Die Länder, die den Nationalismus in allen Stadien bis zu seiner fratzenhaften faschistischen Karikatur durchexerziert haben, sind offenbar die einzigen, die aus diesem Kinderkleid herausgewachsen sind und es nun erleichtert an den Nagel hängen. „Die Japaner von heute interessieren sich leidenschaftlich für französische Literatur, amerikanische Technik und europäische Musik“, schreibt Raymond Aron, der eben aus Ostasien zurückgekehrt ist. Der japanische Nationalismus hat also einer gewissen Weltoffenheit Platz gemacht, Deutschland ist es in dieser Beziehung ähnlich ergangen, mindestens der deutschen Jugend. Der revolutionäre Impuls jugendlicher Heißsporne richtet sich nicht mehr auf die Verherrlichung der eigenen Rasse, der eigenen Nation, sondern montiert bestenfalls deutsch-französische Grenzpfähle ab und verbrennt sie im Feuer der europäischen Sehnsucht zum Zeichen, daß die Grenzen innerhalb der „europäischen Gemeinschaft“ überholte Angelegenheiten seien. Es gibt heute in Deutschland kaum sehr viele junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren, die während der letzten Jahre zu Fuß, per Rad oder Anhalter über die deutsche Grenze ins Ausland hineingesehen hätten. Von der Hamburger Universität sind über ein Drittel aller Studenten auf Austausch, in Ferienlagern oder zu längeren Reisen außerhalb Deutschlands gewesen. Nach den Jahren der Enge ist eine große Sehnsucht nach Raum, nach Weite und Freiheit ausgebrochen.

Noch bei der Abfassung des Generalvertrages vor zwei Jahren war man Deutschland gegenüber so skeptisch, daß die Konzessionen dieses Vertrages in Form eines Junktims, also mit der Verpflichtung gekoppelt wurden, Deutschland müsse der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft beitreten, weil man fürchtete, Deutschland würde versuchen, sich aus dieser Gemeinschaft herauszuhalten. Der Kanzler hat jenen Vertrag vor zwei Jahren unterzeichnet, desgleichen taten dies die übrigen Signatare, die USA, Frankreich und Großbritannien. Seither kämpft man um die Zustimmung des französischen Parlaments, das sich nicht entschließen kann, die Souveränität über seine Armee wenigstens teilweise abzutreten. Die Klausel, die man ursprünglich eingebaut hatte, um die Mitwirkung Deutschlands sicherzustellen, ist also zu einem Bremsklotz am Rad der deutschen und der europäischen Entwicklung geworden.

Der Vertrag über die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und den drei Mächten, der als sogenannter Generalvertrag zwar nicht in die Geschichte, aber in die Archive eingegangen ist, beginnt folgendermaßen: „Die Bundesrepublik einerseits und die Vereinigten Staaten von Amerika, das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland und die französische Republik andererseits haben in der Erwägung ...

... daß die Aufrechterhaltung des Besatzungsstatuts mit den darin vorgesehenen Eingriffsbefugnissen in die eigenen Angelegenheiten der Bundesrepublik mit dem Zweck der Integration der Bundesrepublik in die europäische Gemeinschaft unvereinbar ist...;

... zur Festlegung der Grundlagen ihres neuen Verhältnisses den folgenden Vertrag geschlossen... Geschehen zu Bonn am 26. Tag des Monats Mai 1952.“ Seit diesem Geschehen geschieht nichts mehr. Ein Zustand, den man vor zwei Jahren bereits für überholt hielt, und ein Statut, von dem es im Mai 1952 hieß, es sei unvereinbar mit der Eingliederung Deutschlands in die europäische Gemeinschaft, ist noch immer die Grundlage unserer Beziehung zum Westen. Das ist nachgerade absurd.

Noch immer wird hin und wieder der Versuch gemacht, mit Hilfe des Kontrollratsgesetzes 23 Einblick in den Produktionsprozeß und den Geschäftsgang einzelner Industriezweige zu nehmen. Noch immer ist das Gesetz 35 gültig, das den Angestellten der früheren IG die Übernahme eines leitenden Postens in einer zu dem ehemaligen Konzern gehörigen Teilgesellschaft verbietet. Es gibt noch eine ganze Liste solcher Anachronismen. Wie tot der einstige deutsche Nationalismus ist, zeigt die Geduld, mit der dieser Zustand ertragen oder besser übersehen wird. Gewiß ist auf beiden Seiten viel guter Wille gezeigt worden, so daß in der Praxis das Besatzungsstatut keine große Rolle mehr spielt. Die Vernunft, das Leben, die Entwicklung haben den engen Rahmen gesprengt. Aber welches Armutszeugnis für die Staatsmänner, deren Aufgabe es doch eigentlich wäre, Verträge und Vereinbarungen, mit denen sie die zwischenstaatlichen Beziehungen regeln, so weitschauend zu gestalten, daß sie die Bahn der Entwicklung angeben, nicht aber umgekehrt, daß sie mit der Paraphierung wie mit einem Schmetterlingsnetz hinter dem davonflatternden Leben einherstolpern und es nie einholen.

Nun ist es also wirklich soweit gekommen, daß die Sowjetregierung mitgeteilt hat, sie habe „die Überwachung der Staatsorgane der DDR“ eingestellt, während in der Bundesrepublik noch immer das gleiche Besatzungsstatut gilt, das die Besatzungsmächte schon vor zwei Jahren für überholt hielten. Jenes unselige Junktim zwischen dem Generalvertrag und der EVG, mit welchem das Schicksal der teutonischen Musterknaben an die unsteten Fersen leichtfüßiger, wetterwendischer Parlameitarier in Paris geheftet wurde, muß nun endlich aufgehoben werden. Wir haben zwei Jahre geduldig darauf gewartet, daß sie sich endlich darüber klarwerden möchten, ob sie Deutschland mit oder ohne EVG für gefährlicher halten. Im Moment scheint diese Frage dahin entschieden, daß jedenfalls die EVG so tot ist wie nie zuvor. Wer aber weiß, ob das in drei Monaten auch noch so sein wird. Und wenn Frankreich wider alles Erwarten doch noch ratifizieren sollte, dann kann es gut sein, daß wir noch einmal ebensolange auf die Italien warten müssen, denen der Vertrag ebenfalls Schwierigkeiten bereitet.