Der Vorstand der Farbwerke Hoechst hatte in dem

Sitzungssaal, in dem er der Presse den Geschäftsbericht für 1953 übergab, eine große graphische Darstellung angebracht, die die Indexe der Chemieproduktion in der Welt seit 1938 wiedergab. Zwei steil nach oben gerichtete Kurven, die, von der Basis 100 ausgehend, bis auf 300 und mehr anstiegen, zeigten die Entwicklung in den USA und in Großbritannien. Zwei andere, wesentlich flachere, die Zahl 150 nicht allzusehr übersteigende Kurven zeigten die Ergebnisse von Frankreich und Italien. Bei der Bundesrepublik aber sah man einen Verfall bis zum Jahre 1948 und einen Rückgang auf wenig mehr als 50 v. H.; erst dann steigt die Kurve wieder kräftig auf, um gerade noch 150 zu erreichen. Offenbar wollte Hoechst damit für keinen Augenblick vergessen lassen, daß, wenn auch in dieser Pressekonferenz von stattlichen Erfolgsziffern für 1953 gesprochen wurde, damit wahrlich noch kein Grund zum Jubilieren gegeben ist.

Sicherlich, die Umsatzziffern aller Nachfolgeunternehmen der alten IG, die in diesen Tagen ihre Geschäftsberichte vorgelegt haben und die veröffentlichten Exportergebnisse nehmen sich stattlich aus. Die Farbenfabriken Bayer, Leverkusen, erhöhten im Geschäftsjahr 1953 den Umsatz auf 1025,1 (i. V. 866,9) Mill. DM. Auch in den ersten fünf Monaten des laufenden Geschäftsjahres ist der Umsatz im Vergleich zu dem entsprechenden Zeitraum des Vorjahres um 10 v. H. weiter gestiegen. Die Umsatzerhöhung stammt, wie der Vorsitzende des Vorstandes, Generaldirektor Prof. Haberland, vor der Presse ausführte, vor allem aus den Neuanlagen. Die Badische Anilin - & Soda-Fabrik (BASF), Ludwigshafen, hat ihren Umsatz (ohne Tochter- und Beteiligungsgesellschaften) mit 885,2 Mill. DM um 33,8 v. H. über den Umsatz von 1952 steigern können. Aber das alles wurde erreicht im Winde einer günstigen Konjunktur. Professor Zerweck von den Cassella Farbwerken Mainkur sagte so auch zu diesem Thema, daß der Vorstand von Cassella weit davon entfernt sei, das günstige Ergebnis des Unternehmens ausschließlich der eigenen Tüchtigkeit zuzuschreiben. Man sei sich vielmehr bewußt, daß dieses Ergebnis durch die allgemeine wirtschaftliche Lage in der Welt wesentlich bestimmt wurde. Aber auch ein günstiges Konjunkturergebnis setze voraus, daß die Kräfte vorhanden wären, diese Konjunktur auszunutzen. Hierbei handelt es sich nun sicherlich nach all den Zerstörungen der vorangegangenen Zeit nicht um materielle, sondern um geistige Kräfte, wie sie in der Chemie in erster Linie in der Forschung zutage treten. Für die Forschung aber wurde von den IG-Nachfolgeunternehmen in den letzten Jahren außerordentlich viel getan. Die Zahlen, mit denen diese Unternehmen aufwarten können, lassen sich mit denen der alten IG durchaus vergleichen. Es wurde aber auch vieles erreicht. Professor Winnacker, Hoechst, konnte, um nur ein Beispiel zu nennen, darauf hinweisen, daß die Arbeiten auf dem Gebiete der spinalen Kinderlähmung zu großen begründeten Hoffnungen Veranlassung geben. Die entsprechenden Präparate werden z. Z. klinisch erprobt. Von Cassella wurde an anderer Stelle darauf hingewiesen, daß sich der Anteil der nach dem Kriege entwickelten Erzeugnisse am Gesamtumsatz des Unternehmens auf 35 v. H. erhöht hat. Die BASF berichtete von nicht minder stolzen Erfolgen aus dem Bereich ihres Fabrikationsprogrammes.

Zwischen den Erfolgen der Gelehrtenstube und des Labors auf der einen und der Fertigung im großen Rahmen auf der anderen Seite aber stehen die Investitionen. In den kommenden Jahren wird bei allen Werken der IG-Nachfolgeinstitute mehr investiert werden müssen, als die Abschreibungen hereinbringen. Das bietet seine Probleme, solange es noch keinen ergiebigen Kapitalmarkt gibt, der die hohen Millionenbeträge, die hier erforderlich sind, aufbringt, vor allem auch, weil die Erträge der Unternehmen bei dem mörderischen Steuerdruck niemals Selbstfinanzierungen in einer hierfür ausreichenden Höhe zulassen. Aber auch hier kommt die Konjunktur und die allgemeine Normalisierung unserer Verhältnisse für den Augenblick der chemischen Industrie entgegen. Sie gestattet es, aus dem vorhandenen Umlaufvermögen große liquide Mittel herauszupressen, vor allem, weil die Lagerbestände auf ein Minimum reduziert werden können. Die Lieferfristen sind heute überall wieder so kurzfristig geworden, daß dies möglich ist. Alle Werke haben in Kassenmitteln und in steuerfreien und steuerbegünstigten Wertpapieren erhebliche Mittel zurückgelegt, die, z. B. bei Hoechst, ausreichen, die zusätzlichen Investitionen in den kommenden ein bis zwei Jahren finanziell zu sichern. Dann allerdings wird man auf den Kapitalmarkt zurückgreifen müssen, denn auf die Dauer läßt sich ohne ihn eine Expansion, wie sie der jungen chemischen Industrie immanent ist, nicht sichern. Ohne laufende, sehr große zusätzliche Investitionen, also ohne eine dauernde industrielle Ausnutzung der Forschungs- und Entwicklungsarbeiten ist die Rückgewinnung einer der deutschen chemischen Industrie adäquaten Stellung in der Welt-Chemiewirtschaft nicht möglich. W. R.