Ich gestehe meine anfängliche Verlegenheit ein, als ich für diese Bücher, die ein Tscheche, ein Engländer und ein Franzose geschrieben haben, einen gemeinsamen Nenner zu finden suchte, doch ging mir beim nochmaligen Durchblättern des ersten Buches plötzlich auf, wie sehr sie unbeschadet ihrerkünstlerischen Individualität doch durchweg das Signum ihrer Nation zu tragen scheinen und sich dadurch gegenseitig profilieren, und gleichsam bedingen. – Nur ein so emotioneller und labiler Slawe wie Karel Ćapek konnte in seinem Englandbuch den Stoizismus dieses Inselvolkes so hintergründig sichtbar machen, daß man das Buch des britischen Romanciers Somerset Maugham, wenn man es als zweites zur Hand nimmt, wie eine Bestätigung dafür empfindet; und schaut man dann zum Franzosen Jean Cocteau, so spürt man wiederum, daß zwischen seiner Art und der des Engländers weit mehr als eine Kanalbreite liegt.

Zuerst also Karel Capeks Buch "Seltsames England" (Gebr. Weiß-Verlag, Berlin, mit 74 Zeichnungen des Autors, 5,80 DM). In scheinbar willkürlichen Ausschnitten führt Ćapek uns auf einer Reise durch Leben, Geschichte und Natur des Inselreiches, durchwandert mit uns Parklandschaften, die die Stelle von Wiesen und Äckern einnehmen, oder Museen, Kathedralen und Kleinstadtgasse. Und plaudert dabei auf eine einmalige Art. Ob er nun vor einem baumlangen Bobby oder vor einem alten Turm steht, sein Lachen und seine Verwunderung sind von berückendem Charme, und immer treffen Blick und Wort im scheinbar Zufälligen das Wesentliche. So, wenn er etwa obenhin erwähnt: "Ich vermute, daß England das Land der Freiheit deswegen geworden ist, weil es dort jedermann erlaubt ist, den Rasen zu betreten." Oder, wenn er von seiner Begegnung mit G. B. Shaw sagt: "Ich konnte ihn nicht besser zeichnen, denn fortwährend bewegt er sich und redet."

Dann: Somerset Maugham, der mit unerschütterlicher Gelassenheit die Geschichte "Rosi und der Ruhm" (ebenfalls Gebr. Weiß-Verlag, Berlin, 9,80 DM) erzählt. Wie es einem Gentleman ansteht, tut er anfangs so, als ob ihm selbst die Sache wenig anginge, und während man eben beginnt, sich über dies halbmüde Gerede im englischen Klubstil zu ärgern, findet man sich unversehens in den Strom eines bis dahin unsichtbaren Geschehens eingefangen, der einen nun bis in ein fast atemberaubendes Finale mitreißt. Nur der Autor selbst bleibt scheinbar unberührt davon, und diese Verhaltenheit des Wortes, diese Sprödigkeit der Geste gerade gibt dem Unausgesprochenen Tiefe und Glanz. Es geht ja gar nicht um die Biographie eines verstorbenen Romanciers, die da mit vielem Hin und Her beredet wird, und selbst das amüsante Bild der englischen Gesellschaft um die Jahrhundertwende, das der Autor mit kühl-spöttischem Lächeln zeichnet, bleibt nur der Rahmen. Im Kern verborgen liegt die tragisch anmutende, animalische Verbundenheit zwischen diesem zum Ruhm herangealterten Schriftsteller Drieffield und seiner jungen, treulosen und ein wenig verwöhnten Frau Rosi, das ihn schließlich verläßt, um einer Nachfolgerin den öffentlichen Kultbetrieb mit seiner Person zu überlassen.

Der Weg von hier zu Jean Cocteau und seinem Roman "Kinder der Nacht" (Les enfants terribles), (bei Kurt Desch, München, 9,40 DM), führt nicht nur in ein anderes Land, sondern in eine andere Welt. Nicht hintergründig, sondern zwielichtig, mit allem Zauber des Atmosphärischen, hat dieser Franzose sein Buch geschrieben, in dessen Mittelpunkt ein Geschwisterpaar steht, das sich in unbewußter erotischer Gebundenheit aneinander verzehrt; das in einem Elendszimmer der Pariser Altstadt eine Scheinwelt um sich aufbaut, um in ewiger Kindheit zu leben und schließlich am Einbruch fremder Liebe in diese Welt zugrunde geht. Dieses vage Gleiten und Tasten reifender Pubertät hat der Autor anfangs mit einer Hellsichtigkeit eingefangen, die Ungewöhnliches verheißt, doch dann ist es plötzlich, als ob ihm der Faden aus den Händen glitte. Das Besondere wird zum Absonderlichen und das Ende mit der etwas läppisch eingefädelten eifersüchtigen Intrige Elisabeths, die zum Selbstmord ihres Bruders Paul und auch zu ihrem Tode führt, entartet einfach in Kitsch. Darüber vermag leider auch seine Verve und unbestreitbare Könnerschaft nicht hinwegzutäuschen. Günther Thaer