Von italo Zingarelli

Der römische Sensationsprozeß um den rätselhaften Tod der Vilma Montesi gegen den Journalisten Silvano Muto ist auf Wunsch der Anklagebehörde unter lebhaften Tumulten auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Es sollen neue Ermittlungen angestellt werden, nachdem die Kronzeugin Anna Maria Caglio bestätigt hatte, daß sie in ihrem „Testament“ den Marchese Montagna als den Führer eines Rauschgift-Rings und als den „Mörder“ dieses Rings bezeichnet hatte.

Die Vorgänge haben inzwischen die ganze Welt erregt, doch rekapitulieren wir: In der Morgenfrühe des 11. April 1953 fand man am Strande von Tor Vaianica – nicht weit von Rom, zwischen Ostia und Anzio – die Leiche eines Mädchens namens Wilma Montesi. Der Körper wies keinerlei Wunden auf; es fehlten die Schuhe, der Rock, die Strümpfe und der Strumpfgürtel der Toten. Aus den Nachforschungen der Polizei ergab sich, daß Wilma Montesi zwei Tage vorher um fünf Uhr nachmittags nach Ostia gefahren war, wo sie um sechs Uhr ankam. Alles, was danach geschah, läßt sich durch keinerlei Zeugenaussagen rekonstruieren. In den Meldungen las man, die Montesi sei ans Meer gegangen, um ein Fußbad zu nehmen, und das kalte Wasser habe einen Herzschlag verursacht. Von der Strömung sei die Leiche die etwa zwanzig Kilometer zwischen Ostia und Tor Vaianica mitgetragen worden.

Also ein Unfall, wie man glaubte. Auch die Untersuchungsbehörde glaubte daran, als sie dreizehn Tage später, am 24. April, einen Aufruf erließ, es möge sich jeder melden, der etwas zur Aufklärung beitragen könne. Ein Journalist namens Silvano Muto reagierte auf diesen Aufruf, zugleich aus beruflichen Motiven. Am 16. Oktober veröffentlichte er in seiner bis dahin kaum bekannten Zeitschrift Attualità das Ergebnis einer Untersuchung, die er selbst durchgeführt hatte. Mit diesem Tage begann der Skandal Montesi.

Am 24. Oktober wurde Muto vom Untersuchungsrichter vorgeladen, der ihm vorhielt, seine Behauptungen stünden im Gegensatz zu der amtlichen Version und enthielten außerdem eine Kritik an der Arbeit der Behörde: Der Journalist unterzeichnete am Ende der Vernehmung eine Erklärung, die besagte, er habe nur Gerüchte verzeichnet und Behauptungen vorgebracht, die seiner eigenen Phantasie, entsprungen seien. Daraufhin schloß am 30. Dezember die Untersuchungsbehörde selbst, die Akten über den Fall mit dem Bemerken, sie sei zu denselben Schlüssen gekommen wie die Polizei.

Muto ging nun zum Angriff über. Er schrieb, er habe seine Erklärung vom 24. Oktober nur abgegeben, um nicht in das schwebende Verfahren einzugreifen; er werde jetzt aber Enthüllungen machen und Namen nennen. Er äußerte einiges über Rauschgifthandel und fügte hinzu, die Montesi sei an übermäßigem Genuß von Rauschgiften „in einem Hause nahe bei Castel Porziano“ gestorben. Infolgedessen wurde er in den ersten Januartagen vor den Strafrichter zitiert, „weil er falsche Nachrichten verbreitet habe, die geeignet seien, die öffentliche Ordnung zu gefährden“, und weil er behauptet habe, „die Untersuchungen über den Tod Wilma Montesis seien auf Grund der Einwirkung von einflußreichen Personen in der Absicht geführt worden, die Sache hinzuziehen und geheimzuhalten; verantwortlich für den Tod der Montesi seien Personen hohen Standes, die ein Interesse daran hätten, daß über die Sache Schweigen gewahrt würde“, und daß die Behörden überhaupt gar nicht gewillt gewesen seien, „die Verantwortlichen für den Tod der Montesi herauszufinden und zu bestrafen“.

Der Prozeß gegen Muto begann am 28. Januar. Aber von diesem Tage an ist Silvano Muto allmählich sozusagen von der Anklagebank verschwunden, weil hier jetzt mehrere noch abwesende Personen zu figurieren begannen. Wir wollen nur zwei von ihnen erwähnen: Giampiero Piccioni, den Sohn des Außenministers und zugleich führenden Mitglieds der Christlich-Demokratischen Partei, und ein Herr namens Ugo Montagna, der sich den umstrittenen Titel eines „Marchese di San Bartolomeo“ zulegt. Die Photographie des jungen Piccioni hatte Muto in der „Aktualität“ veröffentlicht. Montagna kam ins Spiel, weil die Gesellschaft, bei der Wilma Montesi die tödliche Rauschgiftdosis zu sich genommen haben soll, in dem ihm gehörigen Hause in Capocotta nahe bei Castell Porziano (das Sommersitz des Präsidenten der Republik ist) stattgefunden hatte. Der Skandal wurde noch größer durch Enthüllungen, die, Montagnas frühere Geliebte Anna Maria Caglio vorbrachte. Sie behauptete, der junge Piccioni und Montagna hätten sich zu dem Polizeipräsidenten Pavone begeben und nach dem Ende der Unterhaltung in ihrem Beisein gesagt, „jetzt sei alles beigelegt“. Vergessen wir aber nicht, daß wirres hier mit einer Kokotte zu tun haben, die während der Zeit ihrer Liaison mit Montagna von ihm eine monatliche Apanage von einer halben Million Lire bekam. Worin besteht nun der Skandal? Man muß zwei Aspekte unterscheiden. Sollte es sich wirklich um ein Rauschgiftverbrechen handeln, so müßte man zu dem Schluß kommen, daß damals nach dem Tode der Montesi jemand den Augenzeugen ihres Endes geraten hat, den Leichnam ins Meer zu werfen, um ein Ertrinken oder einen Unfall vorzutäuschen. Der zweite Aspekt betrifft die Suche nach Personen, die gemeinsam mit Montagna von ihren Beziehungen zu einflußreichen Persönlichkeiten der Christlich-Demokratischen Partei für ihre nicht immer erlaubten Geschäfte profitiert und riesige Gewinne eingestrichen haben.