Es steht fest, daß heute die historische und literarische Bildung bei der Masse der Katholiken wie der Protestanten so zurückgegangen ist, daß gründliche Belesenheit in dem Werk Luthers zu den großen Seltenheiten gehört. Und es steht fest, daß heute, mehr als 400 Jahre später, das bewegliche Bild, der Film, eine für die Massen wirksamere Art der Ideenverbreitung darstellt als das gedruckte Wort. In Amerika und Kanada, in vielen Ländern Europas, so auch in einigen Städten der Bundesrepublik (ab 30. Januar auch in Hamburg, Holi-Theater) hat der amerikanische Luther-Film, der von der Luther an Church Production geschaffen wurde, wochen- und monatelang volle Kinos erzielt. Suchen die Menschen ein Bildungserlebnis? Empfinden sie Parallelen zu jenen Jahren großer Entscheidungen an der Wende zur Neuzeit, zu denen die weltlichen, insbesondere die nationalen Fragen, aber auch die kirchlichen drängten. Fühlen die heutigen Menschen sich hingezogen zu jenen Menschen voller Hintergründe, zu jener reifen Zeit, da alles noch seine religiösen Bezüge hatte wie in jeder gesunden Kultur? Oder fühlen sie sich angezogen von der Person Luthers, nicht so sehr dem Reformator und Bibelübersetzer als dem Menschen, der sucht, dem Ringer um Gott und Religion, der gegen jeden Zwang vor seinem Gewissen eine persönliche Glaubensentscheidung trifft?

Wieweit der Film befriedigende Antwort geben kann, ist eine andere Frage. Die frommen Katholiken werden, wenn sie ihn sehen, ein anderes Erlebnis haben als die frommen Lutheraner, die Lauen und Laschen ein anderes, als jene Menschen mit Streben nach Einsicht, die hoffen, daß an die Stelle jahrhundertelanger Gehässigkeit und Rechthaberei doch irgendwie dem Streit einmal ein Ende gesetzt werden kann und muß. Denn zuletzt kann es nur eine Wahrheit für Christen geben oder gar keine. Erst seit der abendländische Mensch grundsätzlich die Auswahl zwischen mehreren „Wahrheiten“ hatte oder zu haben schien, wurden alle Kräfte der Zersetzung mächtig. Tatsächlich ist es ein – vielleicht unbeabsichtigtes – Verdienst dieses Films, daß er, wenn auch simplifiziert und für ein großes Publikum gedacht, deutlich macht, wie falsch es ist, zu denken, Luther habe die Kirchenspaltung gewollt. In der Maske des englischen Schauspielers Niall Mac Ginnis und unter der Regie von Irving Pichel, der den taktvollen und eindringlichen Film zur Negerfrage „Wenn Eltern schweigen“ (Lost bounderies) schuf, ist dieser Martin Luther im Film der Student, der Mönch, der Gelehrte, der fromme Mensch, der Suchende, der in Einsamkeit und vagem Wissen Entscheidungen von ungeahnter Tragweite treffen muß und ein verborgenes Gefühl für die Unheimlichkeit seiner Lage hat Überzeugend ist die unpathetische Szene beim Anschlagen der Thesen an die Schloßkirche in Wittenberg. Deutlich sein Erschrecken und seine Trauer, als er die ersten Taten der Bilderstürmer sieht Allzu selbstsicher und dem geschichtlichen Lutherbild widersprechend ist seine Haltung vor dem Reichstag in Worms. Hier und an mancher anderen Stelle merkt man die billige Idealisierung des „Helden“ nach dem Wunsche der Auftraggeber, oft erreicht durch raffinierten Bildwechsel und geschickte Kameraeinstellungen. In einer ebenso beredten Bildersprache sind die katholischen Gegenspieler so aufgenommen, daß sie nicht gerade Sympathien erwecken. Nicht nur der marktschreierische Ablaßhändler Tetzel, auch die asketischen Chorherren im Kirchengestühl, der verschlagene Kopf Kardinal Aleanders, Sondergesandter des Papstes, und Papst Leo X. selbst und seine Umgebung, während im Text der Bearbeiter Allan Sloane, Lothar Wolff, Dr. Jaroslav Pelikan und Dr. Theodore G. Tappert klug und beflissen maßvoll alles vermieden wird, was irgendwelche Gefühle verletzen oder Kontraste schärfer werden lassen könnte als nötig. Dennoch wird hier das oft begangene Unrecht wiederholt, trotz der tragischen Einsichten von vier Jahrhunderten, die römische Kurie von 1518 vor Gericht zu ziehen. Maßvoll muß man daher auch die Stellungnahme der katholischen Filmkommission für Deutschland zu diesem Film nennen: „Gewiß können sich die Katholiken von bestimmten Zeichnungen getroffen fühlen. Vielleicht aber wiegt es für viele unserer evangelischen Glaubensbrüder ebenso schwer, sich durch die veraltete theologische Zeichnung des Lutherbildes in diesem amerikanischen Film um weite Strecken zurückgeworfen zu sehen.“

Es geht diesem historischen Film wie so vielen der gleichen Art – etwa „Jeanne d’Arc“ mit Ingrid Bergman –, in denen der Versuch gemacht wurde, weit zurückliegende Zeiten im Bilde erstehen zu lassen: Die Studien waren sorgfältig, die äußere Perfektion der Kostüme – der Wämse und Hermeline – und die Realität der Tatorte ist vollkommen (der Lutherfilm wurde in den deutschen Klöstern Ebersbach und Maulbronn und in Regensburg gedreht). Ebenso vollkommen ist die Ähnlichkeit der Masken. Aber viele Szenen sind trotz der Bewegung ohne Leben, wie im Bilderbuch. Sie sind von Menschen gestellt, die jene Zeit nicht mehr im Blut haben, von dem vielschichtigen geistigen Vorgang, der zu den dargestellten Taten führte, lassen sie wenig erahnen. Luthers bäuerlicher Typ ist in dem Lutherfilm gut getroffen, beinah auch das Irrationale, das „typisch Deutsche“ in seinen Augen, die von seinen Anhangern als die Augen eines Propheten und von seinen Gegnern als die eines Wahnsinnigen beschrieben wurden. Aber spürt man auch sein religiöses Temperament, das gewaltigste seit Augustinus? Die ganze wildgewachsene Fülle seiner Gaben? Die Kraftnatur voll gefährlicher Eigenschaften? Das Genie volkstümlicher Polemik, wie es in der deutschen Sprache kaum ein zweites Mal vorgekommen ist? Spalatin, Karlstadt, Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen wirken zugleich betont harmlos und kernig. Auch der Film-Melanchthon ist weder „spinnenhäßlich“ noch „leibgewordener Geist“ der historischen Beschreibung. Zweifellos hatte weder die Kirche noch der Adel Luther einen ebenbürtigen Kopf noch ein ebenbürtiges Herz entgegenzustellen, niemand erkannte den Ernst der Lage, aber so unbedeutend wie dieser Film-Erzbischof von Mainz und dieser Film-Kaiser waren Kurfürst Albrecht und der junge Kaiser Karl V., der weitaus bedeutendste aller Habsburger, nicht. So ungefähr schildert den Kaiser eine zeitgenössische Beschreibung am 2. Tag im Reichstag in Worms, an dem Luther widerrufen sollte: „Man sah, wie der Kaiser seine eigene Abspannung beherrschte. Auch in dieser Fürstenkunst hatte er es schon weit gebracht in so jungen Jahren. Eigentlich bestand die ganze Leistung dieses harten Lebens aus einer einzigen gewaltsamen Selbstbeherrschung. Nur den Mund hielt er ein wenig offen, er schien mit Anstrengung zu atmen, und die vorragende Habsburger Unterlippe gab dem blassen Gesicht unter dem spanischen Barett, das er jetzt in Mode brachte, einen Ausdruck von Begriffsstutzigkeit und Verdrossenheit. Beides täuschte.“ Man sieht, in welcher Gefahr ein Film ist, wenn er dieses letzte Bild historisch genau wiedergibt.

Das große Bemühen des Films ist nicht zu verkennen. Er fordert jeden einzelnen Betrachter auf, Stellung zu nehmen, und mag manchen aus seiner Gleichgültigkeit gegenüber den Fragen persönlicher Glaubensentscheidung herauszureißen. Vielleicht kommen auch vielen Betrachtern Zweifel darüber, ob die beiden feindlichen Glaubensbrüder in Wahrheit so weit auseinander sind, wie man nach vierhundert Jahren eines solchen Streites erwarten müßte und diese amerikanische Darstellung noch glauben machen könnte. Vielleicht kommt sogar manchen der Glaubensbrüder der Gedanke, ob sie nicht so lange zu lernen hätten, bis sie wieder eines Sinnes sind. Man kann allerdings kaum behaupten, daß dieser Film zu diesem Ziel beizutragen beabsichtigt. Erika Müller