Von Kurt Kusenberg

Am 24. Juni wird Kurt Kusenberg fünfzig Jahre alt. Er hat sich durch seine Erzählungen und durch seine essayistischen und kunstkritischen Feuilletons, von denen manche auch in der ZEIT erschienen sind, einen bedeutenden Namen gemacht. Er veröffentlichte bisher drei Prosabände „La Botella“, „Der blaue Traum“ und die „Sonnenblumen“ im Rowohlt Verlag, Hamburg. Zu seinem Geburtstag wird der ro-ro-ro-Band „Mal was anderes“ erscheinen. Als Nachdichter ist er mit meisterlichen Übertragungen der Gedichte und Chansons von Jacques Prévert hervorgetreten. Schon früh setzte sich Kusenberg für die moderne Kunst ein und machte neuerdings die französischen Karikaturisten Raymond Peynet, Jean Effel und Albert Dubout mit Vorworten zu deren Bildbänden in Deutschland bekannt.

Gemeint ist die Zeit nach dem letzten Krieg, die sogenannte RM-Zeit: die darbende, abgerissene, frierende, verelendete, gefährliche Zeit. Wer an sie zurückdenkt, tut es mit Schrecken oder gar mit Abscheu. Ich aber will diese Elendszeit loben, weil sie wie eine Zerreißprobe dem Menschen das Äußerste abverlangt hat. Damals konnte man sehen, was Menschliches an ihm sei: in seinen Hungeraugen, in den Falten seines mageren Gesichts und seines fadenscheinigen Anzugs stand es geschrieben. Von denen, die „alles hatten“, durch ihre Schlauheit ihre Rücksichtslosigkeit, ist hier nicht die Rede. Indem es ihnen „gut“ ging, ging ihnen eine Erfahrung verloren – eine sehr leidvolle, aber auch eine sehr elementare. Indem sie – Fettaugen auf einer dünnen Suppe – am Schicksal aller anderen nicht teilhatten, lebten sie an ihrer Zeit vorbei, und das ist nie ein Gewinn.

Die Elendszeit war schon darum keine so üble Zeit, weil sie so übel war, daß sich die Dinge nur zum Besseren wenden konnten, nicht zum Schlechteren; das immerhin hatten sie unserer Gegenwart voraus. Der absolute Nullpunkt war erreicht: Chaos, Trümmer, Hunger. Von hier aus gab es, bei aller Angst, nur Hoffnung. Man hatte eine Katastrophe überlebt; würde es einem gelingen, auch das Elend zu überleben? Aber nicht bloß an sich selber dachte man. Schon begannen unsere Hände zaghaft das zerrissene Netz der menschlichen Beziehungen neu zu knüpfen. Wer, den man gekannt hatte, lebte noch? Wohin, wenn er noch lebte, mochte es ihn verschlagen haben? Wie erreicht man ihn? Post war damals so etwas wie Flaschenpost. Nichts war selbstverständlich. Daß man ein Dach über dem Kopf hatte, ein warmes Bett oder gar ein warmes Zimmer, daß man zu essen hatte, zu rauchen: es war nicht selbstverständlich – es war Glück, und die Empfindung dafür, daß es Glück sei, haben wir inzwischen eingebüßt. Viel zuvieles ist wieder selbstverständlich geworden. Ein jeder meint, ihm stehe ein gesichertes, auskömmliches Dasein zu, und er beschwert sich ärgerlich, sobald ihm etwas vorenthalten wird, das er für unentbehrlich ansieht. In Wirklichkeit steht niemandem etwas zu, ob er auch fleißig und rechtschaffen-sei, und was entbehrlich ist, bestimmt die Not, nicht die Fülle. Unser Leben ist immer bedroht, denn Not und Tod sind Weltelemente.

Man erinnere sich, wie das war: die Schaufenster, kleine Guckkästen in großen Bretterverschlägen, boten den Erwachsenen „Essenzen“ an oder Aschenbecher aus Munitionsmetall, den Kindern hölzerne Enten – sonst nichts. Die Essenzen waren fauler Zauber; sie dufteten nach Dingen, die es nicht zu kaufen gab, nach Marzipan, Obst und Likör. Sie waren schlimmer als der berüchtigte Ersatz, denn sie ersetzten nichts, sondern lieferten bloß Illusionen, in einer Zeit, die allen Illusionen abgeschworen hatte. Sie waren lächerlich und niederdrückend zugleich. Der Brotkorb hing so hoch, daß man ihn kaum noch erkennen konnte, und die Aufgabe lautete: nicht zu verhungern, aber auch nicht die Haltung zu verlieren. Eine Mutter stahl der Tochter ein Tütchen Zucker. Dafür teilte ein Gastgeber mit dem Gast das letzte Quäntchen Fett, unbekümmert darum, wovon er sich am nächsten Tag nähren werde. Gutes zu tun, war schwerer als heute, doch viel beglückender. Jede Gabe war ein Griff in die eigene Substanz; man schenkte nicht ein Ding her, sondern einen Teil seiner selbst. Der heilige Martin ging um. Anstand schloß freilich Findigkeit und List nicht aus – nicht einmal den Mundraub. Aber in diesem Halbräuberleben gab eine Räuberehre, die vielleicht moralischer war als das gußeiserne Gewissen mancher Gerechter von heute.

Zum physischen trat der psychische Hunger – kein Wunder, denn man hatte die Nation ja zwölf Jahre geistig unterernährt. Die Menschen jagten einem Pfund Butter, nach, aber auch einem guten Buch Sie dachten in Kalorien, doch sie drängten sich auch in eiskalte Säle, um Theater zu sehen, um Musik oder einen Vortrag zu hören. In all dem Elend zählte das Schöne, das Geistige zum täglichen Brot. Man ließ das Radio nicht sinnlos plärren, man hörte genau hin. Man verfolgte, diskutierte die politischen Ereignisse und begriff: da entsteht unsere Zukunft. Heute? Die Künste sind wieder zum Zierat herabgesunken, und Politik interessiert nur am Rande, obwohl sich in ihr – nicht anders als damals unsere Zukunft entscheidet. Übersättigung hat allenthalben den Hunger abgelöst. Träge Herzen, verfettete Seelen beherrschen das Feld.

Die Presse des Auslandes meldete damals, Deutschland sei in Lethargie, in Apathie versunken. Es schien nur so: der Baum war kahl, auch etwas angesengt und angesplittert, doch drinnen stiegen seine Säfte. Das Leben machte sich klein und unscheinbar, es kroch in dunkle Schlupfwinkel, es gelte sich ein. Jeder saß in seiner Höhle und auf seinen Schätzen: einem lächerlich kleinen Mundvorrat und sechs Briketts. Aber viele Höhlen waren, wie ein Kaninchenbau, miteinander durch unterirdische Gänge verbunden, und in mancher Höhle trafen sich Verschworene zu heimlichen Festen. Kindern gleich, entdeckten sie erneut die Genüsse der Welt: wie Brot, wie Fleisch, wie Wein schmeckt. Sie fingen wieder ganz von vorn an.