da. Hamburg

Im Bundesgebiet tauchte kürzlich in größeren Mengen eine Fondantmasse auf, deren geringer Preis die Konkurrenz erschreckte. Bei der Verfolgung der Spur gelangten die Zollfahnder zum Zollamt Kornhausbrücke in Hamburg, wo die Masse unter anderem Namen (und daher geringerem Zollsatz) die Grenze passiert hatte.

Nun ist aus der Fondantsache eine bittere Zollaffäre geworden, die durch den Selbstmord eines beteiligten Beamten gekennzeichnet ist. Neun Firmen sind in die Angelegenheit verwickelt, dreizehn Privatpersonen in Untersuchungshaft, sechs Zöllner waren oder sind noch in Haft. Es steht fest, daß ungefähr im Zeitraum eines Jahres mindestens 50 Sack Rohkaffee, eine größere Anzahl echte, 150 unechte Teppiche, Tee und eine Reihe von anderen Waren „zollfrei“ eingeführt wurden. Der Zoll wird jetzt nachträglich mit Aufschlägen erhoben.

Die unehrlichen Zöllner waren Abfertigungsbeamte. Im Zollamt Kornhausbrücke arbeiteten je zwei von ihnen zusammen. Kommt ein Fahrzeug aus dem Freihafen, so wird nach der Deklarierung vom Aufsichtsinspektor eine dieser Abfertigungsgruppen zur Abfertigung bestimmt. Sie hat zu prüfen, ob Menge und Qualität der Deklarierung entsprechen. Ist ein Wagen abgefertigt, wird er in ein Durchgangsbuch eingetragen und bis zum Zollgrenzbeamten gebracht, der diese Eintragung mit dem Fahrzeuginhalt zu vergleichen hat. Es ist dies eine doppelte, voneinander unabhängige Kontrolle.

Die Fahrer und Kutscher, die Stammgäste des Zollamts waren, haben öfter unter einer größeren Partie einzelne Säcke oder Bündel mit Wissen der Abfertigungsgruppe als „Blindgänger“ mitgeführt. Durch falsche, später geänderte Eintragungen im Durchgangsbuch wurde die Kontrolle am Übergang zum, Stadtgebiet getäuscht. Bei der Überholung der Kaffeeröstereien fielen 5- und 10-Pfundposten auf, die nach dem Rösten wieder abgeholt wurden. Diese, für Privatleute ungewöhnlichen Mengen waren verdächtig. Es gelang, einen Röstkunden zu verfolgen. Die Fahndung endete in der Wohnung eines Beamten von der Kornhausbrücke.

In regelmäßigen Abständen von drei Monaten werden die Zollbeamten darüber belehrt, was ihnen blüht, wenn sie auch nur eine Zigarette annehmen. Halten sie sich an diese Vorschrift, winken ihnen Pension und Familienversorgung. Aber das Fleisch ist schwach, die Besoldung schmal – da bleibt es nicht aus, daß ein sonst ehrenhafter Mann der Versuchung nicht widerstehen kann. Drei bis vier Wochen vor dieser Affäre deckte die rührige Zollfahndung im Zollamt Hannoverscher Bahnhof in Hamburg andere Ungenauigkeiten auf. Vier Abfertigungsbeamte hatten Stoffe mit Billigung falscher Zolldeklarationen ins Inland gelassen und dadurch den Bund um nicht unbeträchtliche Zolleinnahmen gebracht. Sie hatten dafür ihre Anteile kassiert. Es war ein Betrugsbumerang, da Falschdeklarierungen später nachweisbar sind.

Wofür setzten die unehrlichen Zollbeamten Existenz und Altersversorgung aufs Spiel? Der höchste Gewinn eines Beamten der Kornhausbrücke waren 300 Kilo Rohkaffee. Es sind durchweg ältere Männer, fast alle verheiratet, einer hat sieben Kinder.

Was taten sie mit dem Erlös der Angst? Sie haben Zum Teil gewettet, gespielt, zum Teil Freundinnen ausgehalten oder kleine Anschaffungen gemacht, auf die sie sonst länger hätten warten müssen. Milderungsgründe wird es bei der Gerichtsverhandlung kaum geben, denn wer Zöllner wird, kann sich die Gehaltsstufen bis zu seiner Pensionierung vorher ausrechnen. Not wird er bis zu seinem Tode nicht leiden, es sei denn, er muß den grünen Rock wieder ausziehen...