m. z., Celle

Am 20. Oktober des vergangenen Jahres wurde der Erdstrahlenforscher Dr.-Ing. Niemann aus Marwede, Kreis Celle, vom Landgericht Hannover wegen unlauteren Wettbewerbs bestraft, weil er in mehreren Artikeln in der Hannoverschen „Land- und Forstwissenschaftlichen Zeitung“ erklärt hatte, der „Entstrahlungsapparat“ der Hagener Firma Phylax sei unbrauchbar. Jetzt kündigte der dritte Zivilsenat des Oberlandesgerichts Celle die Wiederaufnahme des Prozesses gegen Dr. Niemann an.

Die Gesellschaft Schutz vor Aberglauben in Bonn nahm den bevorstehenden Prozeß zum Anlaß, gegen den Verkauf von sogenannten Schutzgeräten Stellung zu nehmen. Sie führte zwei beredte Anwälte ihrer Sache ins Feld: Dr. Prokop vom Institut für gerichtliche Medizin der Universität Bonn und aus dem feindlichen Lager Deutschlands bekanntesten Wünschelrutengänger, Freiherrn von Rolshausen. Beide leugneten – der eine streng wissenschaftlich die „Erdstrahlen“ überhaupt, der andere rein empirisch die Wirksamkeit der Abwehrgeräte. Nun sollen also in Celle die Juristen über „Gesetze“ entscheiden, die vielleicht einem Zwischenreich vor. Magie und Aberglauben, aber gewiß nicht dem BGB angehören.

Jeder Wünschelrutengänger und seine Augenzeugen werden die Existenz von Erdstrahlen bezeugen. Aber die Direktorenkonferenz der geologischen Landesämter der Bundesrepublik veröffentlichte am 23. März 1950 eine Entscheidung, nach der die Geologen fast aller Kulturstaaten der Welt den Zusammenhang zwischen Rutenausschlag und Strahlen für unwahrscheinlich halten. Also hat das Problem des Dr. Niemann, ob der Schutzapparat der Firma tauglich ist oder nicht, das viel größere und grundsätzlichere Problem aufgeworfen: gibt es überhaupt Erdstrahlen?

Die Einwohner von Lichtenmoor (bei Nienburg-Hannover) werden sich von keinem Gericht und keinem Wissenschaftler ausreden lassen, daß nach dem rätselhaften Viehsterben im Frühjahr 1952 ihre Sauen erst von dem Tage an gesunde Ferkel zur Welt brachten, als sie „Entstrahlungsapparate“ in ihren Ställen aufstellten.

Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium warnt mit Recht die ländliche Bevölkerung vor dem Ankauf solcher Apparate (neben Holzkästen mit der Aufschrift „Apparat darf nicht geöffnet werden, sonst verliert er die Wirkung“, sollen auch Schuhe mit Gummisohlen und eingelegten Drähten und Büstenhalter mit Metallfäden vor Krebs und Schizophrenie schützen!). Aber: vor zwei Jahren machte Dr. Curry der Leiter des medizinisch-bioklimatischen Instituts in Riederau (Bayern) die Entdeckung, daß mehrere Krebsfälle im gleichen Hause (man sprach von „Krebshäusern“) anscheinend mit Strahlungen zusammenhängen. Mit einem selbstkonstruierten Gerät, das tatsächlich auf die Strahlungen reagierte, stellte er fest: es gibt Strahlungsnetze unter der Erde wie auch unter der Wasseroberfläche und in höheren Luftschichten. Woher sie stammen, wie sie wirken, konnte Dr. Curry nicht erklären.

Gerichtsgutachten über einen im vorigen Jahr viel besprochenen Autounfall in Bayern sowie über den „Todeskilometer“ 23,9 auf der Bundesstraße Bremen–Bremerhaven widerlegten die „laienhafte Mystik“ der Erdstrahlen. Der Diplom-Geologe Vidal vom Institut für Angewandte Geophysik der Universität München der ebenfalls den Nachweis von Erdstrahlen für wissenschaftlich unhaltbar erklärte, sagte jedoch: „Sollte es sich einmal herausstellen, daß es tatsächlich Strahlen oder Einflüsse gibt, die auf besonders sensible Menschen wirken, dann müßte man wohl – und das ist eine unausweichliche Konsequenz – besonders sensiblen Kraftfahrern den Führerschein entziehen...“