Eine Szene im farbigen Defa- Film, „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“ hat alles, was dieser Streifen an politischer Absicht und angeblicher historischer Wahrheit miteinander verknotet, dicht zusammengefügt: Ein nachdenklicher, aber energischer Lenin spricht in seinem Arbeitszimmer im Kreml zu Klara Zetkin, die sehr maskengetreu aus einer Reichstagsversammlung der Jahre 1919/1920 gestiegen scheint: „Der Versailler Vertrag hat Deutschland alle Mittel zum Leben genommen. Er läßt die Kinder hungern und Hungers sterben. Das ist ein ungeheurer Raubfrieden, der Dutzende Millionen Menschen, darunter die zivilisiertesten, zu Sklaven macht. Es ist selbstverständlich, daß sich das auf die Dauer kein Volk bieten läßt, am wenigsten das deutsche.“ Im Hintergründe des Arbeitszimmers lauschen Pieck und Ulbricht, im Habit von 1921, schlank, proletarisch. Der größere Mann im blauen Sportanzug neben ihnen hat schon die spiegelglatte Kopffläche, wenn auch noch nicht ganz die klobige Breitschultrigkeit und Biederkeit des ungeschlachten Hamburger Kommunistenführers Ernst Thälmann. Lautlos öffnet sich die Tür, und ein sehr junger, sehr drahtiger, sehr überlegener Stalin tritt mit Telegrammen und Briefen an Lenins Schreibtisch. Stumm blicken sich Lenin und Stalin in die Augen.

„Auf ein Wort, Genosse Thälmann“ wendet sich Lenin an Thälmann: „Sagen Sie, wie haben Sie es fertiggebracht, in so kurzer Zeit Zehntausende von Arbeitern zu gewinnen?“ Und der Vierschrötige, auf den nun die jungen Pieck und Ulbricht und der hintergründige Stalin blicken, findet verlegen, aber mit linientreuem Augenaufschlag das Formelwort der Ideologie: „Ich habe versucht, von Ihnen zu lernen, Genosse Lenin...“

Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, auf Thälmann projiziert und von den Sowjets abhängig gemacht – das ist die gewalttätige Tendenz dieses Filmes, an dem drei Jahre gebaut und immer wieder geändert worden ist. Aus siebentausend ursprünglichen Drehbuchseiten sind im Herbst 1952 hundertundfünfzig geworden. Erst von diesem Zeitpunkt an datieren die Ausgaben von 6,3 Millionen Ostmark, die der teuerste Nachkriegsfilm der sowjetzonalen DEFA gekostet hat. Doch dieser Film, der jetzt in Hunderten von Kopien in den Städten der Sowjetzone läuft, ist erst die Hälfte des Gesamtfilms. Ein zweiter Teil, „Thälmann – Führer seiner Klasse“, wird folgen.

Dies ist das Fazit des Thälmann-Films, erster Teil: es wird ein Geschichtsbild der Jahre 1918 bis 1923 entwickelt, in das die politischen Elemente, die 30 Jahre später die Sowjetpolitik gegenüber Deutschland bestimmen, hineinprojiziert sind. Der Ernst Thälmann der ersten Jahre nach dem Weltkrieg ist schon der weitsichtige Politiker, der seine Hamburger Kommunisten allein gegen alle sozialdemokratischen und unabhängig sozialistischen Tendenzen klar ins antiamerikanische und prosowjetische Gewässer führt. Günter Simon, ein junger Schauspieler, der für seine Rolle zwei Jahre lang durch die Mühle von Schulungskursen, sowjetdeutschen und russischen Unterweisungen gegangen ist, spielt den Thälmann wie eine Art Wundermann, der mild und wissend, in allen Situationen das rechte Wort, den guten Trost, die schlagkräftigste Aussage zur Hand hat. Wenn er in der Masse, unter Streikenden, auf den Werften, in Versammlungen, auf Plätzen auftaucht, dann hängen die Augen der Statisten an dem Mann in der Arbeiterjoppe mit der blauen St.-Pauli-Mütze. Von diesem Thälmann geht Strahlendes, Unwiderstehliches, Überzeugendes aus. Er dreht die Vorgänge ins Gegenteil, aus seinem Munde kommen die Verfälschungen des Aufstandes in Mitteldeutschland, aus seinem Munde auch alle die antiamerikanischen, antiwestlichen, antisozialdemokratischen Äußerungen, die heute den Jargon der Ostberliner Offiziellen darstellen. In den immer wiederkehrenden Volksszenen machen die Absolventen von Ulbrichts „Verwaltungsakademie“, die Bataillone der kasernierten Volkspolizei und SSD-Sondereinheiten in Rostock, Hamburg und in Babelsberg Geschichte zum Hausgebrauch für die heutige Sowjetpolitik.

Aber das ist nicht Biographie, nicht einmal ein Ausschnitt aus einer Biographie Ernst Thälmanns, sondern es ist der von Parteiideologen und ihren sowjetischen Zensoren unternommene Versuch, die Wahrheit der deutschen und europäischen Geschichte nach dem ersten Weltkriege umzubiegen in eine Zweckwahrheit der Tendenz. Sie besagt, daß Deutschlands blutig-schwerer Weg der letzten 30 Jahre vermieden worden wäre, wenn sich die Deutschen schon nach 1918, Ernst Thälmann folgend, vertrauensvoll dem immer gleichbleibend freundlichen Helfer der Sowjetunion in die Arme geworfen hätten.

Der Regisseur Kurt Mätzig, der letzte der Defa verbliebene Könner, drehte vor vielen Jahren den imponierenden Film „Ehe in Schatten“. Die dort erlebte suggestive Bildkraft ist auch im Thälmann-Film lebendig – um so erschreckender freilich, als es sich um eine gestellte historische und menschliche Kulisse handelt. Um eir.en Propagandafilm, der alles von den Russen gelernt hat: von der Staffage ihrer Tendenzfilme, die ein Leben, das längst im Schema erstarrt ist, auf der Leinwand gespenstisch wiedererwecken wollen. W. Beer