Ein Oberamtsrichter schlägt seine eigene Frau vor – Vier Jahre Kampf um ein reiches Mündel

Es gibt einen Fall, über den spricht man in Unna in der Öffentlichkeit nicht gern. Fragt man danach in einer Wirtsstube, bekommt man zur Antwort: „Da hat schon mal eine Frau fünf Monate Gefängnis erhalten, die hatte darüber an einen Abgeordneten geschrieben. Wir denken nicht daran, uns die Finger zu verbrennen.“ Und fragt man trotzdem weiter, so bekommt man den guten Rat: „Lassen Sie die Sache ruhen, sonst haben Sie es mit den Gerichten zu tun.“ Dieser geheimnisvolle Fall heißt in Unna der Fall Moenikes. Es ist die Geschichte von Oberamtsrichter Moenikes und seiner Frau. Aber es gibt nicht nur Gespräche, es gibt auch Akten, Gerichtsakten, die den Fall sehr genau wiedergeben.

Im Jahre 1948 starb in Afferde der Landwirt Wilhelm Habbes. Er hinterließ eine Tochter Gisela. Sie war im Jahre 1936 unehelich geboten. Mit seinem Freund, Dr. Wilhelm Kötting, hat Habbes gleich nach der Geburt alle Schritte besprochen, die das weitere Schicksal des Kindes betrafen, an dem die Mutter offenbar nicht viel Interesse zeigte. Als der Vater zu erkennen glaubte, „daß das Kind sein körperliches Ebenbild“ sei, holte er es aus dem Kinderheim, ließ es für ehelich erklären und setzte es zu seiner Erbin ein. Nach 1945 wurde er von den Engländern in ein Lager gesperrt, weil er Mitglied der NSDAP, Landesbauernführer und Reichstagsabgeordneter gewesen war. Am Tage nach seiner Entnazifizierung starb er. In seinem Testament hatte er seine Wirtschafterin Anna Muschert zum Vormund eingesetzt. Und hier nun nimmt der Fall Moenikes seinen Anfang.

Geschenkte und gestohlene Milch

Habbes, der ein vorzüglicher Landwirt war, hatte eine Reihe guter Freunde. Sie fühlten sich – was für sie spricht – für das verwaiste Kind verantwortlich. Dr. Kötting schlug einen Verwalter für den Hof vor und machte eine Erzieherin, die vorzügliche Zeugnisse hatte, für die Tochter namhaft. Er mußte erfahren, daß Fräulein Muschert auf den Rat der Freunde des verstorbenen Bauern Habbes nicht hören wollte, ja, daß sie, sobald einer von ihnen den Hof betrat, das Mündel einsperrte. Nur einer hatte ständig ungehindert Zutritt zum Hof und zu Gisela – wogegen sich auch gar nichts sagen läßt: der Vormundschaftsrichter, Oberamtsrichter Moenikes aus Unna.

Bei seinen häufigen Besuchen auf dem Hof in Afferde brachte dieser Vormundschaftsrichter regelmäßig eine Milchkanne mit – es war zu der Zeit, als Nahrungsmittel noch bewirtschaftet wurden – und nahm zusätzlich Lebensmittelpakete in Empfang. Übrigens stellte sich bei einem Verfahren, das auf Grund einer Anzeige eingeleitet worden war, heraus, daß Fräulein Muschert auf dem Hofe Schwarzschlachtungen hatte vornehmen lassen, weshalb es ihr denn auch nicht sonderlich schwergefallen sein dürfte, Lebensmittel abzugeben. Hierzu schreibt am 8. August 1951 der Präsident des Landgerichts in Dortmund, Dr. Schwens, an Dr. Kötting: „Daß Oberamtsrichter Moenikes vor Jahren Milch und andere Lebensmittel für den eigenen Bedarf vom Habbesschen Hof bezogen habe, werden sie ernstlich wohl selbst nicht als Grund zu Maßnahmen der Dienstaufsicht ansehen. Ich lehne es jedenfalls ab, derartige Maßnahmen wegen eines lange zurückliegenden, durch die Not der damaligen Zeit gerechtfertigten Sachverhalts zu ergreifen.“ Gerechtfertigt – daß ein Vormundschaftsrichter sich aus dem Eigentum eines ihm zur Aufsicht unterstellten Mündels Vorteile verschafft, und zwar solche, die ohnehin nach dem Gesetz strafbar waren! Nun, wir wollen einmal sehen, was aus dieser gerechtfertigten Handlung alles entstanden ist, und damit kommen wir zu dem Prozeß, der den Leuten in Unna noch heute die Rede verschlägt.

Auf dem Hof des Landwirts Habbes war seit 1946 Polikarp Kohnz als Verwalter angestellt. Mit ihm wohnten dort seine Frau und seine Kinder. Nach dem Tode des Bauern Habbes – der mit seinem Verwalter keinen Streit gehabt hatte – kam es, so heißt es im Urteil des Landgericht: Dortmund gegen die Ehefrau Kohnz, zwischen der Anna Muschert, die damals auch Vormünderin von Gisela Habbes war, und Kohnz „zu Reibereien“. „In diesen Fällen ließ die Muschert“ – so das Urteil – „den Nebenkläger (Oberamtsrichter Moenikes) stets zu sich auf den Hof bitten.“ Natürlich blieb es dem Ehepaar Kohnz nicht verborgen, daß, wie es im Urteil heißt, die Muschert den Oberamtsrichter und seine Frau „einige Male“ zum Abendessen einlud und ihm „wiederholt Milch und andere Nahrungsmittel mitgab“.