Amerika und England haben sehr verschiedenartige Auffassungen über das, was Politik ist – und auch über das, was ganz konkret politisch in diesem Moment anzustreben ist – vor allem dem Osten gegenüber. Wir Europäer sind im allgemeinen geneigt, den englischen Standpunkt für realistischer zu halten. Dieser Aufsatz unseres amerikanischen Mitarbeiters stellt ganz offen die amerikanische Auffassung dar.

New York, im Juni

Die unterschiedliche Haltung der amerikanischen und der britischen Presse Genf gegenüber zeigt den gefährlichen Zwiespalt, der zur Zeit zwischen den USA und England herrscht. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Frage des Osthandels. Erst kürzlich wurden wir, auf englische Bitten hin, zu einer Lockerung der Verbotsliste veranlaßt. Wir tun das nicht gern, denn wir befinden uns ja in Korea mehr oder weniger noch immer im Kriegszustand mit Rotchina. Unseren eigenen Handel mit China haben wir für die Dauer der Aggression (Indochina) fast vollständig eingestellt. Diese Maßnahme wird natürlich sinnlos, wenn unsere Verbündeten dafür in die Bresche springen. Dann bedeutet ja die Einstellung des Exportes lediglich eine Diskriminierung unserer eigenen Geschäftsleute.

Es ist nicht leicht, den Unterschied zwischen strategischen und nichtstrategisch Gütern zu definieren. Die Engländer haben während beider Weltkriege versucht, jeglichen Handel mit Deutschland durch Blockade zu verhindern. Im Jahre 1940 verweigerte Churchill die Genehmigung zur Lieferung von Milchpulver und Medikamenten für französische und belgische Kinder mit der Begründung, daß, wenn gewisse Schichten in den besetzten Ländern amerikanische Hilfe bekämen, die Nazis ihr eigenes Milchpulver und ihre Medikamente ganz für sich verwenden könnten. Das zeigt, wie inkonsequent die eigene Blockadetheorie von den Engländern angewandt wird, denn jetzt behauptet die britische Regierung, daß der Handel mit nichtstrategischen Gütern die chinesische Kriegspotenz keineswegs steigere.

Wir sind da sehr anderer Meinung, aber wir können unsere Verbündeten nicht zwingen, sich unserer Auffassung anzuschließen. Deshalb müssen wir zufrieden sein, daß unsere englischen Freunde und alle anderen freien Länder wenigstens nicht solche Güter nach China ausführen, die in einer gemeinsam aufgestellten Liste strategischer Güter verzeichnet sind. Der Handel mit Rußland ist auf ähnliche Weise geregelt, allerdings ist, wie bereits erwähnt, diese Verbotsliste kürzlich gemildert worden – wobei klar ist, daß eine Erweiterung des Handels mit Rußland und den Satelliten den amerikanischen Boykott gegen Rotchina natürlich schwächt.

Dies ist die offizielle Haltung der amerikanischen Regierung. Die öffentliche Meinung und auch der Kongreß sind dem Ost-West-Handel gegenüber sehr viel kritischer. Die Mehrzahl der Amerikaner ist der Meinung, die freie Welt dürfe nicht kleiner werden, wenn sie sich behaupten wolle, und eben darum dürfe man den Russen keine politischen Konzessionen, wie die Lockerung des Boykotts, machen, ohne von ihnen politische Konzessionen dafür einzuhandeln. Der einzige Trumpf, den wir ihnen gegenüber bei Verhandlungen in der Hand hkben, ist doch unsere Produktionskapazität und unser wissenschaftlicher und technischer Vorsprung. Wenn wir sie von der Teilnahme an diesen Dingen ausschließen, werden sie in dem technisch-militärischen, wirtschaftlichen und politischen Wettkampf Boden verlieren und dann vielleicht bereit sein, wirtschaftliche und finanzielle Konzessionen mit politischen Konzessionen zu beantworten. Das ist das Prinzip der negotiation through strength (Verhandlungen auf der Grundlage der Stärke), das bereits von Acheson und Truman proklamiert wurde. Mit dieser Politik steht auch das Prinzip von Dulles im Einklang, daß wir ein aggressives Regime zwar als politische Realität akzeptieren müssen, daß wir aber ein solches System der Versklavung nicht moralisch gutheißen und es nicht als „permanente Basis“ des Friedens ansehen können. Die Deutschen können die versklavten Völker und Gebiete im Osten nicht vergessen, weil es zehn Millionen ostdeutsche Flüchtlinge in Westdeutschland gibt. In Amerika aber gibt es viel mehr als zehn Millionen Emigranten, deren Heimat hinter dem Eisernen Vorhang liegt. Diese Gruppen sind organisiert. Sie bekommen ungezählte Briefe über die kommunistischen Greuel Die Amerikaner sind überdies ein religiöses Volk, deshalb ist es politisch und moralisch unmöglich, daß wir die Verfolgung der Kirchen hinter dem Eisernen Vorhang gutheißen. Wir werden nie einen Befreiungskrieg anfangen, wir werden aber, mit Ausnahme des Krieges, jedes Mittel für die Befreiung dieser Unglücklichen einsetzen.

Wenn man aber unter den demokratischen Völkern die unbedingt notwendige Wachsamkeit und Opferbereitschaft erhalten will – was für totalitäre Regierungen kein Problem ist –, dann ist eine dynamische Friedens- und Verteidigungspolitik unerläßlich. So paradox es klingen mag: Ein „Nachlassen der Spannung“, wie die Kommunisten es dauernd propagieren, bildet für die westliche Welt eine absolut tödliche Gefahr, weil die Demokratien eben der ständigen Anfechtung ausgesetzt sind, normal und friedlich leben und Handel treiben zu wollen – eine Einstellung, die von den Kommunisten ebenso gern und erfolgreich ausgenutztwird wie von Hitler. Ich weiß, daß es Empörung hervorruft, wenn man ein so schönes Schlagwort wie „Nachlassen der Spannung“ kritisiert. Natürlich wollen wir die Spannungen beseitigen, aber das kann nur geschehen, wenn man die Ursachen dieser Spannungen beseitigt und nicht, indem man einfach die Augen vor den Folgen verschließt. Spannung ist die gesunde Reaktion auf eine Gefahr.