlungsäbkommen, durch das bis zum Mai 1953 in 17 Transporten 4250 Personen in die Sowjetzone gebracht wurden. Es handelte sich, wie schon angedeutet, fast ausnahmslos um ältere und arbeitsunfähige Personen sowie um Kinder, die ihren Eltern zurückgegeben wurden. Die nächsten Transporte setzten im Oktober 1953 ein, und seitdem trafen bis zum II. Januar 1945 fast wöchentlich neue Aussiedlerzüge mit insgesamt etwa 3300 Personen in der Sowjetzone ein. Aussiedlungsanträgen in die Bundesrepublik wurde grundsätzlich nicht stattgegeben. Aber aus der Tschechoslowakei sind bis Oktober 1953 16 808, aus Jugoslawien 11 826 und aus Rumänien 1059 Aussiedler in Westdeutschland eingetroffen.

Die Hilfe des Roten Kreuzes

Dr. Wagner nennt mit Dankbarkeit besonders das jugoslawische und das tschechische Rote Kreuz, die er als außerordentlich hilfsbereit und gut organisiert bezeichnet. Als er zum Beispiel einmal nach einem kleinen Mädchen forschte, das in einem Hein: zu Prag untergebracht Sein sollte und von seinen Eltern seit Jahren gesucht wurde, teilte das tschechoslowakische Rote Kreuz postwendend mit, daß nicht nur das gesuchte Mädchen, sondern auch dreizehn andere Kinder westdeutscher Eltern gefunden worden seien, und schickte alle vierzehn innerhalb einer Woche in die Bundesrepublik.

Diese Erfolge zählen wenig im Verhältnis zu der Zahl der Menschen, die noch immer nicht den Weg zu ihren Angehörigen gefunden haben. Ihre Verzweiflung wächst mit jedem Monat. Im Wester häufen sich die Scheidungsklagen, und beim Roter Kreuz kommen aus dem Osten die Briefe an, die so viele Frauen schreiben, mit der angstvollen Beschwörung: „Bitte, scheidet uns nicht von unseren Männern! Wir wollen doch kommen, wenn wir nur dürften!“

Da ist der Arbeiter Kurt R. aus Ostpreußen, der nach dem Krieg Bergarbeiter im Ruhrgebiet wurde. Jahrelang hörte er nichts von seiner Frau und seinen drei Töchtern, die in Königsberg geblieben waren. Als die erste Nachricht kam, hatte er schon eine andere Frau gefunden. Er lebte mit ihr, als ob sie verheiratet seien. Seine Familie war ihm so fremd geworden, daß er auf die Hilferufe seiner Frau nicht einmal antwortete. Diese sah schließlich keinen anderen Weg, als an das Rote Kreuz zu schreiben. Sie sagte, sie würde sich und ihre Kinder umbringen, wenn ihr Mann sie im Stich ließe. Das Rote Kreuz nahm mit R. Verbindung auf. Er erwiderte, seine Frau hätte ja wohl eher alles tun müssen, nach Westdeutschland zu kommen. Es war ein schwieriger Fall. Das Rote Kreuz versuchte, dem Manne klarzumachen, daß seine Frau keine Schuld träfe: Wenn sie einen Antrag auf Aussiedlung gestellt habe – und das hatte sie –, hätte sie keinerlei Einfluß auf den Fortgang der Sache. Der Mann hörte das alles an und blieb gleichgültig. Da schickte das Rote Kreuz Frau R. etwas Geld, damit sie von sich und den Mädchen Photographien machen lassen konnte. Diese Bilder schickte sie ihrem Mann, und das brachte die Wendung. R. sah zum ersten Male seit neun Jahren – wenn auch nur auf Bildern – seine Familie wieder. Seine Erinnerungen standen auf und klagten ihn an. Er trennte sich von seiner Freundin und schreibt seither Briefe, schickt Päckchen und spart Geld für den Tag, an dem Frau und Kinder zu ihm zurückkehren werden.

Wie lange diese Menschen noch werden warten müssen, kann niemand sagen. Aber es besteht Grund zur Hoffnung, daß die Regierungen der Ostblockländer sich zu einer Lösung der Aussiedlungsfrage bereit finden. Bis dahin wird die Arbeitsgemeinschaft für Familienzusammenführung fortfahren, die Verbindungen zwischen getrennten Familienangehörigen aufrechtzuerhalten, Lebensmittel und Medikamente in die Ostländer, zu schicken und denen, die noch immer warten, die moralische Unterstützung zu geben, die sie haben müssen, wenn sie durchhalten sollen. M. Berling