Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum hat in Verbindung mit der Deutsch-Niederländischen Arbeitsgemeinschaft in der Eigelsteintorburg „Meisterwerke holländischer Landschaftsmalerei du 17. Jahrhunderts zusammengestellt. Außer mehreren deutschen Museen haben vor allem das Amsterdamer Rijksmuseum und die Ruzicka-Stiftung des Zürcher Kunsthauses Gemälde geliehen. New von den fünfunddreißig gezeigten Bildern stammen sogar aus rheinischem Privatbesitz.

Wie die Pariser Ausstellung „Le paysage hollandais au 17e siècle“ in der Orangerie (1950), mach die kleinere Veranstaltung in Köln den interessanten Versuch, eine einzelne, aber hochbedeutende Komponente holländischer Barockkunst zu veranschaulichen: die Entdeckung, Beschreibung und künstlerische Formulierung der Natur, der heimatlichen Landschaft und des ungeheuren freien Raumes durch die bürgerlichen Maler eines kleinen Landes, das sich seine politische Freiheit gerade erobert hatte und seine wirtschaftlichen Fäden über die ganze Welt spann. Ältere Epochen hatten wohl auch die Landschaft gemalt, ihr aber nur eine dienende, begleitende oder dekorative Funktion zuerkannt. Die menschlichen Figuren im Vordergrund blieben auch in der altniederländischen Malerei die Hauptsache. Eine reine Landschaftsmalerei gab es erst, als der Mensch im Bild zur Nebensache wurde. Diese Gewichtsverschiebung bewirkten die holländischen Maler.

Dieser Wechsel ist so revolutionär, daß er nicht nur durch eine artistische Umdisposition erklärt werden kann. Man hat als Deutung des Phänomens auf die politischen, soziologischen und geistigen Hintergründe der holländischen Malerei aufmerksam gemacht, auf den Protestantismus, den bürgerlichen Lebensstil, die republikanische Freiheit, die Erweiterung des geographischen Horizontes. Der wichtigste Grund liegt aber in der Seinsweise des Menschen, im „Rückbezug des Menschen auf sich selbst“ (H. Lützeler), wodurch der Weg in die Landschaftsmalerei frei wurde. Als Beweis für diese These wird die gleichzeitige Emanzipation der Porträtmalerei in der nachmittelalterlichen Kunst angeführt. Der Mensch grenzte sich von der Natur ab.

Die Kölner Ausstellung wurde nicht auf – diese besondere Seite holländischer Landschaftskunst angelegt, sondern (und das ist durchaus legitim) als Versammlung schöner und charakteristischer Bilder. Trotzdem kann man auch in ihr die Hauptphasen des Emanzipationsprozesses gut verfolgen. Bei Hendrick Averkamps „Winterlandschaft“ wirken noch die „primitive“ Vogelschau und das vielfigurige Panorama der Flamen nach. „Der Strand von Scheveningen“ des jüngeren Adriaen van de Velde istzwar auch bevölkert, aber die Menschen sind dort nur beiläufig zugegen. Der hohe Himmel, der etwa vier Fünftel der Bildfläche bedeckt, und das unendliche Meer waren die wirklichen Gegenstände des Malers. Solche Beobachtungen ließen sich vermehren. Jan van de Cappelle faszinierte die Lichterscheinung in seinem Bild „Ruhige See bei Sonnenuntergang“, das man heute mit einem modernen fototechnischen Ausdruck als „Gegenlichtaufnahme“ bezeichnen würde. Albert Cuyp hat in dem effektvollen Kölner: Museumsbild den Mondschein gemalt. Allaert van Everdingen, der nach einer Skandinavienreise den Holländern die Berglandschaft nahebrachte, verzichtete in seiner streng komponierten „Hügeligen Landschaft“ (Hamburg) ganz auf die Staffage. In diesem ernsten Bild wird das Naturgefühl der Romantiker, die hundert Jahre nach dem „Goldenen Zeitalter“ Hollands die Landschaftsmalerei erneuerten, vorweggenommen. Der braun verschleierte dunstige „Blick auf Nymwegen“ und die herrliche „Flußlandschaft“ des Jan van Goyen, die „Landschaft mit Wolkenschatten“ von Philips Köninck aus dem Rijksmuseum, Jacob van Ruisdaels „An der Zuidersee“ mit dem dramatischen Baum, seine topographisch genaue Darlegung der „Bleichen bei Haarlem“ (Zürich) – sie alle stellen die absolute und menschenleere Landschaft vor. Am Ende des Jahrhunderts kehrte der Mensch in die Landschaft zurück, aber ohne Ehrfurcht vor dem Kosmos. Die Natur ist ihm nur ein Lustgarten, in dem man wandelt, sich ergötzt, aber nicht mehr erschauer“ E. T.