Zur Deckung des vordringlichen Bedarfes an Anlagen in der Grundstoffindustrie wurde, die Investitionshilfe erfunden. Eine Milliarde DM war von der gewerblichen Wirtschaft insgesamt aufzubringen und dem Kohlenbergbau, der eisenschaffenden Industrie, der Energiewirtschaft, der Wasserwirtschaft, dem Güterwagenbau der Bundesbahn (gegen Schuldscheine) zu überlassen. Diese Umsteuerung von weniger als einem Hundertstel des jährlichen Sozialprodukts hat eine Lawine unproduktiver Verwaltungsarbeiten ausgelöst. Zehntausende von Menschen haben, in Millionen, von Arbeitsstunden, Hunderttausende von Akten entstehen lassen... Und am Ende ist doch nur der Beweis dafür erbracht, daß der Marktpreis seine Volks- und privatwirtschaftlichen Funktionen sicherer, schneller und rationeller erfüllt als jeder nachträgliche Korrekturversuch des Gesetzgebers und der Verwaltung. Man vergegenwärtige sich das Folgende:

1. In unzähligen und schwierigen Verhandlungen ist schließlich nach vielen Monaten am 7. Januar 1952 auf komplizierten Wegen ein kompliziertes Gesetz zustande gekommen. Durchführungsverordnungen und Verwaltungsrichtlinien folgten. Gesetzesausgaben und Kommentare erschienen.

2. Hunderte von Finanzämtern und Zehntausende von Betrieben machten sich dann an die Erarbeitung der Unterlagen der vorläufigen und endgültigen Aufbringung. Schwierigste Veranlagungs-, Stundungs- und Rechtsmittelverfahren mußten durchgeführt werden. Die Verfassungsmäßigkeit des Investitionshilfegesetzes wurde vor Gericht in Zweifel gezogen. In der Presse, im Rundfunk und in der wissenschaftlichen Fachwelt entbrannte eine lebhafte Diskussion. Honorare wurden verdient, Papier wurde bedruckt – und Arbeitszeit vergeudet.

3. Gleichzeitig setzten überaus schwierige und langwierige Verhandlungen der Investitionshilfe-Empfänger mit den zuständigen Stellen über die Höhe und Ausstattung der zu begebenden Schuldverschreibungen ein. Der Apparat für den Einzug der Investitionsgelder und deren Verteilung wurde geschaffen.

4. Nach weiteren 18 Monaten erschien Ende Juni/Anfang Juli 1953 in ganzseitigen Anzeigen im Bundesanzeiger, in einer Reihe von Tageszeitungen und Fachzeitschriften die erste Aufforderung zur Übernahme von Wertpapieren. Zur Verfügung standen nom. 178 584 300 DM Wertpapiere von elf verschiedenen Emittenten. Über rund 200 Hilfsstellen gingen im Laufe der nächsten Monate rund 50 000 Übernahmeangebote für rund 600 Mill. DM ein. Von diesen in fünffacher Ausfertigung herzustellenden Übernahmeangeboten – es entstanden also 250 000 Aktenstücke! – waren 10 000 unrichtig oder unklar ausgefüllt. In 10 000 Fällen war also ein Schriftwechsel mit den Hilfsstellen oder Finanzämtern notwendig. Daran schloß sich dann mit Hilfe der Rechenmaschine die Festlegung der Zuteilungsquoten und die Aufstellung eines Zuteilungsplanes.

5. Ende Februar 1954 war die erste Zuteilungsaktion abgeschlossen. Die Banken richteten ihren Kunden entsprechende Wertpapierkonten ein. Es begann der Handel in diesen Wertpapieren; denn zahlreiche aufbringungspflichtige Unternehmen waren bemüht, die eben zugeteilten Papiere so schnell wie möglich – wenn auch unter Verlust – wieder zu Geld zu machen.

6. Zur Zeit läuft das zweite Zuteilungsverfahren. Dieses, Mal stehen nom. 377 327 100 DM Wertpapiere zur Verfügung, die sich auf 31 verschiedene Emissionen verteilen. Wieder erfolgen ganzseitige Zeitungsankündigungen. Wieder sind 50 000 Übernahmeangebote in fünffacher Ausfertigung auszufüllen. Wieder sind komplizierte Errechnungen zur Festlegung der Zuteilungsquoten und Aufstellung des Zuteilungsplanes notwendig. – und so wird das noch lange weitergehen, bis der letzte Aufbringungspflichtige das letzte Wertpapier zugeteilt haben wird...