Gebleichte, gefärbte, konservierte, „geschönte” Lebensmittel Auf der letzten Jahresversammlung (Mai 1953) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde eine Statistik vorgelegt, die folgendes besagt: In Europa und in Amerika war um das Jahr 1900 jeder 20. Todesfall auf eine Krebserkrankung zurückzuführen; in unseren Tagen aber jeder siebte bis achte Todesfall. In der Deutschen Bundesrepublik, in Österreich, in der Schweiz, in Holland und Dänemark stirbt sogar jeder sechste an Krebs. Im Jahre 1950 starben in der Bundesrepublik 493 416 Einwohner, davon als Krebsopfer 80 841 Menschen; über 43 000 Frauen und rund 37 000 Männer. Der Krebstod hat sich also innerhalb eines halben Jahrhunderts verdrei-, ja vervierfacht – in einem Zeitabschnitt, der mit dem größten Erfolg viele Krankheiten und Seuchen zurückdrängen, zum Teil sogar fast ausrotten konnte.

Nun dürfen freilich folgende Tatsachen nicht unberücksichtigt bleiben: Die diagnostischen Hilfsmittel waren um 1900 noch nicht so allgemein eingeführt und verbreitet, um jeden Krebstodesfall als solchen erkennen und statistisch auswerten zu können. Viele mögen damals an „Auszehrung“, „Altersschwäche“ usw. gestorben sein, während sie in Wirklichkeit Krebskranke waren. Ferner sind heute durch-die inzwischen eingetretene Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung (1870/80 rund 36 Lebensjahre, 1920/30: 62 Lebensjahre) viele Menschen in jenes höhere Lebensalter aufgerückt, das den sogenannten Alterskrebs erst zuläßt.

Dies mag alles zutreffen – aber warum ist nun in den unterentwickelten, nicht hochindustrialisierten Ländern die Zunahme der Krebssterblichkeit wesentlich geringer? In Portugal starben (1950) – unter insgesamt rund 103 000 Todesfällen – nur 4800 Personen an Krebs; in Chile ebenfalls nur der zwanzigste Teil, und auf Ceylon waren bei insgesamt 95 000 Toten nur knapp 1000 Krebstote zu verzeichnen. Daß dies nicht mit „Rasse“, „Klima“ und ähnlichem erklärt werden kann, beweist wiederum Japan. In diesem hochindustrialisierten Staat befanden sich (1950) unter rund 900 000 Verstorbenen allein über 65 000 Krebsopfer. Die starke Zunahme der Krebserkrankungen und Krebstodesfälle muß also doch etwas mit dem durch Technik und Zivilisation veränderten Leben zu tun haben!

Einer unserer bedeutendsten Ernährungsphysiologen, Prof. Kollath, schätzt die Zahl der bei uns im Jahre 1950 an den sogenannten Zivilisationskrankheiten (Krebs, Herzkrankheiten, Gehirnblutungen usw.) Gestorbenen sogar auf über 250 000 und bezeichnet vor allem unsere heutige Ernährungsweise als Ursache jener geheimnisvollen Stoffwechselkrankheiten. Er meint, daß der moderne Mensch zwar gut gefüttert, aber schlecht, ja falsch ernährt sei und schreibt:

„Verfolgt man nun die Wandlung unserer Ernährung über die letzten Jahrhunderte, so findet man, daß bis zum Jahre 1840, mit dem das eigentliche Zeitalter der modernen Technik beginnt, die Ernährungsprobleme immer dieselben geblieben sind: ausreichende Menge, sorgfältige Aufbewahrung, mäßige Mahlzeiten. Aber seit durch die Entwicklung der Forschung ein Gebiet nach dem anderen in dem Ernährungsvorgang bekannt wurde, beginnen die heutigen Probleme. Man lernt die Bedeutung der Wärmeeinheiten kennen, der Kalorien, und nun beginnt der erstaunliche Vorgang, der sich nur aus der weltanschaulichen Situation des vergangenen Jahrhunderts erklären läßt; man schließt daraus, daß es allein auf diese kalorienliefernden Stoffe ankomme, und daß man alles andere aus der Nahrung entfernen könne, ja müsse. Man gelangt unter dem Einfluß der Maschinenentwicklung zu einer alles beherrschenden Verfeinerung der Nahrung, und der Wohlgeschmack wie der Glaube an die wissenschaftliche Begründung bringt die Mehrzahl der Menschen zur Gewöhnung an diese verfeinerte und denaturierte Kost. Langsam treten gewisse Stoffwechselkrankheiten auf.“

Kein Gebiet der Medizin wird seit Jahrzehnten so tief und gründlich durchpflügt wie das der Krebsforschung, aber noch ist es nicht gelungen, die Allheilmittel zu entdecken. Die moderne Wissenschaft hat diesen Todfeind jedoch weitgehend zerniert und hat Aufschlüsse erreicht, die Raum für Hoffnung lassen. Der Krebsforscher Prof. Bauer-Heidelberg, einer der führenden Köpfe an dieser Front, spricht von „körperfremden Krebsimpulsen“, deren Ursachen in „unserer technisierten, chemisierten, denaturierten, modernen Welt“ liegen. Hier decken sich nun die Anschauungen der Krebsforscher mit denen der Ernährungsphysiologen, und nur ein Vogel-Strauß-Gehirn könnte diese Anklage ignorieren.

Sie richtet sich vornehmlich gegen die Verwendung von gesundheitsschädlichen chemischen Stoffen, wie sie bei der Schonung, Färbung, Bleichung und Konservierung unserer Lebens- und Genußmittel gang und gäbe sind. Einige dieser Farbstoffe aus der Gruppe der Kohlenwasserstoffe, der Anilinderivate, hat die Forschung sogar als eindeutig „cangerogen“, d. h. als krebserzeugend bezeichnet! In Tierversuchen wurde ermittelt, daß durch Benzpyren und Cholanthren unter bestimmten Voraussetzungen mit ziemlicher Sicherheit bösartige Geschwülste erzeugt werden können. Ein Azo-Farbstoff das Dimethylaminoazobenzol, stand hier an der Spitze: im Rattenversuch wurde damit Krebs hervorgerufen. Und ausgerechnet dieser Azofarbstoff war unter dem anheimelnden Namen „Buttergelb“ in Umlauf; mit ihm wurden in völliger Unkenntnis seiner Gefährlichkeit unsere Butter und Margarine schön lockend goldgelb gefärbt... Auf der 55. Tagung der Deutschen Gesellschaft für innere Medizin, die im Mai 1949 in Wiesbaden stattfand, platzte die Bombe. Ihr Auslöser war kein Geringerer als Nobelpreisträger Prof. Butenandt, der Direktor des Max-Plank-Instituts für Biochemie. Er gab dieses bisher ängstlich gehütete Todesgeheimnis des „Buttergelbs“ preis. Die Erregung war ungeheuer, und man fragte mit Recht: Werden wir systematisch vergiftet? Sind wir alle schutzlos den hinterhältigen Anschlägen eines Giftmörderkonzerns ausgeliefert? Schauen Bundes- und Länderbehörden der zynischen und die Volksgesundheit bedrohenden Übertretung der im Grundgesetz feierlich beschworenen Bestimmungen, die auch der Lebensmittelüberwachung gelten, tatenlos zu? Was war geschehen? Als Butenandt seine Warnung aussprach, waren seit dem Verschwinden des gefährlichen Buttergelbs schon zehn Jahre verflossen! Im Jahre 1939 hatte die Forschung die krebserzeugenden Eigenschaften dieses Azo-Farbstoffes erkannt, damals verbot das Reichsgesundheitsamt seine Verwendung und veranlaßte die Herstellerfirmen, diesen Farbstoff zurückzuziehen. Was auch umgehend befolgt wurde, aber kaum jemand erfuhr es: denn auf Anordnung der damaligen NS-Reichsregierung durfte darüber kein Sterbenswörtchen in die Öffentlichkeit dringen. Diese typische Verschweigungs- und Unterdrückungstaktik der Diktatur hatte zur Folge, daß die Öffentlichkeit ahnungslos war und – nach der Enthüllung Butenandts – sich Tag für Tag der Giftmordbedrohung ausgesetzt fühlte. Und so wird man sogar noch heute in den weitesten Kreisen auf die Meinung stoßen, daß unsere Butter und Margarine nach wie vor mit „Buttergelb“ gefärbt werden! Dr. V. Hamann, ein Mitglied der Deutschen Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie, spricht deutlich aus, daß Butenandt mit seiner Warnung „offene Türen eingerannt“ habe, „wovon er sich später überzeugen mußte“: „Die verantwortungsbewußte Farbenindustrie hatte aber“, so schreibt Hamann, „was nicht oft genug wiederholt werden kann, der ersten Warnung des Reichsgesundheitsamtes sofort entsprochen und seit Ende 1939 kein „Buttergelb“ mehr in Verkehr gegeben.“