Von Einheit war am „Tag der deutschen Einheit“ im deutschen Funk kaum etwas zu bemerken. Nachdem im vorigen Jahr am 20. Juli alle Funkanstalten der Bundesrepublik und Westberlins übereingekommen waren, zur gleichen Stunde Peter Lotars Hördichtung „Das Bild des Menschen“ als mahnende Erinnerung an die Opfer von 1944 zu senden, hätte man erwarten dürfen, daß in diesem Jahr am ersten „nationalen Feiertag“ der Bundesrepublik etwas Entsprechendes unternommen werden würde – besonders auch im Interesse der Hörer jenseits des Eisernen Vorhanges, denen ja dieser Feiertag gelten sollte und die nicht mitfeiern durften. Aber nichts dergleichen geschah. Denjenigen Hörern der Sowjetzone, die westdeutsche Stationen einschalten können, erab sich ein Bild der totalen Uneinigkeit darüber, was man sich unter dem „Tag der deutschen Einheit“ vorzustellen und wie man ihn zu feiern habe. Ein Kommentator verstieg sich sogar zu der Behauptung, wir – er meinte: wir Bundesrepublikaner – würden den 17. Juni „erst dann mit fröhlichem Herzen feiern, wenn die Deutschen östlich der Elbe mit uns vereint sind“. Als ob der 17. Juni jemals „mit fröhlichem Herzen“ gefeiert werden könnte! Auf solchem Niveau etwa bewegten sich die Reportagen, die durchweg Bekannter wiederholten und aus dem 17. Juni so eine ArtBastillesturm machten. Nur zwei Funkhäuser hatten ein auf diesen Tag bezügliches Hörspiel vorbereitet: der RIAS (dem sich der Südwestfunk anschloß) und der Süddeutsche Rundfunk. Das erste davon, Rolf Burgs „Einer ist unter uns“, beginnt tatsächlich mit einen Bastillesturm. Eine Strafanstalt in der Sowjetzone wird am 17. Juni von streikende Arbeitern gestürmt. Drei politische Häftlinge, zwei Männer und eine Frau, können entweichen. Ihnen schließt sich, zunächst unerkannt, der Direktor der Strafanstalt an, der ebenfalls die Freiheit sucht. Und nun kommt in diese mühselig konstruierte Fabel ein realistisches Moments der Aufstand bricht zusammen, aus den Befreiten werden Flüchtlinge. Dann wird es wieder imaginär und Kolportagehaft: der Direktor, von den drei anderen erkannt, zeigt sich als Held. Er hilft ihnen über die Grenze und opfert sich selbst. Der SSD hat wieder die Oberhand ... Hanns Korngiebel hatte den Auftakt, die Gefangenenbefreiung, wuchtig und beklemmend inszeniert. Was dann kam, mußte auch er im Sande verlaufen lassen.

In Stuttgart hatte man die Arbeit einer jungen Berlinerin, Ingeborg Euler, aufs Programm gesetzt – „Michael Rosenholz“, die skizzierte Tragödie eines jungen jüdisch-deutschen Revolutionärs, der sich bona fide den Sowjets zur Verfügung stellt, von ihnen als Wochenschaumann der DEFA eingesetzt wird und durch den Stumpfsinn seiner propagandistischen Tätigkeit Jim Selbstmord getrieben wird. Eine direkte Beziehung zum 17. Juni ist nicht gegeben. Aber eben diese inneren Konflikte der einstmals Gläubigen, dieser tägliche Stumpfsinn der Propaganda, dies Lügen, dies Vertuschen, dieses sich selber Begaukeln – das alles ist ja nach wie vor der Alltag der Sowjetzone. Schade, daß die Autorin sich auf eine so reportagehaft „schmissige“ Form kapriziert hatte, die dem bestürzenden Stoff seine durchdringende Kraft nahm – sonst wäre hier wirklich statt des deutschen Einheitshörspiels ein tragisches Hörspiel von der deutschen Einheit entstanden.

Wir werden sehen:

Bevor sich das deutsche Fernsehprogramm endgültig in den Sommerschlaf begibt, bringt der Anschluß an den Europäischen Fernseh-Austausch den Teilnehmern außer den Fußballereignissen in der Schweiz noch Gelegenheiten, die außerdeutschen Fernsehsender bei ihrer Tätigkeit zu beobachten: am Donnerstag, 24. Juni, um 19 Uhr den belgischen (von der „Grande Place“ in Brüssel), am Dienstag, 29. Juni, um 21.15 Uhr den französischen (mit einem bunten Programm).

Wir werden hören:

Donnerstag, 24. Juni, 20.00 aus München:

Der Bayerische Rundfunk hat durch einen Zuschuß aus seinem Kulturfonds dem so tatkräftigen Oberbürgermeister von Würzburg, Dr. Stadelmayer, gebot fen, das Treppenhaus und den Kaisersaal der zerstörten Residenz wiederherzustellen. Eugen Jochum gibt mit dem Kammerorchester des Bayerischen Rundfunks auch den Würzburger Mozartfesten, die Hermann Zilcher 1921 ins Leben rief, neuen Glanz. Die heutige Aufnahme aus dem Kaisersaal bringt Mozarts selten gehörte Sinfonia concertante für vier Bläser und Orchester, zwei Konzertarien (Solistin: Pierrette Alarie von der Großen Oper in Paris) und die Haffner-Serenade.