In den elf Jahren meiner Kriegsgefangenschaft habe ich mich, wie jeder Plenny, oft gefragt: Was wirst du tun, wenn du wieder nach Hause kommen solltest? Und die Antwort war jedesmal: Du wirst ganz still an deine Arbeit gehen. Als ich nun aber wirklich nach Deutschland zurück kam, gab es gleich einen Wirbel um mich...“ Dr. Otmar Kohler aus dem Bergischen Land ist ein berühmter Mann geworden, ohne es zu wollen und ohne sich darin zu sonnen. Als ihm zum Abschluß des 57. Deutschen Ärztetages im Hamburger Rathaus die Paracelsus-Medaille verliehen wurde, brauste minutenlang der Beifall. Ergriffen und in sich gekehrt, nahm er ihn entgegen.

Wer hat ihn, wider sein Erwarten und wider seine Hoffnung, so berühmt gemacht? Um es gleich zu sagen: es waren die Kameraden, denen er beigestanden hat, die Gefangenen aus zwölf oder dreizehn sowjetischen Durchgangs-, Arbeits- und Straflagern. Auch wenn es keine Organe der Publizität gäbe, würde der Name Kohler von Mund zu Mund gehen. Zweitausend Briefe hat der Heimgekehrte in den ersten Wochen bekommen – alle von Männern, die ihm die Wiederaufrichtung ihres Lebensmutes, wenn nicht gar die Rettung des Lebens selbst verdanken. Die Öffentlichkeit hat nur noch ein paar Arabesken an diese echte und ursprüngliche Namhaftigkeit heften können – und die waren meist nicht in Übereinstimmung mit der Wahrheit.

Da ist zum Beispiel gleich die erste falsche Agenturmeldung, die trotz aller Dementis bei den meisten haften geblieben ist, die den Namen Kohler zum erstenmal hörten und wenig von den Verhältnissen im Sowjetstaat wissen: Kohler sei, obwohl er die Möglichkeit der Heimkehr gehabt habe, freiwillig in Gefangenschaft geblieben, um seinen Kranken zu helfen. „Das stimmt nicht“, erklärt er kategorisch. Es kann nicht stimmen, weil die Moskauer Stellen die Heimkehrertransporte einteilen wie sie wollen und sich in keinem Fall nach Wünschen von Gefangenen richten. Im Gegenteil: Kohler war zu langer Strafe verurteilt. Deswegen ist er so spät heimgekehrt. Er hatte sich über mangelhafte sanitäre Einrichtungen beschwert, er war für kranke Kameraden gegen die Befehle von Kommandanten aufgetreten, er war in den Augen der Sowjets ein mißliebiger Gefangener gewesen.

Hat er Übermenschliches getan? Man hat ihm in der Öffentlichkeit den (vermeintlich ehrenden) Beinamen des „Engels von Stalingrad“ gegeben. Er aber sagt: „Ich habe den höchsten Orden der deutschen Ärzteschaft nur deshalb annehmen können, weil ich weiß, ich stehe für sehr viele meiner Kollegen, die in der Gefangenschaft das gleiche getan haben wie ich.“ In seinen Worten klingt ein Vorwurf mit gegen die Art, wie man heute in Deutschland Mißgriffe einzelner Ärzte so darstellt, als seien sie typisch für den ganzen Stand. „Wir Kriegsgefangene kommen von einem anderen Stern. Wenn ich mich auf solche Berichte verlassen müßte, käme ich zu dem Schluß, daß man sich deutschen Ärzten heute nicht anvertrauen kann. Und das ist eine Verleumdung.“

Kohler spricht mit einer einzigartigen Autorität – der Autorität eines Mannes, der bewiesen hat, daß man auch unter den widrigsten Umständen, ohne Instrumente und Apparate, die Tätigkeit des Chirurgen ausüben kann, wenn man wirklich – das heißt: vom Herzen her – ein Arzt ist. Der „Feldscher“ des dreißigjährigen Krieges erfreute sich eines hochmodernen Instrumentariums, verglichen mit dem, das Kohler zur Verfügung stand, als er nach der Katastrophe von Stalingrad mit der Praxis begann. Und es waren nicht nur die Frakturen und die Entzündungen der inneren Organe, um die er sich zu kümmern hatte, es war vor allem auch der seelische Schock infolge der Niederlage. „Die Leute hatten alle geglaubt, was ihnen die Propaganda sagte. Nun kam die bodenlose Enttäuschung, und mit ihr die Anfälligkeit für Krankheiten. Ich mußte einfach anfangen mit dem Nächstliegenden.“

Der Chirurg wird oft als ein bloßer Techniker angesehen. Nun, als bloßer Techniker wäre Kohler zu keiner Wirksamkeit gekommen. Was er brauchte, war das Zutrauen seiner Patienten. Und hier muß man nunwohl doch dem so bescheidenen Mann ein wenig widersprechen. Denn wenn er auch gewiß keine vereinzelte Ausnahme war, so scheint es doch, als sei er der Anreger und das Vorbild für viele Kollegen gewesen. Wie hätte sonst der Name Kohler in allen Lagern der Sowjetunion so einen Klang bekommen können? Ihn selber stärkt die Erinnerung an das Vertrauen, das ihm die Mitgefangenen entgegenbrachten. „Da war einer vom vierten Stock eines Neubaues gestürzt. Er lag auf dem Operationstisch: komplizierte Brüche und ein Darmriß. Ein aussichtsloser Fall, aber ich mußte versuchen, zu operieren. Der Verletzte schlug die Augen auf und sah mich am Tisch stehen. ‚Ach, du bist da, Köhler‘, sagte er, ‚dann ist ja alles in Ordnung.‘ Zwei Minuten später starb er. Aber ich habe ihm den Tod leicht machen können.“

In elf Jahren erliegt mancher der Versuchung und wird zum Lumpen. „Auch solche kamen auf den Operationstisch. Da fragte dann wohl einer: „Wissen Sie auch, wer ich bin, Doktor?’ Ich habe immer geantwortet: ‚Ich weiß nichts von Ihnen, als daß Sie ein deutscher Gefangener sind, dem geholfen werden muß.‘ – „Aber haben Sie denn nicht Angst, daß ich Sie morgen den Russen denunziere wie so viele meiner Kameraden?’ – ‚Nein, das werden Sie nicht tun. – ‚Aber wie fange ich es nur an, daß ich wieder gut werde?‘ – ‚Fangen Sie morgen an!‘ Der Mann wurde gesund und war von nun an anständig.“

Kohler hat, wie man sieht, das vielverhandelte Problem Arzt und Seelsorger auf seine Weise in der größten Notlage gelöst. „Ich konnte die elf Jahre nur durchstehen, weil ich die ganze Zeit an die Güte Gottes und an die Güte in jedem Menschen geglaubt habe. So erfuhr ich auch die Wahrheit des Wortes von Paracelsus: Der höchste Grad der Arzenei ist die Liebe.“ C. E. L.