Von Volkmar von Zühlsdorff

„Trümmerberg“ bei Stuttgart, wo man anderthalb Millionen Kubikmeter Schutt aufschüttete, ist zu einer imponierenden Erhebung in der Umgebung der Stadt geworden. Dort soll, wenn es so weit ist, ein Denkmal errichtet werden – und manche meinten, es dürfe darauf der Mann nicht fehlen, der Stuttgart zur ersten trümmerfreien Großstadt Deutschlands machte: der Oberbürgermeister Dr. Arnulf Klett. Inzwischen allerdings ist seine Stellung heiß umstritten. Er hat sich in einen solchen Rattenschwanz von Prozessen, Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen, einstweiligen Verfügungen, Beschlagnahmen, Disziplinar- und Strafverfahren verwickelt, daß eine Stuttgarter Zeitung kurz und bündig die Forderung erhob: „Abtreten!“

Wie so viele in der ersten Besatzungszeit, kam Arnulf Klett fast zufällig zu seinem Amt. Er war beim Zusammenbruch im Kriegsschädenamt dienstverpflichtet. Und Oberbürgermeister Strölin, der als ein Mann des Widerstandes von dem französischen General eingesetzt, als ehemaliger Beamter des Dritten Reichs aber vierundzwanzig Stunden später wieder entfernt wurde, war es, der aus der sich lichtenden Schar seiner Mitarbeiter Dr. Klett vorschlug. Der wurde denn auch am 23. April 1945 ernannt, und Amerikaner, Gemeinderat und Volk bestätigten ihn später. Strölin sagt rückschauend: „Ich hatte keine andere Wahl.“ (Er hatte nicht einmal ein Auto zur Verfügung, um innerhalb der vorgeschriebenen wenigen Stunden sich auf die Kandidatensuche zu begeben. Außerdem hatten die Franzosen bereits Klett empfohlen.)

Niemand kann sagen, daß das neue Stadtoberhaupt die Chance nicht mit beiden Händen ergriff. Mit dem ihm eigenen Schwung ging er an die Aufgabe heran, der zerstörten Stadt zu neuem Leben zu verhelfen. Das Schwierige schreckte ihn nicht, die Turbulenz wurde sozusagen sein Element und die ungewöhnlichsten Mittel setzte er ohne Zögern ein. „Wer Baumaterial nach Stuttgart bringt, ganz gleich wie und wider welche Gesetze, den trifft keine Strafe und keine Beschlagnahme“, so erklärt er: „Der ist für mich eine Aufbaukraft erster Ordnung und kriegt einen Orden.“ Pfiffig durchbrach er den Wust alliierter und deutscher Verbote, die jeden Fortschritt zu ersticken drohten, und innerhalb weniger Jahre gewann er den Ruf eines erstaunlich unorthodoxen Oberbürgermeisters.

Klett ist geborener Stuttgarter, dort ging er zur Schule, dort wurde er 1930 Rechtanwalt. Studiert hat er in Tübingen und München, und weil er national gesinnt war, trat er als junges Semester der Schwarzen Reichswehr bei. Im Dritten Reich hingegen kam er gleich im ersten Jahr ins Konzentrationslager Heuberg, weil er bei der Gleichschaltung der württembergischen Presse durch den Reichsstatthalter Murr als Rechtsanwalt auf der Seite eines nicht favorisierten Verlegers und Parteigenossen stand. Antifaschistischen Heldenmut als Motiv wollen und können seine Gegner nicht gelten lassen; immerhin wäre ihm die Verhaftung schwerlich passiert, wäre er ein eifriger Nationalsozialist gewesen. Später wurde er dennoch als Verteidiger beim Sondergericht zugelassen. Daraus spricht immerhin, daß die Nazis nichts mehr gegen ihn hatten. Aber ein Mann, der wegen „Wehrmachtszersetzung“ von diesem Sondergericht zum Tode verurteilt wurde, hat ihm die Rettung seines Lebens zugeschrieben und in einem Buche, das 1946 unter dem Pseudonym Willo Wenger erschien, das schönste Zeugnis ausgestellt.

Arnulf Klett hat die Jovialität und auch die heimliche Lebensfreude der Schwaben, die nicht verschmäht, was die Welt an Gütern zu bieten hat. Er hat auch deren harten Schädel, und wer ihm einmal in die Quere kam, dem trägt er es lange nach. Das ist eine Geschichte für sich –: Klett hat in der Widmung seiner Doktorarbeit Hermann Cuhorst seinen „väterlichen Freund“ genannt. (Es war derselbe Cuhorst, der lange einen Kampf gegen die „unsittliche“ Zeitschrift „Simplizissimus“ führte.) Dessen Sohn, mit dem Klett ebenfalls einige Jahre befreundet war, machte als Nationalsozialist rasche Karriere. Er wurde Senatspräsident und Vorsitzender des Sondergerichts in Stuttgart, und da passierte es, daß Cuhorst junior einmal Kletts Verhalten in einer Honorarfrage rügte. Ein Ehrengericht der Anwälte entschied gegen Klett, und an die Freundschaft war nicht mehr zu denken. Nach dem Zusammenbruch sammelte Klett sogar Material im Kreise der Rechtskollegen und stellte es dem Nürnberger Gericht mit dem Bemerken zur Verfügung, alle Gutgesinnten hätten schon immer gewünscht, daß Cuhorst einst „den Weg gehen müsse, den viele seiner Opfer gingen, den der Hinrichtung ...“

Als Oberbürgermeister fiel Dr. Klett bald eine Fülle weiterer Ämter und Ehrenstellen zu. Er wurde Mitglied in Aufsichtsräten und im Vorstand von Verbänden, Gesellschaften und Hilfswerken, und je mehr sein Ruf mit den Erfolgen der Stadt wuchs, desto weiter spannte sich der Kreis –: Schließlich waren es Anfang dieses Jahres fünfunddreißig Ämter und einundzwanzig Sinekuren. Er habe auch einige abgelehnt, andere übe er durch Stellvertreter aus, verteidigt sich Arnulf Klett; aber schließlich habe ein Mann seines Alters und seiner Vitalität das Bedürfnis nach Betätigung!