Da Fußball für die Ungarn eine große Sache ist, erhielt kürzlich eine große Anzahl Wiener Journalisten überraschend das Einreisevisum für den Fußball Länderkampf Ungarn gegen England. Von dreißig Anträgen wurden nadi geheimnisvollen Regeln sechs bewilligt. Engknd abgelehnt, Amerika bewilligt, Frankreich abgelehnt, Italien bewilligt, Holland abgelehnt, Deutschland zum Teil bewilligt — ich atmete auf: ich fahre also nach Budapest.

Auf der Hinfahrt werde ich von Freunden mitenommen. Der Wagen nimmt von Wien Kurs nach j >sten. Auf einmal Stacheldraht, mannshoch und ; st zehn Meter breit. Hinter ihm ein fünfzig Meter nter abgeholzter Streifen Land, und in Abständen s wenigen hundert Metern stehen Wachtürme. Der t r glich, diese Trennwand zweier Welten zu sehei ohne der Tragödien zu gedenken, die sich hier immer wieder abspielen. Unmöglich, sich nicht der Unglücklichen zu erinnern, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um durch diesen Draht, den wir jetzt freiwillig nach dem Osten passieren wollen, ritt d< Westen zu gelangen. Hier, an diesem Ort, x vor drei Wochen ein österreichischer Bauer uwg Meter vor dem Draht durch eine Explosion zerrissen; ein Hase hatte in dem Todesstreifen eine Tellermiene zur Explosion gebracht. Sind wir wirklich nur "Opfer unserer eigenen Lügen", wie die Kommunisten behaupten? Sollte der "en so gastfrei und so friedlich sein? Ein h uu. Zöllner in grünlicher, nach Sowjetmuster ; ler Uniform und russischer Tellerkappe ichv < i Honneurs. Wir werden in einen freundhuien Raum gebeten, der wie das Wartezimmer eines Arztes aussieht. Tische mit roten Nelken geschmückt, Lehnsessel, Stalin- und Leninbilder an der Wand. Drei Bewaffnete untersuchen unsere Pässe, ein uniformierter Bürokrat mit uneingefaßter, pedantischer Brille nimmt Anstoß an den Autopapieren, irgend etwas an ihnen gefällt ihm nicht. Doch er wird von einem Funktionär in Uniform, mit tadellosem Benehmen und perfektem DeutschJiZur Ruhe gebracht. Auf unser Komplimen "Vdiese Sprachkenntnisse und auf die Frag, !fl " ändig Dienst mache, sagt der Offuft, än, erst seit heute Ein Angestellter es sta VfC, 1 Reisebüros ist wie ein guter, freund icher t i| Er bittet Platz zu nehmen, wechselt Geld, b ; ef Platz zu behalten, strahlt vor Wohlwollen , Die Zollkontrolle ist reine Formsache. Kein Beamter greift in unsere Koffer, höflich werden wir gebeten, selbst die Kleider, die zuoberst liegen, ein wenig zu heben, ein Blick, man salutiert und alles ist vorbei. Als der Wagen anfährt, stehen sechs Uniformierte vor einem reizenden Zollhaus, legen die Hände an die Tellerkappen "Gute Reise in Ungarn", rufen die Zöllner, dann ist der Eiserne Vorhang passiert. So einfach kann das sein. Der Wagen läuft über die Straßen Westungarns. In der Stadt Györ halten wir an. Wir steigen aus, nehmen auf einer Bank Platz und beginnen zu essen. Von allen Seiten strömt Volk auf uns zu. Zu Dutzenden umstehen sie das Wunder aus dem Westen, zwei Männer werfen sich in den Staub der Straße, um den Wagen von unten zu sehen, dann steht plötzlich ein Polizist vor uns und spricht wütend auf uns ein. Wir zucken die Achseln, markieren taubstumme Halbidioten und machen deutlich, daß wir erst gehen, wenn wir gegessen haben. Er vertreibt den Volksauflauf und postiert sich neben uns, bis wir einsteigen und fahren. Wir begreifen: Kontakt mit der Bevölkerung ist unerwünscht.

Der Fremde aus dem Westen, der nach Budapest kommt, ist ein Gefangener. Nicht daß er in den Kerfcern verschwände, aber er verschwindet in dem goldenen Käfig, den der Staatsapparat für ihn gebaut hat, um Kontakt mit dem Volk zu verhindern.

7Ungarns Hotels sind Staatsbesitz. Für den Einheimischen gibt es praktisch keine Hoteiunterkunft, er reist, wie vor dreitausend Jahren gereist wurde, von Gastfreund zu Gastfreund. Doch" er reist nicht viel, es sei denn im Zuge der organisierten Betriebsurlaube, im Auftrag der Partei, einer Organisation, eines Kolchos oder einer Gewerkschaft, im Dienste des Militärs, der Fraueaverbändeoder der Jugendpioniere. Dann bekommt er Unterkunft in einem Staatshotel. Doch die besten dieser Hotels sind für die Fremden aus dem Westen reserviert: das Grand Hotel auf der Margaretheninsel, das Astoria und das Palace Hotel in der Rakoczi utca. Hier lebt der Fremde in einer Welt der Scheineleganz, die sich von der eleganten Welt des Westens nur durch ihre sehr osteuropäische Schäbigkeit unterscheidet und durd die amerikanischen Preise.

Den Fußballmatch erlebe ich als Staatsgast, Ein bestelltes Auto mit bestelltem Funktionär bringt mich zu dem bestellten Platz ins Volksstaction, Budapests Stolz. Und die neunzigtausend Menschen, die sich dort für Ungarn heiser schreien, erleben ihren großen Tag. Denn Ungarn siegt gegen England, und was das für dieses sportbesessene Volk bedeutet, versteht nur, wer erlebt hat, wie raffiniert das Regime den angeborenen ungarischen Sportgeist nährt, um ihn für seine politischen Zwecke zu gebrauchen. Sport wird Dienst an der Partei, und Dienst an der Partei wird Sport. Die Masse, die heute den Sieg im Fußball über England bejubelt, wird morgen in Produktbnsbrigaden gegliedert, die im Wettkampf gegeneinander um den Sieg im Rübenanbau oder in der Zementerzeugung kämpfen.

Der Taumel, in dem Budapest am Tag des Fußballsieges über England lebte, sollte, so wollte es eine geschickte Regie, zum nächsten Tag, dem Beginn des Parteikongresses, hinübergerettet werden. Aber der Tag des Parteikongresses findet Budapest schon wieder apathisch und still. Still bis auf die Lautsprecher, die überall brüllen. An jeder Straßenkreuzung hört man die Rede des Parteiführers und entlassenen Ministerpräsidenten Mathias Rakosi. Die Promenaden am Donauufer werden von Lautsprechern überschrien: es spricht Mathias Rakosi. Auf der Kossuth Brücke speit ein Lautsprecher die Rede des Mathias Rakosi aus. In dem Bad auf der entzückenden Margaretheninsel ist es unmöglich, sich zu ent kleiden, zu schwimmen, unter den schattigen Bäumen zu spazieren, ohne zu hören, was der Lautsprecher dröhnt: die Rede des Mathias Rakosi, des geliebten Sekretärs der Partei der Werktätigen — des "großen Bruders". Die Passanten werfen keinen Blidk auf die Lautsprecher, es bilden sich keine Gruppen um sie, es scheint die Lärmnorm zu sein, an die sie sich gewöhftt haben wie andere an den Autolärm, der in dieser Stadt fehlt. Denn Budapest ist die Stadt ohne Automobile. Man sieht wohl die übliche Zahl von Lastwagen, doch selbst in den Hauptstraßen kaum Personenwagen. Die wenigen sind Wagen der Armee, Wagen mit russischer Kennummer oder Staatswagen, die mit schwarzen Karosserien und oft mit herabgezogenen Vorhängen durch die Straßen rasen. Die sehr exakte Verkehrsregelung durch Polizistinnen und Verkehrsampeln steht in groteskem Gegensatz zu der Tatsadie, daß fast kein Verkehr zu regeln ist. Denn außer den gelben schmutzigen Tramwagen, an denen Menschentrauben hängen, den wenigen Autobussen und einigem Motorradverkehr sind die Fahrstraßen selbst in den Tagen des Parteikongresses halbleer.

Die Straßen sind trüb, grau, staubig und ungekehrt. Viele Hausfassaden, zeigen noch die Einschußspuren der Schlacht von Budapest, die genav zehn Jahre zurückliegt. Die Menschen sind gekleidet, wie man es im Westen seit den Eleadsjahret unmittelbar nach Kriegsende nicht mehr kennt. Männer in alten zerschlissenen Anzügen oder in zerknitterten neuen, von unbeschreiblich elender Qualität. Alle ohne Hut, die meisten ohne Krawatte, keine Frau, die etwas Buntheit oder Freude in diese Jammerkleidung "proletarischen Stils" brächte. Frauen tragen Kopftücher, viele auch Hosen und kurzgeschnittenes ungepflegtes Haar, so daß sie oft auf den ersten Blick von Männern kaum zu unterscheiden sind. Andere wieder tragen Uniformen der Polizei, des Militärs, der militärischen Hilfsdienste. Denn die Menge der Uniformen bleibt das Auffallendste an dem Straßenbild. Polizisten in verschiedensten Farben. Militär, gemischt mit sowjetischen Soldaten. Die Stadt macht den Eindruck, als wären die Menschen erst gestern aus den Luftschutzbunkern zu neuem Leben ans Licht gestiegen.