sch. Stettin

Neun Jahre „volkspolnischer“ Herrschaft haben alle vertrauten Zeichen in der pommerschen Hauptstadt Stettin ausgelöscht. So sind nur mehr die – meist unfreiwillig – hier verbliebenen 3500 Deutschen letzte Zeugen der Vergangenheit. Es sind stumme Zeugen: Seit sie alle den Obywatelstwo (Polonisierungsschein) nehmen und ihre Namen entdeutschen mußten, unterscheidet sie vielleicht nur noch ihre noch ärmlichere Kleidung von den 150 000 Polen, die seit 1945 in die Stadt gekommen sind. Zwar dürfen sich die letzten der einst 380 000 Einwohner seit zwei Jahren frei in der Stadt bewegen, ihre Heimstätten jedoch liegen wie in Ghettos an zwei, drei vorgeschriebenen Punkten: in der Wallstraße, am Grünen Graben, vor allem auf der Lastadie. Aber es gibt noch immer diskriminierende Maßnahmen der Wojwodschaftsverwaltung Szczezin. Zusammenkünfte von mehr als zwanzig „ehemaligen“ Deutschen sind nach wie vor untersagt, und nur der Gottesdienst in der Gertrudenkirche ist eine letzte Oase der Gemeinsamkeit. Der Urzad Bezpieczenstwo – die polnische Geheimpolizei – geht scharf gegen alle Deutschen vor, die sich nicht vollkommen den von ihm bestimmten Regeln unterwerfen. Schon mancher hat eine Unachtsamkeit in den Kellern des UB in der Kaschubischen Straße büßen missen, von wo der Weg dann meist in eines der Zwangslager Altdamm, Köslin oder Stargard führte...

Die Unterstadt Stettins, das jetzt zur „Perle der polnischen Westgebiete“, zum „Polnischen Tor zur Welt“ werden soll, ist ein einziger kahler Platz vom Bollwerk bis zum Berliner Tor. Nachmittags ziehen Jungen und Mädchen der polnischen kommunistischen Jugendorganisation ZMP unter dem Abgesang von Parteiliedern durch die Stadt zu den Arbeitsplätzen des „Aufbauwerkes“. Eine neue Verordnung vom März verpflichtet selbst die sieben- bis neunjährigen Kinder zu zehn „Aufbaustunden“ in der Woche. Aber statt des „Aufbauwerkes“ sollte man besser von einem wohlorganisierten Abrißprogramm sprechen, da nur vereinzelt Gebäude wieder- oder neuerrichtet wurden.

Im Hafen dagegen wird fieberhaft aufgebaut, seit sich die Sowjets vor einem Jahr entschlossen haben, diesen Hafen zum westlichen Eckpfeiler des „volkspolnischen“ Abschnitts im „maritimen Stalinwall“ ausbauen zu lassen. Schon können wieder Schiffe selbst über 8000 Bruttoregistertonnen einlaufen, während sie vordem bei Swinemünde – Swinouscie – Anker werfen mußten. Auf der Vulkanwerft liegen seit einem Jahr auch größere Schiffe auf Kiel. Vor den Stacheldrahtverhauen des abgesperrten Werftgeländes patrouillieren Rotarmisten.

Bis 1956 ist die Überdachung von 25 000 qm Lagerfläche, die Installierung von 60 elektrischen Kränen geplant. Vor der Stadt soll ein Hüttenwerk entstehen, um die schwedischen Erze nicht weitertransportieren zu müssen. Die Sowjetunion wird „großzügig“ die Einrichtungen schicken! Selbstverständlich gibt es auch hier Hockaufs und Hennekes, gibt es „Brigaden der besten Qualität“, ja, sogar einen „Kai der besten Einfälle“! Das alles kann zwar die Quantität, weniger die Qualität der Arbeit, schon gar nicht aber die Sympathie der Arbeiter für das bolschewistische System erhöhen. Zweimal in kurzer Zeit versuchten polnische Arbeiter das Sowjetdenkmal auf dem „Platz der Partisanen“ zu stürzen. Nur Großeinsatz des „Inneren Sicherheitskorps“ (KWB) konnte die Massen in Schach halten. Auf dieser Basis des gemeinsamen Hasses gegen die kommunistischen Unterdrücker bahnt sich auch zaghaft ein Miteinander von Deutschen und Polen an.