Von Wolfgang Krüger

Als Professor Erhard Anfang Februar in einer seiner temperamentvollen Reden die Ansicht äußerte, verbrauchen sei unter Umständen wichtiger als sparen und daß das sonst sehr lobenswerte Sparen auch zu einer „volkswirtschaftlichen Untugend“ werden könne, fand er nicht überall ungeteilten Beifall. Präsident Butschkau vom Sparkassen- und Giroverband konterte den Angriff des Bundeswirtschaftsministers auf den Sparer und die Spartätigkeit in der Bundesrepublik mit einer geharnischten Gegenerklärung –, aber schon wenige Wochen danach war der Friede zwischen dem Minister und seinen sonst getreuen Mannen wiederhergestellt. Auf dem Deutschen Sparkassentag in Bonn Anfang April, der durch die wohl nicht zufällige Teilnahme des Bundeskanzlers zu einer staatspolitischen Kundgebung für die Tugend des Sparens wurde, hielt der Minister das Hauptreferat und detaillierte seine freilich mißverständliche These dahin, „daß, wo viel verbraucht wird, auch viel gespart wird“, was denn in der Öffentlichkeit auch so verstanden wurde, daß wir heute nicht vor der Alternative stehen: verbrauchen oder sparen, sondern daß die These so lautet: verbrauchen und sparen oder richtiger: mehr verbrauchen und mehr sparen. Beides ist in einer wachsenden Volkswirtschaft nicht nur möglich, sondern sogar unerläßlich, wenn das strukturelle Gleichgewicht gewahrt bleiben soll.

In diese um das Thema Sparen oder Nichtsparen so wieder eingetretene Waffenruhe platzt nun ein Artikel in der Juninummer der „Gewerkschaftlichen Monatshefte“ hinein (Johannes Kasnacich-Schmid: „Kapitalbildung und Sparen“), der die um die Kapitalbildung besorgten Gemüter wohl erheblich mehr aufregen wird, auch wenn es sich nicht um das Wort eines Ministers handelt. Unter Benutzung des bekannten Vokabulars und mit Hilfe der Argumente der Vollbeschäftigungstheoretiker wird hier dem erstaunten Leser weis zu machen versucht, daß das Sparen nicht nur eine höchst überflüssige Anstrengung sei, der sich der Bundesbürger nach der „modernsten Theorie“ nicht mehr zu unterziehen brauche, sondern „unter den geschilderten Umständen (damit sind ja wohl die heutigen Umstände gemeint) als grober Unfug abgelehnt werden muß“. Begründung: Sparen ist gleichbedeutend mit Konsumeinschränkung, Konsumeinschränkung führt zur Produktionseinschränkung, und das heißt in die Depression, Arbeitslosigkeit und Verarmung. Da andererseits Geld und Kapital „dasselbe“ sind und der Unterschied von lang- und kurzfristigem Geld sich „als eine der Lebenslügen der Banktheorie erweist“, da die für die Durchführung der Investitionen erforderliche Kreditgewährung in ihrem Ausmaß „völlig unabhängig“ davon ist, ob gespart oder nicht gespart wird, löst sich das ganze „Kapitaldilemma“ wie ein dummer Albtraum von selber auf. Denn da Kapital nichts anderes als „ein Geldquantum“ ist, brauchen nur mit „zusätzlichem Geld“ die Lohn- und Gehaltseinkommen erhöht zu werden. Wenn diese Mehreinkommen in den Konsum gehen („zu diesem Zwecke dürfen sie natürlich nicht gespart werden“), gelangen auch die Unternehmer (wohl doch über höhere Gewinne, die man ihnen sonst so übel nimmt) in den Besitz zusätzlicher Summen, mit denen dann die notwendigen Investierungen vorgenommen werden können, ohne daß dieses Kapital, wie die „Sparapostel“ meinen, „erspart“ und „er-, arbeitet“ werden muß.

Das ist also Keynes reinsten Wassers oder besser ein stark verdünnter Aufguß dessen, was seine Jünger – zu denen der Verfasser dieses Artikels in den „Gewerkschaftlichen Monatsheften“, offenbar auf dem äußersten fortschrittsbesessenen Flügel stehend, ja wohl gehört – aus den Lehren ihres durchaus verehrungswürdigen Herrn und Meisters gemacht haben. Dazu ist schon genug gesagt und geschrieben worden, so daß es sich erübrigt, sich mit den Einzelheiten dieses dialektischen Salto mortale auseinanderzusetzen. Wir möchten auch nicht unsererseits nun hier den Beweis zu führen versuchen, daß allein im Sparen das Heil der Zukunft liegt. Ob gespart oder nicht gespart wird, hängt ja nicht nur von dem „Spartrieb“ ab, von dem Erhard sagt, daß er im deutschen Volk nicht totzuschlagen ist, sondern ebenso von einer Anzahl sehr realer Voraussetzungen. Und natürlich kann es in einer Volkswirtschaft auch Situationen geben, wo das Sparen in der Tat schädliche Folgen haben kann. Aber in dieser Situation stehen wir heute nicht.

Etwa ein Fünftel unseres jährlichen Volkseinkommens geht in die Investition. Mit anderen Worten heißt das, daß es nicht verbraucht und in diesem Sinne gespart wird. Obwohl das individuelle freie Sparen (über Sparkonten, Versicherungen, Bausparkassen, Wertpapieranlagen) nach der Währungsreform ganz erfreulich in Gang gekommen ist – das Wertpapiersparen allerdings nur sehr allmählich, blieb doch der Anteil des privaten Sparers an der Finanzierung dieser Investitionen hinter der öffentlichen Hand und der Selbstfinanzierung der Unternehmen weit zurück. Das Sparen vollzog sich überwiegend über das der Allgemeinheit auferlegte Zwangssparen, also über Steuern und Preise. Das Ende der Korea-Konjunktur brachte dann aber auch das Ende der großen Selbstfinanzierungsperiode der deutschen Wirtschaft. Der Trend der in de-Wirtschaft erzielten Gewinne und der Unternehmereinkommen war das ganze Jahr 1953 über rückläufig, was wiederum zur Folge hat, daß wir uns heute sehr ernsthaft mit der Frage beschäftigen müssen, wie die steuerliche Belastung der neuer Situation angepaßt werden kann. Die zu einer vitalen Notwendigkeit gewordene steuerliche Entlastung der Wirtschaft kann aber nur dann auf längere Sicht in dem erforderlichen Ausmaß erfolgen, wenn die öffentlichen Haushalte nun ihrerseits die Möglichkeit haben, sich Zug um Zug von allen Investitionsausgaben frei zu machen, die bei entsprechender Gestaltung der Bedingungen privatwirtschaftlich finanziert werden können. Rückgehende Selbstfinanzierungsquote, rückgehende Investitionsquote der öffentlichen Hand – das bedeutet, daß der Kapitalmarkt, und wie konnte es auch auf die Dauer anders sein, zu einer Lebensfrage unserer weiteren wirtschaftlichen Entwicklung geworden ist. Die Beibehaltung des heutigen Investitionsniveaus ist entscheidend davon abhängig geworden, wieweit es gelingt, daß das sich bei den Lohn- und Gehaltsempfängern (durch Sinken der Unternehmergewinne) bildende Mehreinkommen, das ja nicht nur nominal, sondern auch real im Steigen ist, in der erforderlichen Dosierung als Sparkapital der Investitionsfinanzierung zur Verfügung gestellt wird.

Die Sorge, daß wir zuviel sparen könnten oder daß wir uns gar durch Sparen um unser Brot bringen könnten, ist also unter den heutigen Umständen (man muß eigentlich sagen: leider) höchst überflüssig. Es besteht umgekehrt die Gefahr, daß aus Mangel an privatem Kapital die Investitionsquote zurückgeht und damit dann allerdings unsere weitere wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung ins Stocken kommt. Natürlich gibt es seit Keynes dagegen ein immer parates Mittel: Gelddrucken und Gewinnabschöpfung bei der durch diese Injektion wieder zum Leben gebrachten Wirtschaft durch den Staat, der dann mit den auf diesem uns ja sattsam bekannten Wege besorgten Mitteln in die Kapitalbresche springt. Auch auf die Gefahr hin, klassenkämpferischer Umtriebe verdächtigt zu werden – denn seit Marx, so ist in dem Artikel der „Gewerkschaftlichen Monatshefte“ zu lesen, besteht kein Zweifel darüber, daß hinter der „klassisch-reaktionären“ Kapital- und Spartheorie nichts anderes als das „Klasseninteresse“ der Industrie- und Bankdirektoren steht – möchten wir hier nun doch sagen, daß wir solche von Herrn Kasnacich-Schmid empfohlene Kapitalzauberei nicht nur für einen groben, sondern verantwortungslosen Unfug halten, hinter dem wir bei bestem Willen keine volkswirtschaftlich diskutable Konzeption entdecken können.

Und hier liegt ja denn wohl auch die Entscheidung, vor der wir, jenseits aller grauen Theorie, stehen: gespart wird immer werden, entweder freiwillig oder unter Zwang. Das freiwillige Sparen hat nicht nur den Vorteil, daß es unserem auf Freiheit gegründeten abendländischen Lebensstil weit angemessener ist als das Zwangssparen, sondern auch den nicht zu unterschätzenden materiellen Vorzug, daß die so ersparten Beträge zu Vermögen des einzelnen werden. Wir meinen, daß das eine durch und durch soziale Konzeption ist. Es muß immer ein Rätsel bleiben, weswegen sich die Gewerkschaften nicht entschließen können, diese Parole auf ihre Fahnen zu schreiben.