J. A., Hamburg

Am 25. April, um 1.51 Uhr, erreichte die Polizei Hamburg ein Anruf aus einer Gastwirtschaft, daß in einem wenige Meter entfernten Treppenhaus ein bewußtloser Mann liege. Doch erst 12 Minuten später traf der Radiostreifenwagen ein. Der zuständige Streifenwagen hatte eine Minute vor jenem Anruf die Order erhalten, in einem anderen Stadtteil Hilfe zu leisten. So mußte ein mehrere Kilometer entfernt stehender Wagen zu dem Hilfsbedürftigen geschickt werden. Die Fahrt dauerte 11 Minuten. Auf dem Wege ins Krankenhaus starb der Bewußtlose.

Ohne auf die Todesursache näher einzugehen, besteht theoretisch die Möglichkeit, daß schnellere Hilfe den Tod dieses Mannes verhindert hätte; 11 Minuten Fahrzeit sind in der Radiostreifenwagen-Abteilung eine extrem lange Frist, der Durchschnitt liegt bei 4 Minuten. Die angestrebte Durchschnittszeit jedoch beträgt 2 Minuten Fahrt zu jedem Einsatz. – In derselben Nacht kam um 3.53 Uhr ein Notruf. Nach 9 Minuten traf der Peterwagen ein und konnte den auf der Straße liegenden Betrunkenen in Sicherheit bringen. Die Nacht war gegen die Frostnächte der Vorwoche, lau gewesen und der Zecher erkältete sich nur. Bei Frost hätte er schwere Gesundheitsschaden davongetragen. Während das Wetter diesem günstig gesonnen war, brachte es einige Stunden später einem anderen den Tod. Um 6.18 Uhr benachrichtigte irgend jemand die Polizei, daß ein Mann ins Wasser gegangen sei. 4 Minuten später traf der Funkstreifenwagen ein und barg ihn, aber auf dem Transport ins Krankenhaus starb er. Theoretisch besteht auch in diesem Fall die Möglichkeit, daß schnellere Hilfe ein Leben erhalten hätte. Oft genug sind Menschen verblutet, weil sich die Hilfe verspätete. – 21 Funkstreifenwagen laufen in Hamburg, davon werden im Mai zwei als völlig unbrauchbar aus dem Verkehr gezogen; sie sind veraltet und fahren nur noch 50 Kilometer in der Stunde. Unter den verbleibenden 19 Wagen sind 5 neue Mercedes 220 (mit Funkeinrichtung 21 000 DM das Stück). Im März 1954 fuhren Hamburgs Funkstreifenwagen ingesamt 4732 Einsätze. Die Mehrzahl sind Hilfeleistungen, die vom Einfangen entlaufener Katzen bis zur Schlichtung von Mieterstreitigkeiten reichen. 334mal wurden vorläufige Festnahmen und Verhaftungen durchgeführt, doch bei 178 Einsätzen in Fällen von Verbrechen und Vergehen kamen die Funk wagen zu spät, weil entweder der Anruf bei der Polizei zu spät erfolgte oder die Fahrzeit zum Tatort zu lange dauerte. Die Täter waren entkommen.

Westberlin hat 100 Radiowagen laufen, „weil es aus politischen Gründen notwendig ist“. Hamburg hat nur 19, weil nicht genügend Mittel im Haushaltsplan für die Sicherheit der Einwohner vorgegesehen sind. Dabei sind 50 Radiostreifenwagen bei der Ausdehnung des Hamburger Stadtgebietes eine Anzahl, die man nicht gerade als reichlich bezeichnen kann. New York hat 1100 Funkwagen ständig im Einsatz, von der Reserve ganz zu schweigen. Hamburg hat zwei „Reserve-Funkwagen“, die deshalb in Reserve sind, weil sie sonst öfter wegen Pannen ausfallen würden. Hamburgs Wagen fahren 14 Tage lang jeden Tag 24 Stunden, dann kommt ein Pflegetag und wieder 14 Fahrtage. Der motorisierte Verkehr nimmt zu, die Unfälle nehmen zu, nur die Funkwagen werden nicht mehr – eine etwas absurde Entwicklung, allein vom Standpunkt der Verkehrssicherheit gesehen. Die Polizei hat aber mit dem Funkstreifenwagen eine Möglichkeit bekommen, ununterbrochen Schutzpatron jedes einzelnen Bürgers zu sein; die Technik gab ihr mit Telefon und Funk Augen, die überall hinsehen können. Aber was für einen Sinn haben alle diese Dinge, wenn sie nicht voll ausgenutzt werden können?

Was der Bobby für die Engländer ist, wurde der Funkstreifenwagen für Westdeutschland: Freund und Helfer in allen Situationen. Die Statistik beweist, daß die Polizei immer mehr zu allen Angelegenheiten hinzugezogen wird, die vor einigen Jahren noch allein ausgestanden wurden. Nur durchschnittlich 20 Falschmeldungen im Monat werden verzeichnet. Aber trotzdem passieren immer wieder Fälle, wo die Polizei sich selbst fragt: wie kommt es, daß wir erst so spät benachrichtigt wurden?

Die Polizei ist in Hamburg telefonisch über 110 zu erreichen. Das setzt voraus, daß genügend öffentliche Fernsprechzellen oder sonstige Telefone vorhanden sind. In den besseren Gegenden steht das Telefon auf dem Nachttisch und bei verdächtigen Geräuschen wählt man einfach 110. In den Gegenden der Minderbemittelten gibt es kaum Privattelefone und weniger Fernsprechzellen. Wenn dort mal die Polizei gebraucht wird, dauert es immer längere Zeit, bis sie überhaupt gerufen wird. Oft sind nicht die zwei Groschen da für den Notruf, oft ruft einer nicht die Polizei, weil er mit seinen Groschen rechnen muß. Was läge nun näher, als zu sagen: Einbau von Sperrscheiben oder Änderung dahingehend, daß ohne Gebühren Notruf benutzt werden kann?

Die Bundespost hat ihren Standpunkt: Beim Notruf werden Einrichtungen der Post benutzt, es erfolgt eine Leistung der Bundespost, für die eine festgesetzte Gebühr zu entrichten ist. Oberpostrat Schaarschmidt in Hamburg kommentierte: „In dringenden Fällen wird wohl jeder 20 Pfennige für seinen Mitmenschen übrighaben.“ Das ist eben gerade nicht der Fall – der Oberpostrat hat da eine zu gute Meinung von einigen Mitmenschen, oder er taxiert den Wert von 0,20 DM bei einem kleinen Gehalt nicht richtig ein.

Erst wenn genügend Funkstreifenwagen vorhanden sind, ist alles für die Sicherheit getan worden, was getan werden konnte. Es darf nicht vorkommen, daß die Rettung von Menschenleben Sache des Zufalls ist, wie zum Beispiel am 29. April, als ein Passant die Polizei benachrichtigte, daß in einer Wohnung der X-Straße spielende Kinder die Gardinen in Brand gesteckt hätten. Alle Funkwagen waren im Einsatz. Neun Minuten später erst konnte der erste zur Stelle sein. Die Kinder waren bereits gerettet: Andere Passanten hatten die nächste Wache alarmiert, von wo die Polizisten zu Fuß kamen und doch noch vier bis fünf Minuten eher eintrafen.