Von Walter Abendroth

Seit langem hat es im Bereiche der Musikliteratur keine Veröffentlichung gegeben, die weit über die Fachkreise hinaus ein so lebhaftes Interesse finden dürfte, wie die Untersuchungen von Siegmund Kaznelson über eines der seit über hundert Jahren meist umstrittenen biographischen Rätsel.

Jedem Musikfreunde ist Beethovens „Unsterbliche Geliebte“ ein Begriff – mit dem sich jedoch bisher kein bestimmter Name verbinden lassen wollte. Und jeder Beethovenverehrer kennt den Liederkreis „An die ferne Geliebte“, deren Gegenstand ebenfalls immer verborgen blieb. Niemand kam auch dahinter, ob die „Unsterbliche“ und die „Ferne“ etwa eine und dieselbe Person seien oder zwei verschiedene Frauengestalten. Beide Begriffe schienen ausschließlich auf je einem Dokument zu beruhen: die „Unsterbliche Geliebte“ auf einem langen, leidenschaftlichen Brief von Beethovens Hand, der sich im Nachlaß des Meisters gefunden hatte, die „Ferne Geliebte“ auf eben jenem Zyklus von sechs Liedern. Mehr und Greifbareres zu ergründen wollte bis in unsere Tage keinem der zahlreichen Beethovenforscher und -biographen gelingen, Wenn nun auch nicht gerade behauptet werden soll, daß die Lösung dieses Doppelrätsels für unser Verhältnis zur Kunst Beethovens von Bedeutung wäre, so geht das Interesse daran bei der unzweifelhaft engen Verquickung des Menschlichen, ja, Persönlichen mit dem Künstlerischen in Beethovens Schaffen doch über die Befriedigung unziemlicher Neugier hinaus. Es ist eine Angelegenheit echter menschlicher Teilnahme an der gesamten Erscheinung dieses wohl am meisten allgemein verehrten Heroen der Musik.

Dem großen Rätselraten hat sich, wie gesagt, kein Biograph entziehen können. Aber nicht einmal Anton Schindler, der früheste, wenn auch über Gebühr einzelner Irreführungen wegen geschmähte Adlatus des Meisters in seiner letzten Lebensepoche, konnte Glaubwürdiges zur Klärung beitragen. Die Vermutungen konzentrierten sich im wesentlichen auf die Namen: Gräfin Giulietta Guicciardi, Amalie Sebald und Gräfin Therese v. Brunsvik. Einzig die Musikschriftstellerin La Mara (Marie Lipsius) verfiel im Jahre 1920 auf die Annahme, es handle sich um die Schwester Theresens, Baronin Josephine v. Brunsvik-Deym-Stackelberg. Stichhaltige Beweise für diese Überzeugung zu erbringen war auch ihr nicht möglich. Die Grundlage ihrer Hypothese bildeten lediglich gewisse Stellen in den brunsvikschen Familienpapieren, die indessen gerade hinreichten, diese Kombination weiterer Untersuchung zu empfehlen.

Die größte Schwierigkeit für alle Bemühungen um die Identifizierung der Adressatin jenes berühmten Liebesbriefes lag in dessen fast unmöglich scheinender Datierbarkeit einerseits und anderseits in der Tatsache, daß Beethoven – entgegen mancher idealisierungssüchtigen Darstellung – in seinem Leben viel geliebt hat, und mehrere Male mit aller aufwühlenden Leidenschaftlichkeit, deren sein elementares Temperament fähig war. Überschrieben, sind die Blätter des Briefes an die „Unsterbliche Geliebte“ mit „6. Juli“ und „7. Juli“, ohne Jahreszahl und ohne Ortsangabe.

Man darf es nun getrost eine Sensation nennen, daß der ganze hier angedeutete Fragenkomplex heute als gelöst betrachtet werden kann. Jedenfalls in einem an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeitsgrade; soweit, wie überhaupt historische Sachverhalte mittels gewissenhaftester Gegenüberstellung von weit verstreuten, mehr oder minder eindeutigen Dokumenten mit mehr oder minder eindeutigen Indizien erwiesen werden können. Eine indirekte Beweiskraft liegt dabei auch darin: daß plötzlich jene Dokumente oder Dokumentenfragmente und diese Indizien, die in ihrer Vereinzelung jedes für sich der Deutbarkeit an ihrem Platze entbehrten (dazu gehören sogar gewisse scheinbare Widersprüche in dem Beethovenschen Liebesbrief selbst) in ihrem Zusammenwirken plötzlich einen einleuchtenden Sinn erhalten! So ist es geglückt, nicht nur die Frage nach der „Unsterblichen“ und der „Fernen Geliebten“ zu beantworten, sondern obendrein noch eine besondere, völlig überraschende Tatsache zutage zu fördern. Der Forscher Siegmund Kaznelson, der dies zuwege brachte, hat die Ergebnisse seiner Arbeit in dem Buch Beethovens ferne und unsterbliche Geliebte (Standard-Buch, Verlags A. G., Zürich, 464 S.) Vorgelegt. Diese Ergebnisse besagen:

Der Brief ist am 6. und 7. Juli 1812 in Teplitz geschrieben und an Josephine Brunsvik-Deym-Stackelberg gerichtet. Er ist ein Abschiedsbrief und um der Schwere seiner Entscheidung willen wahrscheinlich nie abgesandt worden. Bei der dem Briefe vorausgehenden geheimen Begegnung Beethovens mit Josephine in Prag hat Josephine ein Kind empfangen, eine Tochter Minona‚ die, ohne von ihrer Herkunft (die selbst Beethoven sowie den Geschwistern Josephinens verborgen blieb) zu wissen, erst 1897 gestorben ist. Die „ferne“ Geliebte hingegen ist Rahel von Varnhagen, der Beethoven im Jahre 1811 in Teplitz (vor ihrer Verehelichung) unter beiderseitigen besonderen psychischen Umständen nahetrat.