Für Deutschland begann damals die Sache mit einer Panne, was um so erstaunlicher und bedauerlicher war, als die Deutschen eigentlich die erste Anregung zu der ganzen Geschichte gegeben hatten. Denn der alte Husarengeneral Viktor v. Podbielski, der später ein so großer Förderer der ganzen Bewegung werden sollte, warf im Jahre 1894 die Einladung zu einem olympischen Kongreß einfach in den Papierkorb, weil er sich darunter nichts vorstellen konnte.

So blieben wir auf dem Pariser Kongreß, der am 23. Juni 1894 in der Sorbonne die Gründung eines Internationalen Olympischen Komitees und zugleich die Wiedererweckung der Olympischen Spiele beschloß, unvertreten.

So leicht, wie sich das heute liest, war die Angelegenheit allerdings auch wieder nicht, und der Vater des Gedankens, der französische Baron Pierre de Coubertin – eben angeregt durch die Forschungsarbeiten des deutschen Gelehrten Ernst Curtius über Olympia und die großen Ausgrabungen, die die deutsche Regierung dann später auf dem einst für alle Griechen heiligen Gelände durchführen ließ – mußte zu einer List greifen. Er benannte als Zweck der Versammlung zunächst lediglich die Lösung der Amateurfrage im Sport. Erst am Tage der Eröffnung des Kongresses, von dem im Laufe der Jahrzehnte eine so einzigartige weltbewegende Wirkung ausgehen sollte, deckte er seine Karten auf und stellte als achten Punkt der Tagesordnung die Wiederbelebung der Olympischen Spiele zur Diskussion. An sieben Fragen hatte sich die Zuhörerschaft schon reichlich ermüdet, so daß man den achten, ohne sich recht im klaren darüber zu sein, worum es im Grunde ging, auch ohne Widerspruch annahm: die großen Weltspiele waren ins Leben gerufen; zugleich war festgesetzt worden, daß sie alle vier Jahre stattzufinden hätten und daß jedesmal ein anderes Land mit ihrer Ausrichtung zu betrauen sei. An diesen grundlegenden Bestimmungen ist niemals mehr etwas geändert worden.

Mit Recht feiert in diesen Tagen die Welt den sechzigsten Geburtstag des IOC und der modernen Olympischen Spiele. Auch das Nationale Deutsche Komitee und die Deutsche Olympische Gesellschaft haben zu Feierstunden aufgerufen, um insbesondere der deutschen Jugend den tieferen Sinn der olympischen Idee in Erinnerung zu bringen. Vornehmlich werden auf den Schulen Gedenkstunden abgehalten werden, um welche das NOK die Kultusminister aller Länder gebeten hat. Es ging hierbei von der Erkenntnis aus, „daß die besonders schwierigen Umweltverhältnisse, die der deutsche Zusammenbruch auch für unser Schulwesen schuf, nicht abhalten, sondern anspornen sollten, mit Geduld und Umsicht auf Erziehungsformen überzugehen, welche mehr als bisher die körperliche Ausbildung neben die geistige stellen“.

Was das Internationale Olympische Comité für die Spiele geleistet hat, was diese Spiele für den Sport bedeutet haben, noch immer bedeuten und für alle Zukunft gewiß auch bedeuten werden, ist bekannt. Man läuft vielerorts Sturm gegen sie, manche möchten sie sogar ganz abschaffen. Nun, trotz mancher Schönheitsfehler, die auch die alten Herren des IOC genau kennen, kann man nichts gegen sie sagen. Im Gegenteil, beständen das IOC und die Spiele nicht, man müßte sie heute schaffen. Noch immer gilt, was einmal im Jahre 1913 zur Vorbereitung der damals für Berlin in Aussicht genommenen Spiele der VI. Olympiade gesagt wurde: „So hoffen auch wir, dazu beizutragen, daß immer mehr die Olympischen Spiele ein Fest der Erde werden, damit die Welt sich in allen Zonen auf ihre ewige Aufgabe besinnt, mit der der Weltschöpfer uns allein die Lust zu leben in unseren Busen gesenkt hat, die Aufgabe der Welt nämlich, sich zu veredeln und zu vervollkommnen. Gelingt es, den Spielen die Weihe dieses Gedankens zu geben, dann kann man von ihnen sagen, was Horaz übermütigerweise von seinen Werken gesagt hat: ne forte credas interitura – glaube nicht, daß sie je untergehen!“

Reitersieg in Madrid

Das vergangene Wochenende brachte dem deutschen Sport eine überaus erfreuliche Meldung aus Madrid und eine ein wenig betrübliche Nachricht aus Basel. In der spanischen Hauptstadt konnte sich der deutsche Turnierreiter Hans Günter Winkler auf Halla gegen die schwerste internationale Konkurrenz den Weltmeistertitel der Springreiter erobern, während in der Schweiz unsere Fußballnationalmannschaft gegen den Favoriten des Weltmeisterschaftsturniers Ungarn eine empfindliche 3:8-Niederlage einstecken mußte. Der 27jährige Turnierreiter konnte bei der Entscheidung des höchsten Titels im internationalen Turniersport von fünf Ritten vier fehlerfrei absolvieren und schlug in scharfem Kampf die besten Klassereiter aus Spanien und Frankreich. Daß unsere Fußballer gegen die Ungarn nicht gewinnen würden, war wohl anzunehmen (nur größtes Glück hätte uns einen solchen Triumph bescheren können), daß sie aber so verhältnismäßig hoch verlieren würden, überraschte allgemein. Sie schlugen sich zwar tapfer und fair, aber gegen das ausgezeichnete Spiel der ungarischen Meistermannschaft waren sie mehr als hilflos. Unsere Hoffnungen richten sich nun auf das Wiederholungsspiel mit der Türkei, von dessen Ausgang es abhängen wird, ob wir noch weiter mit von der Partie sein werden. W. F. Kleffel