Wien, im Juni

Im Januar des Jahres 1946 bewegte sich ein seltsamer Heereszug von Nürnberg nach Wien. Geführt von Panzerspähwagen und kriegsmäßig gesichert rollten schwere amerikanische Tanks über die Landstraßen Bayerns und Österreichs, als wäre nicht schon vor Monaten die bedingungslose Kapitulation des Hitlerregimes erfolgt, oder als gelte es, einen Schatz von äußerster Kostbarkeit mit allen nur denkbaren Sicherungen an seinen Bestimmungsort zu bringen.

Um einen Schatz ging es wirklich. Was da von diesem gepanzerten Konvoi, dem Amerikas Sternenbanner voranwehte, mitgeführt wurde, waren die Krönungsinsignien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Sie kehrten aus Nürnberg, wohin sie 1938 ein Sonderkommando Hitlers gebracht hatte, nach Wien zurück, und als der kommandierende amerikanische General diese unschätzbaren Werte der österreichischen Regierung übergab, da sagte er mit breitem Lachen: „Ich habe sie behütet wie meine eigene Frau.“

Die Kleinodien des römisch-deutschen Reiches waren mehr als nur Symbole der kaiserlichen Herrschaft über das Abendland. Sie waren „Reichsheiligtum“, ja, ein Teil der Reichsmacht selbst, und mit den echten Insignien gekrönt zu sein, war eine der wesentlichen Rechtsgrundlagen kaiserlicher Herrlichkeit. Da diese Insignien auf die Herrschaft über das Reich ein dingliches Recht verliehen, galten sie schließlich selbst als das „rich“, und oft wurden von den Thronanwärtern die größten rechtlichen und militärischen Anstrengungen gemacht, in den Besitz dieser Stücke zu kommen, die den Ausgang eines Wahlaktes unter Umständen entscheiden konnten. Diese Reichsinsignien sind der einzige, fast vollkommen erhaltene Kronschatz des Mittelalters.

Einst begleitete der Schatz die Fahrten Karls des Großen von Pfalz zu Pfalz und war auf den Normannenzügen Rogers dabei. Die orientalische Achatschale des burgundischen Schatzes, die wohl aus dem vierten Jahrhundert stammt und von der Gemahlin Maximilians I. den Reichskleinodien hinzugefügt wurde, dürfte von Kreuzfahrern nach der Eroberung Konstantinopels nach Burgund gebracht worden sein. Der sogenannte normannische Schatz, mit ihm das kaiserliche Zeremonienschwert, soll von Heinrich VI. aus Palermo auf hundertfünfzig Saumtieren über die Alpen nach Deutschland geschafft worden sein.

Im Jahre 1350 waren einzelne Stücke der Reichsinsignien in Ungarn, später auf der Prager Burg. Unter Wenzel kamen sie auf die Burg Karlstein, während der Hussitenkriege wurden sie in die ungarische Kronfeste Višegrad „verlagert“ und gelangten 1423 als „Fischfracht“ getarnt nach Nürnberg „in Deutschlands Mitten“, von wo sie jeweils an die Krönungsorte Aachen, Bologna, Frankfurt gebracht wurden. Doch immer wieder kehrten sie nach Nürnberg zurück. Im Jahre 1796 rettete sie der Nürnberger Patrizier Haller vor dem französischen General Jourdan, indem er sie in einer Mistfuhre aus der Stadt und dann nach Prag brachte. Von Prag kamen sie auf abenteuerlichsten. Wegen, auf denen einige Stücke verlorengingen, nach Wien. Dort blieben sie bis 1805, als man sie vor den Franzosen nach Ofen rettete. 1809 waren sie in Temesvar und kehrten erst nach dem Ende der Franzosengefahr nach Wien zurück in die „Schatzkammer des Allerhöchsten Kaiserhauses“. 1938 wurden sie von Hitler nach Nürnberg gebracht und dort 1945 von einem amerikanischen Suchkommando sichergestellt und an Österreich restituiert.

Die Reichskleinodien bestehen aus zwei Teilen, der größeren Nürnberger Gruppe, zu welcher die Reichskrone, die Krönungsgewänder, der Reichsapfel, die Zepter, das Reichsschwert, das Reichskreuz und die heilige Lanze gehören. Der kostbarste Besitz der zweiten Gruppe, genannt die Aachener Insignien, ist das Reichsevangeliar, eine der monumentalsten Handschriften des Mittelalters, die als Prachtstück der karolingischen Renaissance der Palastschule Karls des Großen in Aachen zugeschrieben wird. In dem Aachener Schatz befindet sich die sogenannte Stephansbursa, ein Reliquiar in Form einer Pilgertasche und ein Meisterstück karolingischer Goldschmiedekunst, vermutlich aus Reims. Nach der Überlieferung sollte dieses Reliquiar Erde enthalten, die mit dem Blut des Erzmärtyrers Stephanus getränkt war. Das dritte Stück, das mit Karl dem Großen in Zusammenhang gebracht wird, ist ein Krummsäbel östlicher Art aus der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts. Vielfach wird vermutet, das Stück sei eines der Geschenke, die der Kalif Harun-al-Raschid Karl dem Großen in Aachen überreichen ließ, andere Gelehrte weisen den Säbel der Avarenbeute Karls des Großen zu.

Kürzlich wurden diese Insignien, deren materieller Wert unschätzbar ist wie ihr historischer, in der „Weltlichen Schatzkammer“ der Wiener Hofburg wieder ausgestellt. Im Nordturm der alten Burg wird zur Schau liegen, was sichtbar vom römisch-deutschen Reich geblieben ist. R. N.