Von Johannes Jacobi

Es war einmal“ – so endete das Märchen vom Weltrang deutscher Kulturfilme. In den bösen Großgesellschaften der Ufa und Tobis wurde die Initiative erstickt, die den Einzelgänger jetzt angeblich auszeichnet. Aber die vertikalen Filmtrusts konnten sich den Luxus von Kulturfilmabteilungen leisten, in denen Zeit und Geld nicht die Hauptrolle spielten. Aus jenen Laboratorien des experimentierenden Films kamen zuweilen optische Forschungsberichte, auf die Gelehrte neidisch wurden.

Was Kulturfilmstudios leisten können, wenn sie den langen Atem einer tragenden Gesellschaft haben, das wurde auf der Kultur- und Dokumentarfilmwoche, die zum drittenmal in Mannheim stattfand, an zwei verschämt kaschierten Moskauer Kulturfilmen sichtbar. Sie zeigen unter dem zusammenfassenden Abendtitel „Auf Tierpfaden“ das Leben einer Biberfamilie und die Jagd auf einen seltenen Steinbock. Deutschen Kulturfilmproduzenten fehlt für so etwas im allgemeinen die Zeit zur auswählenden Beobachtung, Laboratorium und Gehege als Ergänzung der freien Wildbahn und eine finanzielle Situation, die solch langwierige Unternehmungen wirtschaftlich rentabel macht. Ein deutscher Kulturfilmproduzent wie Heinz Sielmann kann allenfalls ein paar Frösche und Kröten zur Laichzeit belauern und dann als „Konzert am Tümpel“ Ausschnitte aus dem Leben seiner Objekte servieren: ein reizendes „Feuilleton“, aber ein Intermezzo.

Gleichwohl schickt die deutsche Filmwirtschaft zu internationalen Wettbewerben mehr Kultur- als Spielfilme. Für die Biennale in Venedig sind aus Deutschland nur ein Spielfilm, aber sechs Kulturfilme gemeldet; zu den internationalen Filmfestspielen 1954 in Berlin zwei Spielfilme und fünf Kulturfilme. Wie der Begriff „Kulturfilm“ auch im internationalen Lichte schillert, dafür lieferte Mannheim mit seiner aus volksbildnerischen Gründen veranstalteten Mustermesse von rund 275 Kultur- und Dokumentarfilmen aus 19 Ländern bestürzendes Vergleichsmaterial.

Überzeugend wirken vor allem Reportagen, sofern sie sachlich auf ihr Objekt gerichtet sind, es mit sauberem Handwerk vermitteln, aber die fatale „künstlerische Gestaltung“ vermeiden. Außer manchen Lehr- und Werbefilmen gehören hierher Berichte, wie ein amerikanischer Streifen „Walfischfänger“, ein französischer „Ces gern du nord“ oder ein österreichischer über die Stadt Linz. Was in deutschen Versionen dazu als erklärender Text gesprochen wird, das steht freilich zuweilen in Widerspruch zur optisch-sachlichen Anlage der Filme selbst. Expeditionsberichte, etwa „Im Lande der Königin von Saba“ von Hans Helfritz oder ein französischer Streifen vom Leben der Pinguine, bedeuten eine Erweiterung der Welt- und Lebenskenntnis, auch wenn technisch nicht alles ganz gelungen ist. In diese Gruppe dokumentarischer Spiegelung fallen Sport- und wissenschaftliche Filme, etwa medizinische Berichte mit der Röntgenkamera und die psychoanalytische Erschließung von Traum und Wirklichkeit.

Probleme tauchen auf wie Eisberge, sobald die Hersteller solcher Dokumente der Wirklichkeit sich auf ihre Sparte „Kulturfilm“ besinnen. „Filmische“ Gesichtspunkte toben sich dann als objektverfälschende Interessantheit besonders auf dem Gebiet des Kunstfilms aus. Wie schön, daß die photographische Linse Monumente der Plastik von ihren Pfeilern holen und auch architektonische Details, die dem lieben Gott gewidmet sind, aus der Nacht der hohen Dome ins Licht der Öffentlichkeit rücken kann. Aber muß es denn partout das falsche Licht von einem sinnwidrigen Standort sein, kennt die bewegliche Kamera keine andere Art der „Verlebendigung“ als eine Licht- und Schattendramatik, mit der das Werkgesetz des Objekts meist gar nichts gemein hat? Der Kurzfilm würde als Kunstmittler eine heute fast notwendige Aufgabe erfüllen, wenn er überlieferte oder neue Werke der bildenden Kunst dem Betrachter in sinngemäßer Weise aufschlösse. Dazu gehörte allerdings die nur selten anzutreffende Fähigkeit, Kunst als Komposition, als Formgeschehen zu verstehen.

Von den in Mannheim gezeigten Filmen näherte sich ernsthaften Ansprüchen jener Schweizer Streisich der Leben und Werk Hodlers in ihrer gegenseitigen Durchdringung zwar ein wenig tendenziös, doch formbewußt verdeutlichte. Ein deutsches Gegenbeispiel lieferte Alfred Ehrhardt mit seinem „Bronzetor von San Zeno“. Hier wurde die an sich ausgezeichnete Photographie von Reliefplastiken aus dem 13. Jahrhundert poetisiert durch Bibeltexte (von Mathias Wieman gesprochen) und dramatisiert durch Orgelgetön und Donnergrollen. Ein Zuschauer, der kunstgeschichtlich nicht beschlagen ist, mußte dennoch befremdet diese Gesichter sehen, von denen ihn Jahrhunderte trennen, sich wunden über Haltung, Figuren. Ihre Besonderheit und Proportionen der Figuren. Ihre Besonderheit und Bedeutung blieb ihm unerschlossen, die Fremdheit etwas, nicht überbrückt, nur Staunen erzeugt über etwas, das man nicht mehr versteht. Das ist „Kulturfilm“ als Verführung zum Snobismus. Auch an einem sachlich fesselnden belgischen Film „Elle sera appellée femme blieb bedauerlich, daß alte Negerskulpturen von biblischen Texten kommentiert Frau den. Man wollte zugleich „die Stellung der Frau in der Negergesellschaft“ deutlich machen und einer „Film von tragischer Poesie“ auf den Markt bringen. Die Eigenform eines „Kulturfilms“, der über Bericht und Belehrung hinaus ein Kunstwerk wird, ist offensichtlich nur wenigen erreichbar. In Mannheim sah man zwei. In der Technik knüpfte an frühere deutsche Kulturfilme der belgische Streifen „Brügge“ an. Ohne erklärenden Sprecher, von einer diskreten Musik illustriert, erschien die alte Stadt in der Darstellung von Gerard de Boe als ein Lebewesen, aus ferner Zeit. Die Kunst perspektivischen Sehens eine behutsame Farbpoesie und klug ordnende Thematik erzeugten eine Atmosphäre, in der die Wesenheit Brügge als filmischer Eindruck auflebte. Auf der Basis des Tierfilms erhob sich zu besonderer Höhe der französische „Crin Blanc (Der weiße Hengst) von Albert Lamorisse. Hier gelang aus Tierszenen und Landschaft eine Ballade. Ihrer optischen Kraft konnte man sich nicht verschließen, auch wenn man einzelne Züge einer sparsamen „Handlung“ als Effektzutaten empfand.