Cruschtschew, Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, also einer der ganz Großen aus Moskau, verlas persönlich das Begrüßungsschreiben des Zentralkomitees seiner Partei bei dem Kongreß der Kommunistischen Partei in Prag. Erstaunlicherweise begnügte diese Adresse sich nicht mit den üblichen Beteuerungen der Freundschaft, sondern enthielt ganz öffentlich strikte Richtlinien für die Agrarpolitik des Landes. Es zeigt sich deutlich, daß die unzureichende landwirtschaftliche Produktion der UdSSR und ihrer Satelliten zu dem schwierigsten aller Probleme geworden ist und dem Regime sehr große Kopfschmerzen verursacht.

Verschiedene Satellitenstaaten der UdSSR, die in der Vorkriegszeit regelmäßig landwirtschaftliche Überschüsse exportierten, sind heute gezwungen, agrarische Produkte einzuführen, weil unter dem Druck der Zwangskollektivierung die bäuerliche Leistung zurückgegangen ist. Da die Fehlmengen bisher zum Teil von der Sowjetunion geliefert wurden, diese aber selbst in steigendem Maße unter der gleichen Entwicklung zu leiden hat, wie aus den Reden der Staats- und Parteiführer hervorgeht, will Moskau nun offenbar andere Seiten aufziehen. Cruschtschew hat soeben in Prag auf dem X. Kongreß der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei erklärt, die wichtigste Aufgabe der Regierung sei die Förderung der Landwirtschaft, die Besserung der Fleisch-, Brot- und Fettversorgung. Auch den selbständigen Landwirten – also den Bauern, die noch nicht in Kolchosen zusammengeschlossen sind – müsse finanzielle und technische Hilfe gegeben werden. Im übrigen heißt die Devise nicht nur für die Tschechoslowakei, sondern auch für die anderen Satellitenstaaten: Selbstversorgung mit agrarischen Produkten, selbst wenn dadurch eine Verlangsamung der Industrialisierung eintreten sollte.

Stalin hatte mehrere Monate vor seinem Tode die eindrucksvolle Erklärung abgegeben, die sowjetische Landwirtschaft habe in den letzten Jahren so große und anhaltend steigende Erfolge erzielt, daß die sowjetischen Völker nunmehr keine Bange mehr hinsichtlich ihrer Versorgung mit Lebensmitteln, insbesondere mit Brot, zu haben brauchen. Die Zeiten, in denen Mißernten, gleichviel aus welchen Gründen, Hungersnöte zur Folge haben konnten, wären nun endgültig vorüber und vergessen. Etwa ein halbes Jahr später hat Georgi Malenkow dieses Stalinwort aufgegriffen und unter dem frenetischen Jubel des Obersten Sowjet die Versicherung abgegeben, die Brotversorgung der Bevölkerung wäre „jetzt und für alle Zeiten unwandelbar sichergestellt!...“ Jetzt gelte es nur noch – wiederum in „steilem Anstieg“ –, die Vieh-, Kartoffel- und Gemüsewirtschaft mit Einsatz aller Kräfte auf die planmäßig vorgeschriebene Höhe zu bringen. Dann werde in zwei bis drei Jahren wirklicher Überfluß einziehen. Man werde dann überall alles kaufen können, was nur das Herz begehrt, der allgemeine Wohlstand stehe also jetzt „greifbar und in konkreter Gestalt vor der Tür“? Lärmend setzte die Propaganda ein und verlangte den besagten Einsatz aller Kräfte, stellte fest, daß Partei und Regierung ganze Armeen vorzüglich ausgebildeter Spezialisten ins Kolchosdorf gepumpt und die besten Landmaschinen der Welt in-ausreichenden Mengen bereitgestellt habe – Schlußfolgerung: es läge jetzt also nur noch an den „Kolchosniki“ selber, an deren Patriotismus natürlich nicht gezweifelt werden könnte.

Malenkow hat diese Versicherung gegen sein besseres Wissen abgegeben: Im März dieses Jahres nämlich dröhnte ein Alarmruf in die entferntesten Winkel der Sowjetunion, wie er in solcher Offenheit noch niemals im Bereich der bolschewistischen Diktatur gehört worden ist: Die Erzeugung von Getreide deckt nicht die Bedürfnisse! Es müsse – jetzt gleich, sofort! – ein „ganz großer Sprung nach oben“ gemacht werden. Notwendig ist, daß die Getreideernte noch in diesem Jahr um 35 bis 37 v. H. größer werde, als die des Vorjahres. Zu diesem Zweck müsse – wiederum gleich, sofort! – neuer Ackerboden in Westsibirien, im Ural- und Wolgagebiet, in Kasakstan, nicht nur erschlossen, sondern sogar in diesem Jahr schon erntetragend gemacht werden. Und zwar 13 Mill. Hektar in den beiden Jahren 1954 und 1955. Freiwillige vor... Die sofortige Steigerung der Getreideerzeugung muß jetzt „zur Sache des ganzen Volkes gemacht werden!“... Das ist eine deutliche, klare und eine außergewöhnliche Sorge verratende Sprache. Die Große des nun zugegebenen Debakels und die Tatsache, daß eine solche Situation ja nicht von einer Ernte zur anderen entsteht, sondern nur aus der Gesamtsituation der Landwirtschaft zu erklären ist, zeigt, daß die sowjetischen Menschen bewußt und systematisch über die Ernährungslage, in der sie sich befinden, so lange getäuscht worden sind, bis es jetzt nur noch einen Ausweg gibt: den Appell an den Selbsterhaltungstrieb der Menschen.

Schon im Mai vergangenen Jahres wurden die Großstädte und Industriezentralen aufgefordert, „für alle Fälle“ Kartoffel- und Gemüseplantagen an ihrer jeweiligen Peripherie anzulegen. Im Juli wurden dann den Kolchosniki sehr verblüffende Zugeständnisse hinsichtlich ihrer Privatwirtschaft gemacht, um sie bei halbwegs guter Laune zu erhalten, und in diesem Winter übertrug man den Ingenieuren und Technikern der „MTS“ (Maschinen- und Traktorenstationen), die als zuverlässige Kommunisten gelten, plötzlich die gesamte Führung der Landwirtschaft. Gewiß könnte man auch auf den Gedanken kommen, daß dieser Aufruf zur „Erzeugungsschlacht“ nicht einen Mangel abhelfen, sondern vielmehr dazu dienen soll, Vorräte und Reserven für den Kriegsfall anzulegen, doch deuten wohl gerade auch die Ausführungen Cruschtschews darauf hin, daß es sich eindeutig um ein Versagen, vielleicht sogar den Bankrott der sowjetischen Agrarpolitik schlechthin handelt.

Die Masse der sowjetischen Bauern hat offenbar dem Kollektivsystem, als es vor vier Jahren eindeutig der reinen Industrialisierung der Landwirtschaft und der Proletarisierung der Kolchosbauernschaft zu dienen begann, die Gefolgschaft aufgesagt und ist unorganisiert und instinktiv ganz konsequent den Weg des passiven Widerstandes gegangen. Kürzlich hat die „Prawda“ zu ihrem bitteren Leidwesen feststellen müssen, daß von den insgesamt rund 7 Millionen Parteimitglied dern nur etwa eine Million auf dem Lande lebt.

Die Zeiten sind vorüber, in denen Stalin in den dreißiger Jahren, als die Landwirtschaft gewaltsam kollektiviert wurde, solche Probleme durch Genickschüsse und Massenexekutionen lösen konnte. Heute gibt es ein bolschewistisches Imperium mit gefährlichen unsichtbaren Widerstandsbewegungen, denen solche Maßnahmen Auftrieb geben würden. Aber man kann sich unschwer vorstellen, was jener bombastische Aufruf an die „Freiwilligen“ zur Erschließung der 13 Mill. Hektar östlicher Wüsten und Steppen bedeutet, und auf welche Weise sie gefunden werden. F. Dassel