Von George Grosz

Der Maler, Zeichner, Karikaturist und Zeitsatiriker George Grosz folgte 1932 einem Ruf nach New York und blieb seither dort. Dieser Tage kehrt er als Besucher nach Deutschland zurück. Seine Selbstbiographie – Grosz führt auch eine überaus gewandte Feder – schildert ein halbes Jahrhundert internationalen Kunstlebens. Dem Buche, das im Verlag von Ernst Rowohlt erscheinen wird, ist folgender Abschnitt entnommen.

Im alten Café des Westens, Ecke Kurfürstendamm und Joachimsthaler Straße, lernte ich eines Abends Theodor Däubler kennen, und er schrieb gleich einen Artikel über mich für die Weißen Blätter. Es war noch 1916. Die Weißen von dem Deutsch-Elsässer René Schickele herausgegeben, waren ein intellektuelles Magazin mit pazifistischer Tendenz, das verschleiert gegen den Krieg und für Völkerverständigung eintrat. Auch mitten im Krieg las man darin Gedichte und Artikel „feindlicher“ Ausländer; man wurde mit Henri Barbusse bekannt gemacht und auf Romain Rolland hingewiesen. Die Weißen Blätter brachten unter anderem eine der besten Novellen des damals noch ganz unbekannten Schriftstellers Leonhard Frank („Der Vater“). Sie entdeckten Franz Kafka („Die Verwandlung“). Sie entdeckten auch mich.

Däublers Artikel – mit Abbildungen – machte mich sozusagen über Nacht bekannt, wenn auch zunächst nur in „intellektuellen“ Kreisen.

Man sprach über mich. Ich war selbst ein wenig überrascht, aber nicht unangenehm. Ich, der ich vorher nur ein paar Freunde kannte, kam nun mehr herum. Ich brauchte den jungen Mann in Flauberts „Education sentimentale“ nicht mehr um seine gesellschaftlichen Beziehungen zu beneiden. Ich wurde eingeladen. Neue Freunde tauchten auf. Merkwürdige Menschen traten in meinen Gesichtskreis: Schriftsteller, Gelehrte, die sich mit Astronomie beschäftigten und vegetarisch lebten, Bildhauer mit Verfolgungswahn, Volksbeglücker mit verborgenen Lastern, ein gescheiterter Trinker, der von Übersetzungen lebte, Maler, Musiker und Philosophen. Was für ein merkwürdiger und interessanter Reigen! Nachtmenschen waren das, manche wie Schattenpflanzen, wie Bilsenkraut, das nachts in der Nähe der Dunghaufen blüht und giftig ist – Maulwürfe manche, die blind unter der Erde lebten – Molche wieder andere, denen ein Stück abgeschlagenen Schwanzes sofort wieder nachwuchs und die unverwundbar schienen.

Wir verkehrten alle im Café des Westens; am späten Nachmittag oder spät in der Nacht saßen wir dort und disputierten. Politisch gingen unsere Ansichten auseinander. Lose nur verband uns ein Gemeinsames, ob wir nun mehr „aufgeklärt“ oder mehr „religiös“ eingestellt waren: wir liebten die herrschende Militär- und Großindustriellenklasse nicht – und wir wußten schon im Jahre 1916, daß dieser Krieg nicht gut ausgehen konnte.

Da war mein lieber Freund, der Theodor Däubler, Theodor der Dicke genannt...

Er war ein sogenannter Mittelmeermensch. Er hatte einen Bart und einen Bauch, war ein gewaltiger Esser und Raucher und hatte das gewaltige Epos „Das Nordlicht“ geschrieben. Ihm zuzuhören war ein Genuß. Am liebsten hatte er junge Leute um sich, Dichter und Maler; er war der Mittelpunkt eines kleinen Kreises, und wenn er so auf dem Sofa lag, das drückende Hosenband bald aufgemacht, hätte er wirklich ein griechischer Philosoph sein können, der seine Schüler um sich versammelte. Auch sein Zeuskopf ließ auf diese Art weiser, beherrschten Lebenskunst schließen.

In Wirklichkeit war er ganz anders.

Immer gehetzt war er und viel in Geldnot, obwohl er unter anderem eine Monatsrente vom Inselverlag bezog und also genug zum Leben hatte. Das wat es nicht – nein, das Geld wollte nicht bei ihm bleiben, es rann von ihm fort und oft in trübe Kanäle. Auch von einer Patronin seiner Kunst, der nicht mehr jungen Frau eines Dresdener Mühlenbesitzers, erhielt er Geld – und das beunruhigte ihn ebenfalls, denn er konnte beim besten Willen nicht mehr als eine platonische Gegenliebe für die Dame aufbringen. Er war ein ängstlicher Mensch und fühlte sich von allen möglichen Gewalten verfolgt. Und er war ehrgeizig und betonte immer wieder, wie sehr es ihn quäle, daß er so wenig Anerkennung finde und noch nicht „durch“ sei.

Ich sehe ihn noch, wie er mit wütenden, hungrigen Augen aus der Küche kam, in der seine Schwester das Abendbrot richtete, in jeder Hand eine große, rohe unabgeschälte Kartoffel. Wütend ging er hin und her, immer mit seinen Zähnen in die Kartoffel beißend und sie abschälend wie ein Nagetier. Die abgekauten Schalenstückchen warf er achtlos irgendwohin – in eine leere Blumenvase, auf den Kamin, aufs Bücherregal. Auf und ab, auf und ab ging es wie ein vorsintflutliches Monstrum. Es schnarrte, rasselte und schnalzte; dazwischen rief er dauernd: „Ich bin noch nicht durch – ich bin noch nicht durch –“

Wir gaben einmal ein kleines Essen für ihn und ein paar Freunde, und meine Frau hatte extra eine gehörige Doppelportion Spaghetti mehr gemacht als gewöhnlich. Die große, flache, im Herd überbackene Schüssel wurde Däubler als dem Ehrengas: zuerst gereicht; er gab sie aber nicht weiter, sondern ließ sie ruhig vor sich stehen, schob seinen Teile: beiseite und aß im Handumdrehen mit einer Art apokalyptischen Hungers die Schüssel leer... Ei war etwas Vulkanisches an ihm, wenn er so aß, Man konnte diesem Naturschauspiel nur zusehen, Die Spaghetti wurden mit Chianti hinabgespült; einige blieben auch im Barte hängen, und da er dabei noch sprach (er tat immer alles zugleich; nordische Zurückhaltung und Disziplin waren ihn fremd), so sprangen die Stücke rechts und links davon – es war formidabel. Es war das Essen an sich die Sättigung als solche, die hier stattfand und der wir staunend beiwohnten.

Gleich hinterher wurde geraucht. Piff, paff – da war auch schon die Zigarre zu Ende, der Stummel verschwand und eine neue wurde angesteckt. Wie der Schornstein eines großen Ofens rauchte es.

Später entdeckten wir, wo Däubler die Zigarrenstummel ließ. Er steckte sie einfach seitlich ins Futter des großen Sessels, unter die Kissen, dorthin, wo die Polsterung beginnt. Natürlich waren da immer einige Löcher gebrannt und wir überlegten, ob wir vielleicht eine Art kleiner Blechrinne einbauen sollten. Schließlich nahmen wir es mit Humor als unsere Schuldigkeit für Däublers großartige Geschichten – die vom rothaarigen Sollmann etwa, der längst gestorben immer noch weiterlebte und eigentlich alle Bilder des berühmten Norwegers Edvard Munch gemalt hatte: manchmal sichtbar, manchmal unsichtbar sei er hinter Munch gestanden und habe ihm den Pinsel geführt, woher dessen Bilder auch ihre besonders von Deutschen so vielbewunderte mystische Note hätten...

Däubler hatte den Sollmann zuletzt in Venedig getroffen und von ihm gehört, er sei schon über hundertfünfzig Jahre alt. Er sei eben aus einer langlebigen Familie.

„Hast du ihn auch mal in Berlin gesehen?“ fragten wir.

„Ja“, sagte Theodor. „Das war.sehr merkwürdig. Ich saß im Kaffeehaus. Draußen war es sehr kalt – November, glaube ich –, mit Eisblumen am Fenster, aber nicht ganz zugefroren; hie und da sah man durch, auf die Potsdamer Straße. Auf einmal saust da eine Straßenbahn vorbei und ich sehe einen kleinen Mann dahinter herlaufen – oder nicht laufen, eher schweben – also Sollmann. Ohne Hut, das flammende Haar wie eine Aureole um den Kopf, und so unheimlich das klingt: mit zwei Paar Schmetterlingsflügeln an den Schultern! Natürlich, die Eisblumen – aber ich weiß doch, was, ich gesehen habe! Stellt euch das bloß vor“, schloß er, „Schmetterlingsflügel im November –“

Aus seinem Nordlichtepos, einem dreibändigen kosmologischen Kolossalwerk voll geheimer Symbolismen und Prophetien, die auszulegen nur Eingeweihten gegeben war, las er gerne vor. Sein Fehler dabei war, daß er sich an sich selbst berauschte (was den Dichtern ja leicht passiert) und nie aufhörte. War seine Freundin Else Lasker-Schüler anwesend, so hörte man sie oft gemütlich schnarchen, der dröhnenden Stimme des Nordlichtdichters zum Trotze friedlich entschlummert. Däubler pflegte sich nicht darum zu kümmern; er behauptete, es sei einfach unbewußte Eifersucht. Denn die Lasker-Schüler war ja auch eine Dichterin – eine kindlich-verspielte, die jedem einen Namen gab; mich zum Beispiel nannte sie Lederstrumpf wegen meiner damaligen Amerikaschwärmerei.