Berlin, im Juni

Das darf man keinem Sensiblen empfehlen: Wenn er sich am Glanz und am Tineff des Ku-Damms satt gesehen hat, hinter der Gedächtniskirche in die Budapester zu biegen. Unversehens bleibt, was Weltstadt sein möchte, zurück, und was bleibt, ist die Welt: nackt, freudlos und kahl liegt sie da; eine einsame, an Mond und Taiga gemahnende Welt, weithin flach, hier und dort mit schmalschultrigen, gnädig ausgesparten Mietskasernen durchsetzt, deren Brandmauern sich schwarz, weiß und grau von einem Himmel abheben, der in seiner Heiterkeit unmöglich begriffen haben kann, auf was für ein trümmerbedecktes Schlachtfeld er hier herabblickt.

Man kann dieser Gegend auch gelassen begegnen; es genügt, ihr hoffnungsloses Versehrtsein zu übersehen. Wer das kann, der ist gut dran. Er geht die Budapester entlang wie jede andere Straße, und denkt sich Wolkenkratzerprojekte aus, die diese Mondlandschaft in eine turbulente City verwandeln. Manch einer jedoch kann es nicht. Er sieht die vertrockneten Hederichbüschel auf dem Villenschutt, sieht die grobkörnige Wolke des Hänflingschwarms über die Steinsteppe hinzucken, schmeckt den Staub der Vergänglichkeit und blickt sich unauffällig nach einem Refugium vor soviel Verlorenheit um. Und jetzt geschieht das Wunder: Dieses Refugium ist da, genau an der richtigen Stelle: „Aquarium“ steht darüber, man zahlt eine Mark und darf es betreten.

Er betritt eine andere Welt. Eine Welt der Stille und der Bescheidung, der Versunkenheit und der Kühle. Die Stimmen klingen in diesem Dämmer gedämpft. Kein Wunder, Fische zu betrachten erfordert Verzicht, im Grunde kann man ihre Anmut nur schweigend begreifen. Doch immer bleibt noch ein unbegreifbarer Rest. Er steht deutlich sichtbar im Gold und im Blau ihrer teleskopischen Augen, und man ist leicht geneigt, ihn Ängstlichkeit oder Trauer zu nennen. Aber wie dürfte eine Kreatur, mit soviel vollendetem Charme begabt wie ein Fisch, zur Melancholie neigen? Vielleicht haben die Fische Angst um ihre Schönheit. Denn die umschließt alles: Ihren Zauber und ihre Einfalt, die Eleganz ihrer Form und die verspielte Majestät ihrer Bewegung. Und vor allem: die Farbe.

Es gibt Fische, die muß die Natur in ihrer Freizeit gemacht haben. Unvorstellbar, daß sie die Freude, aber auch den Mut zu solchen Farbzusammenstellungen an einem gewöhnlichen Werktag aufgebracht haben soll. An Werktagen wurden allenfalls unsere Süßwasserfische gemacht: Der Schlei, die Karausche; der Blei und der Döbel; der Gründling, die Plötze, der Aal: sie alle schwimmen sozusagen im Straßenanzug herum. Nur zur Paarungszeit leiht die Natur den Männchen für einige Tage eine bunte Krawatte, ein silbernes Chemisett, eine rötliche Weste. Aber schon beim Barsch und beim Hecht war sie freigebiger. Doch was ist der kupferne Grünspan des Hechtleibs, was das rostige Rot unseres Barsches gegen das Farbenkonzert des Picassofisches?

Der Picassofisch ist nur Kopf. Aber was für ein Kopf! Es gibt kaum eine Farbe, die ihn nicht zierte. Bläßlich dekadente Töne überwiegen. Und mit welcher Delikatesse sind diese Farben gegeneinander gesetzt! Dieser Fisch ist mehr als ein abstraktes Gemälde; er ist die Fleisch und Blut gewordene Inkarnation göttlich-sinnlosen Spieltriebs. Nicht er dürfte nach Picasso genannt worden sein, sondern Picasso müßte sich nach ihm so genannt haben. Im selben Bassin wohnt auch der Kofferfisch. An ihm ist nicht so sehr die Farbe das Aufregende, sondern die Form. Er ist sechskantig wie eine altmodische Reisetasche und auch so ähnlich bezogen, nämlich mit einem verblichenen, schwarz übertupften Hellgrün. Wenn man ihn ansieht, verspürt man das unwiderstehliche Bedürfnis, mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger die einladende Glätte seiner Kanten entlangzufahren, um noch einen ungefähren Nachgeschmack des Lustgefühls zu verspüren, das seinen Schöpfer beseelt haben muß, als er ihm augenzwinkernd Seiten und Rückgrat gefalzt hat.

Auch der Knurrhahn muß ein Sonntagstisch sein, allein schon seiner türkisblauen Brustflossen wegen. Am Grund klappt er sie zu und kriecht mürrisch auf seinen drei Paar Stelzbeinen umher. Plötzlich aber Schwingt er sich auf, und man denkt, eine Blaurake fliegt unter Wasser, so flügelgleich erstrahlt jetzt sein Brustflossenbau. Den Namen hat er von seiner Stimme; er knurrt, wenn er sich fürchtet, und tatsächlich mögen das auch viele Raubfische nicht und verzichten lieber auf Knurrhahnfilet. – Manchmal war die Natur aber auch traurig beim FiSche-Entwerfen. Beredtes Zeugnis davon legen die Black-Mollies ab. Sie sind nachtschwarz und mit grämlichen Tassenschnuten versehen, die sie unaufhörlich zu lautlosen Seufzern öffnen. Sie sind knapp so groß wie ein Daumen und bewegen sich abwesend und traumhaft; man wird den Verdacht nicht los, es handelt sich hier um verwunschene Kolibris, die zur Strafe, daß sie an einer schwarzen Orchidee genippt haben, in ebenso schwarze Fische verwandelt wurden. Sicher kommt einmal der Tag, an dem die Black-Mollies sich wieder in die Lüfte erheben dürfen.