Wieder einmal mußte Innenminister Schröder im Bundestag auf Beschluß des Kabinetts den Familienminister Würmeling abschirmen, seine Blößen gewissermaßen mit Feigenblättern bedecken. Er vollzog diese Prozedur formal sehr überlegen und mit diplomatischer Kühle. Würmeling habe mit dem Wort von der Volkszensur des Filmes nur sagen wollen, die Bevölkerung möge schlechten Filmen mit Kritik begegnen. Nur so sei sein Wort zu verstehen, nicht aber als eine Präventivmaßnahme gegen das freie künstlerische Schaffen. Eine andere Auslegung sei nicht zulässig. Diese Interpretation des Innenministers war – und so wurde sie auch im ganzen Bundestag verstanden – eine sehr deutlich ausgesprochene Distanzierung des Kabinetts von seinem Familienminister.

Hervorgerufen wurde die Bundestagsdebatte durch eine Große Anfrage der SPD, die sich auf Würmelings berüchtigte Düsseldorfer Rede über den Film bezog. Der sozialdemokratische Abgeordnete Paul sagte zur Begründung dieser Anfrage, die Rede enthalte ungerechtfertigte Verallgemeinerungen, an die Würmeling Folgerungen knüpfe, die tief in die Freiheit des geistigen Schaffens eingreifen. Es sei objektiv unrichtig, daß, wie Würmeling behauptet, die Mehrzahl der deutschen Durchschnittsfilme das eheliche Leben in unwürdiger Weise auf die Leinwand bringe. Würmeling spreche bei jeder Gelegenheit von der Zerstörung der Ehe, der Familie und von der Verderbnis der Jugend. Er frage den Familienminister, ob ihm das Schicksal des deutschen Volkes und der deutschen Familie in den letzten zwanzig Jahren unbekannt geblieben sei. „Hut ab vor der deutschen Familie. Hut ab vor der deutschen Jugend, die durch dieses Fegefeuer gegangen ist!“

Der Abgeordnete Paul sprach dann von der verlogenen Moral, die hier heraufzöge. Es handele sich um einen Angriff auf die Freiheit des Geistes und des künstlerischen Schaffens. „Die Künstler aller Zeiten hat die Gestaltung des Ungewöhnlichen und des Tragischen gereizt.“ Sollten Würmelings Grundsätze allgemein gelten, dann dürften auch Mozarts „Don Giovanni“ und sein „Figaro“ nicht mehr aufgeführt werden.

Der weitere Verlauf der Debatte zeichnete sich dadurch aus, daß nicht nur von der Opposition, sondern auch von den Vertretern der Koalition, von der DP und der FDP, vorzügliche Reden, alle allerdings gegen den Koalitionsminister Würmeling, gehalten wurden. Da gab es treffliche Formulierungen. So sagte der sozialdemokratische Abgeordnete Kühn, man könne vom „Volksempfinden“ über die „Volksdemokratie“ zur „Volkszensur“ kommen. Es gäbe dafür einen Modellfall: die Aktion des Pfarrers Klinkhammer gegen den Film „Die Sünderin“. Dieser Pfarrer habe gegen die Aufführung ein Rollkommando mit Stinkbomben organisiert, und Würmeling habe ihm daraufhin ein Glückwunschtelegramm geschickt.

Der Abgeordnete Mende von der FDP erinnerte daran, daß die meisten deutschen Filme mit einem Happy-End schlössen, sie träten also doch für die Legalisierung der Liebesbeziehungen ein. Er lobte die „Selbstkontrolle des deutschen Films“, die eine geradezu ideale Zusammensetzung habe. Mit großen Bedenken, sagte er, habe die FDP den Weg Würmelings ins Kabinett verfolgt, und er erinnerte an die Ausfälle, die sich der Minister im letzten Wahlkampf geleistet hat, als er in Düsseldorf sagte: „Die Liberalen sind genau so schlecht wie die Marxisten, nur unbedeutender und ungefährlicher.“

Auch die DP war sehr scharf in ihrer Kritik des Familienministers. Der Abgeordnete Becker warf ihm vor, er kenne nicht die Grenze zwischen einem weltlichen Amt und einer kirchlichen Aufgabe. Was die Frage eines Kulturkampfes betreffe, so müsse er – angesichts der ständigen Agitation Würmelings – sagen, daß doch vieles, was „im Lande“ vorgehe, sehr bedenklich stimme.

Und was sagte die eigene Partei zur Verteidigung des angegriffenen Ministers? Sie versuchte – nicht ganz so geschickt wie der Innenminister Schröder – sich von dem Fall Würmeling zu distanzieren. Ihre Abgeordneten sprachen von finanziellen Fragen, von dem UFA-Vermögen, den Bundesbürgschaften für den deutschen Film, von der Aufhebung der Vergnügungssteuer für gute Filme, die aus künstlerischen und „staatspolitischen“ Gründen gefördert werden müßten. Von Herrn Würmeling war dabei so gut wie gar nicht die Rede. Und was endlich der Familienminister selber in der Debatte zu sagen hatte, war kläglich. Er habe eine Zuschrift bekommen, offenbar aus SPD-Kreisen, in der es heiße: „Vom Film muß verlangt werden, daß er die angeborene Dummheit der Männer und die Raffiniertheit der Frauen schildert. In jedem anderen Fall ist er unmöglich.“ Für das Wort „offenbar“, das ein Foul ist, wie es in parlamentarischen Debatten der Welt sonst nicht zugelassen wird, erhielt er keinen Ordnungsruf.