z-ff. München

Der Scharl Lorenz hätte bei den bayerischen Meisterschaften im Fingerhakeln einen besseren Platz verdient, das war die allgemeine Meinung am letzten Sonntag in München. Schon wie er sich bedächtig hinsetzt auf den Hocker, die linke Hand und das rechte Knie gegen den schweren Hakeltisch gestemmt, und wie er den mächtigen Mittelfinger in den Lederring hakt, mit dem die Gegner sich über den Tisch zu ziehen suchen, da erkennt man gleich, daß ein Hakler in ihm steckt. Nur einen Kunstfehler hat er leider gemacht, weil er eben noch nicht die Erfahrung hat: er hätte die Schwielen von der Hand schneiden sollen. So hat ihm der Ring, wie er mit aller Macht zog, daß die Adern anschwollen und die Gelenke krachten, Haut und Fleisch vom Finger gerissen. Da hat er mit der linken Hand weiter hakeln müssen, und es hat nur für den fünften Platz gereicht. Aber schon am nächsten Tag verkündete der Scharl, der im Privatberuf Fahrdienstleiter und in der Freizeit Glasmaler ist, daß er für das nächste Jahr ganz anders trainieren wird.

Auf Training hält sogar der Landessieger, der Seitz Sepp aus Hausham, obgleich der es nicht nötig hätte. Er ist ein gewaltiger Mann, und wenn er in seiner Krachledernen lachend und dröhnend auf die Bühne steigt, Respekt, dann wird es still in dem weiten, festlichen Saal des Löwenbräu, und die Zuschauer starren bewundernd auf seine Pranke, die so groß ist, daß sie den Maßkrug, den er vorher zur Stärkung leert, fast verdeckt. Den „Pratzen-Sepp“ nennen sie ihn in Hausham, wo er Bergmann ist und die Pechkohle tausend Meter unter Tag schürft. Fünf Hunde mit je sechs Zentner Ladung, erzählt er stolz, zieht er mit einem Finger selbst eine leichte Steigung hinauf, und daß er drei Zentner vom Boden hebt und seine eigenen hundertneunzig Pfund im Klimmzug auf und nieder schwingt, alles mit dem Hakelfinger, erachtet er als nichts Besonderes. Kein Wunder, daß die Gegner nur so über den Tisch fliegen, da bleibt kaum Zeit zum Anfeuern.

Die Haushamer – fast alles Kumpels übrigens, obwohl man es ihnen in der schmucken Tracht mit Hut und Gamsbart nicht ansieht – sind stark in diesem Sport, der in Bayern jahrhundertealt ist und jetzt zu neuer Blüte erwacht. Sie haben sogar eine Damengruppe, und die läßt sich nicht schlecht an. Die Dobmeier Mariandl zum Beispiel, eine junge Kellnerin (drei, vier Maß in einer Hand, wenn’s hoch hergeht, das stärkt die Finger), hat schon manchen kräftigen Burschen über den Tisch gezogen.