Der Bürgerkrieg in Guatemala weicht in Vorbereitung und Durchführung wesentlich von dem Schema ab, nach dem normalerweise die Revolutionen in Südamerika ablaufen. Diesmal brach der Aufstand nicht in der Landeshauptstadt als und stand auch nicht unter der Führung unzufriedener Militärs, sondern es wurden die in anderen latein-amerikanischen Ländern ausgebildeten und zusammengezogenen Heeres-, Luftwaffen- und Marineverbände guatemaltekischer Emigranten von Nikaragua und Honduras aus nach einem regelrechten Kriegsplan zu einer Invasion nach Guatemala eingesetzt. Der ungenügend gesicherte, widrige Hafen an der atlantischen Küste, Puerto Barrios, fiel durch ein überraschendes Landungsunternehmen in die Hände der Aufständischen. Ein anderer Angriff richtete sich gegen San José, den bedeutendsten Hafen an der pazifischen Küste, wo heftige Kämpfe um den Besitz der Öltanks entbrannt sind. Flugzeuge setzten Fallschirmjäger und Sabotagegruppen in der Nähe der mexikanischen Grenze bei Retalhuleu ab, während von Tegucigalpa aus, der Hauptstadt von Honduras, Infanterieeinheiten auf dem Luftweg an die Grenze zwischen Honduras und Guatemala befördert wurden. Flugzeuge warfen über der Hauptstadt Guatemala und anderen Orten Brandbomben ab.

Der Aufmarsch der Emigrantenverbände läßt den Operationsplan klar erkennen. Mit Puerto Barrios, San José und Retalhuleu wollen sie sich nicht nur in den Besitz von Ausgangsstationen wichtiger Eisenbahnlinien, sondern auch der dort befindlichen bedeutendsten Öllager des auf Öleinfuhren angewiesenen Landes setzen. Nachdem Puerto Barrios bereits gefallen ist, hängt für die Regierung alles davon ab, ob es gelingt, die Pazifikhäfen in der Hand zu behalten. Haben die Emigranten auch dort Erfolg, so ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie die motorisierten Verbände der Regierungstruppen ebenso wie den übrigen Autoverkehr lahmgelegt und damit gesiegt haben. – Aber selbst, wenn die Emigranten an der pazifischen Küste zurückgeschlagen werden, besteht die Möglichkeit, daß eine Blockade dieser Küste durchgeführt wird, die jeden Schiffsverkehr mit Guatemala unmöglich macht.

Die seit langem getrübten Beziehungen zwischen Washington und Guatemala haben in letzter Zeit eine kaum zu überbietende Verschlechterung erfahren. Der Grund hierfür liegt in der Wirtschafts-und Sozialpolitik der Regierung des Staatspräsidenten Jacobo Arbenz Guzman, der die Amerikaner kommunistische Neigungen und Verletzung amerikanischer Interessen vorwerfen. Da ist der Fall der United Fruit Company, die in Guatemala auf Grund eines Konzessionsvertrages arbeitet, den der 1944 gestürzte Diktator, General Jorge E. Ubico, ihr im März 1936 auf die Dauer von 45 Jahren gewährt hat. Die United Fruit ist der größte Landbesitzer in Guatemala, ihr gehören 567 000 acres, das ist mehr als der zehnte Teil des gesamten bebauten Bodens. Sie produziert zwanzig Prozent aller mittelamerikanischen Bananen und ist praktisch der Eigentümer der Hafenanlagen von Puerto Barrios. Schließlich beherrscht sie durch Aktienmajorität die Verkehrspolitik der einzigen Eisenbahngesellschaft, der International Railways of Central-America. Die United Fruit beschäftigt etwa 12 000 Arbeiter und Angestellte; sie hat in Guatemala etwa 60 Millionen Dollar investiert. Auf Grund des am 17. Juni 1952 in Kraft getretenen Bodenreformgesetzes wurden der United Fruit bisher 234 000 acres enteignet, wofür die Regierung eine Entschädigung von 600 000 Dollar zu zahlen bereit war. Für diese Entschädigung legte sie nicht den Marktpreis, den die Gesellschaft auf 3 Millionen Dollar bezifferte, zugrunde, sondern den Grundstückswert, auf den die United Fruit Steuern zahlt. Die Enteignung von weiteren 175 000 acres steht bevor. Zu diesen Verlusten treten Unkosten, die sich aus den höheren Löhnen und den gesteigerten Soziallasten für Angestellte und Arbeiter ergeben, zu deren Zahlung die Gesellschaft durch das Oberste Arbeitsgericht Guatemalas verurteilt wurde. Einsprüche der Gesellschaft haben ebensowenig wie Protestnoten des State Department in Washington irgendeinen Erfolg gehabt.

Das zweite nordamerikanische Unternehmen, gegen das sich Maßnahmen der Regierung richteten, ist die bereits erwähnte International Railways of Central America. Der United Fruit wird vorgeworfen, sie habe ihre Stellung als Mehrheitsaktionär dazu benutzt, um eine Tarifpolitik zu treiben, die weniger den Bedürfnissen des Landes, als ihren eigenen entspreche. Um sich von dem Transportmonopol der International Railways zu befreien, entschloß sich die Regierung zum Bau einer Autostraße, die nicht in dem von der United Fruit kontrollierten Hafen von Puerto Barrios, sondem in dem geplanten staatlichen Hafen von Santo Tomas enden soll.

Der wichtigste Erzeuger von elektrischem Strom ist die Electric Company of Guatemala. Auch diese Gesellschaft befindet sich in nordamerikanischen Händen. Plötzlich erklärte die Regierung Arbenz, die Gesellschaft habe bei der Transferierung von Geldern ins Ausland unerlaubte Methoden angewandt. Die Folge dieser Beschuldigungen war neben erheblichen Steuerstrafen eine von der Regierung verfügte Senkung des Strompreises. Außerdem kündigte die Regierung einen Fünfjahresplan für die Elektrifizierung des Landes an, der den Bau staatlicher Wasserkraftwerke einschließt und eine Ableitung der Wasser des Michetoya-Flusses vorsieht, die bisher ausschließlich von der Electric Company benutzt werden.

Ende April erneuerte die Regierung den Konzessionsvertrag der Agencia Maritima Nacional, einer Tochtergesellschaft der nordamerikanischen W. R. Grace Company nicht mehr. Seitdem arbeitet diese in San José tätige Hafenbetriebsgesellschaft, die einige hundert Arbeiter beschäftigt, unter staatlicher Aufsicht und mit dem Risiko, von einem Tag zum anderen aufgelöst zu werden. Die Regierung ist an der Agencia Maritima Nacional mit 400 Aktien beteiligt, die sie ihren früheren deutschen Besitzern im Zuge der Beschlagnahme des gesamten deutschen Eigentums während des zweiten Weltkrieges fortgenommen hat.

Die Beschlagnahme deutschen Eigentums spielt bei den Auseinandersetzungen zwischen Guatemala und den USA auch insofern eine Rolle, als die Parzellierung der deutschen Kaffeeplantagen auf Grund des von Washington angefochtenen und als kommunistisch bezeichneten Bodenreformgesetzes durchgeführt worden ist. Nicht ohne Ironie ist in Guatemala auf diesen Zusammenhang sowie auf die Tatsache hingewiesen worden, daß die Ursachen für die heutigen amerikanischen Beschwerden letzten Endes in dem damaligen „guten Rat“ Washingtons liegen, Guatemala solle sich durch Enteignung der Deutschen von dem wirtschaftlichen Einfluß der Nazis befreien. In Deutschland wartet man gespannt darauf, ob eine siegreiche Revolution in Guatemala, die zweifellos auf amerikanischen Druck hin eine grundlegende Änderung des Bodenreformgesetzes mit sich bringen wird, auch das Unrecht wiedergutzumachen gedenkt, das den entschädigungslos enteigneten deutschen Staatsangehörigen zugefügt worden ist. Ernst Krüger