Kritik an den Krankenhäusern auf dem 57. Ärztetag

Die heutige Lage der deutschen Ärzte wird durch ein arges Mißverhältnis von Angebot und Nachfrage bestimmt. Immer noch übt der Arztberuf unverminderte Anziehungskraft auf junge Leute aus, die sich durch Neigung oder Familientradition zu ihm hingezogen fühlen. Andererseits ist die Nachfrage gering, weil sie künstlich reguliert wird durch die Institutionen, die die Kranken dem Arzt gegenüber vertreten und die Ärzte bezahlen. „Das Ich-Du-Verhältnis ist durch einen Dritten gestört“, sagte Dr. Hammer beim Hamburger Ärztetag. Diese Situation erlaubt es den Krankenhausträgern – das sind der Staat, die Kommunal verbände und die karitativen Verbände der beiden Konfessionen –, auch die Zahl der Krankenhäuser fast willkürlich festzusetzen und deren Arbeitsmaß und Entlohnung fast nach Belieben zu bestimmen. Der Krankenhausarzt arbeitet nach der Krankenhaus-Tarifordnung, in der es heißt: „... er (der Arzt) hat seine ganze Arbeitskraft in den Dienst des Hauses zu stellen“. Den Ansprüchen des Arbeitgebers an den Arbeitnehmer sind hier also keine Grenzen gesetzt. Während die Gewerkschaften mit Aussicht auf Erfolg die Vierzig-Stunden-Woche fordern, während die Lebenserwartung des Europäers in den vergangenen dreißig Jahren von dreißig auf vierundsechzig Jahre gestiegen ist, wird über die Kraft des Arztes Tag und Nacht, an Sonntagen wie an Feiertagen, nach Belieben verfügt, und immer häufiger erliegen selbst junge Ärzte dem plötzlichen Herztod durch Überanstrengung. Dafür erhalten Krankenhausärzte ein durchschnittliches Monatsgehalt von etwa 230,– Mark. Und selbst dieses wird noch nicht einmal von allen Kostenträgern als berechtigt anerkannt. Oft erhält ein sogenannter Volontärarzt oder ein junger Assistent gar nichts oder nur fünfzig Mark, wovon ihm in manchen Fällen noch 0,50 DM täglich abgezogen werden für ein Mittagessen, das aus Kartoffeln und Gemüse besteht, die bei der Patienten Verpflegung übriggeblieben sind. Dies, obwohl die Einkünfte des Hauses aus der Tätigkeit der Ärzte in der Regel weit über dem liegen, was das Haus für diese Tätigkeit aufwendet und obwohl erst die Arbeit des Arztes eine Pflegeanstalt zum Krankenhaus macht.

In den Vorschriften über Bau- und Einrichtung von Krankenhäusern wird gesagt, es müsse mit einer 75prozentigen Ausnutzung der Bettenzahl gerechnet werden. Tatsächlich sind aber in den 3 280 Krankenanstalten des Bundesgebiets von 516 000 Betten stets 90 Prozent, oft sogar 95 Prozent belegt. In vielen Häusern gibt es nicht einmal ein Untersuchungszimmer. Befragung und Untersuchung des Patienten erfolgen in Gegenwart der anderen Patienten im Krankenzimmer. „In solchen Verhältnissen ist es ohne Schuld der Ärzte um die Schweigepflicht recht schlecht bestellt“, bemerkte Dr. Zimmerle als Sprecher für die Assistenten.

Die Folge der Raumnot ist eine zunehmende Verkürzung der stationären Behandlung, und damit eine gesteigerte Belastung der Ärzte. Der Gelsenkirchener Chefarzt Professor Erb sprach in Hamburg von „einer Assistentengeneration, die infolge von Mangel an Krankenhausbetten ausgenutzt werden muß wie keine andere zuvor, weil die die Grenze des ärztlich Verantwortbaren weit unterschreitende normale Verweildauer des Patienten im Krankenhaus naturgemäß zu unerhörter Zunahme der Stationsarbeit wegen des häufigen und schnellen Bettenwechsels führen muß“ ...

Freilich befinden sich auch die meisten Krankenanstalten in einer schwierigen finanziellen Lage. Kriegsschäden, ein riesiger Nachholbedarf und gesteigerter technischer Aufwand machen staatliche Subventionen heute noch wünschenswerter als vor dem Kriege. Aber viele Krankenhausträger lehnen sie ab, weil sie den staatlichen Einfluß fürchten. Das Ergebnis ist ein ständiges Defizit im Etat der meisten Häuser. Da von den Versicherungsträgern eine Erhöhung der Pflegesätze kaum zu erreichen ist und das Verwaltungspersonal in seinen Ansprüchen durch die Gewerkschaften geschützt wird, zieht man zur Deckung des Defizits die heran, die sich auch aus ethischen Gründen kaum zur Wehr setzen können: die Ärzte und das Pflegepersonal. Das kann man aber nur, wenn man eine geschlossene Reaktion der Betroffenen durch ständigen Druck auf den einzelnen verhindert. Man übt ihn aus, indem man jungen Ärzten, die auf die Krankenhauserfahrung angewiesen sind, wenn sie jemals in eine selbständige Praxis zugelassen werden wollen, unter Umgehung des Kündigungsschutzes limitierte Verträge gibt und indem man sie unter dem Vorwande der Ausbildung zu Lehrlingen ohne Gehaltsanspruch deklariert. Man versucht, ihnen den Schutz der Chefärzte zu entziehen, indem man medizinisch nicht gebildeten Verwaltungsbeamten. einen wesentlichen Teil der Kompetenzen der Chefärzte überträgt. Diese Beamten maßen sich oft gegen die Forderung der Chefärzte und gegen das Wohl der Kranken das Recht an, die Zahl der ärztlichen Planstellen unter das verantwortbare Mindestmaß herabzusetzen und Gang und Umfang der Assistentenausbildung zu bestimmen. „Wir fragen uns“, rief Dr. Zimmerle aus, „woher die kommunalen Arbeitgeberverbände, die Krankenhausgesellschaften und ähnliche Vereinigungen das Recht nehmen, auf die Stellenpläne der Krankenhäuser Einfluß zu nehmen, nur in dem Sinne, möglichst wenig Ärzte einzustellen und diese auch noch ungenügend zu bezahlen.“ Man ging so weit, daß man sogar eine Kündigung aller bisherigen Chefarzt-Verträge ins Auge faßte, weil man ihnen statt dessen Verträge anbieten wollte, die auf fünf Jahre limitiert sind. Als Folge dieser Verhältnisse finden, sich nur schwer Assistenten für die chirurgischen Abteilungen, weil sich, wie Professor Erb sagte, „die Mühen der Ausbildung gerade in diesem Fach kaum noch lohnen“.

Die Chefärzte sollen entscheiden

Wie kann Abhilfe geschaffen werden? Die angestellten Ärzte selbst haben sich in dem 1948 gegründeten Marburger Bund eine Organisation gegeben, die nach Art einer Gewerkschaft ihre wirtschaftlichen Interessen dem Kostenträger gegenüber wahrnimmt und dabei auch wichtige Erfolge aufzuweisen hat. Beim Hamburger Ärztetag brachten die Vertreter des Marburger Bundes dessen Vorschläge vor: Der Marburger Bund will die Krankenhäuser nicht zu Unterbringungsanstalten für stellenlose Ärzte machen, er verlangt nicht einmal die Achtundvierzigstundenwoche, sondern nur ein durchschnittliches Arbeitsmaß von 230 Stunden im Monat bei angemessener Bezahlung und die Vergütung des Dienstes bei Nacht und an Sonn- und Feiertagen. Die Raumnot soll durch Erweiterungen der Häuser und durch Neubauten behoben werden. In Beziehung auf das Verhältnis der Ärztezahl zur Zahl der Betten wird eine Quote von 1:20 schon als ungewöhnlich gut angesehen. (Für Hamburg stellte Bürgermeister Sieveking die baldige Herabsetzung der bisherigen Quote auf ein Verhältnis von 1:25 in Aussicht.) Für die Kündigung oder Beibehaltung eines Arztes soll dessen Fähigkeit und nicht die Rentabilität des Hauses den Ausschlag geben.