H. v. V., Kairo, im Juni

Überraschend ist in der vergangenen Woche von der ägyptischen Regierung ein Einfuhrstopp für deutsche Waren verhängt worden. Das Finanzministerium hat alle Regierungs- und Verwaltungsstellen angewiesen, solange keine Einfuhrgeschäfte mit der Bundesrepublik abzuschließen, bis sich der Clearingstand der Bundesrepublik gebessert habe und eine Entscheidung über die Verlängerung des deutsch-ägyptischen Zahlungsabkommens gefallen sei. Auch die Lizenzen für Privatgeschäfte sollen bis auf weiteres abgebremst werden.

Der deutsch-ägyptische Handel zeigt im vergangenen Jahr vom deutschen Standpunkt aus zwar eine erfreuliche Zunahme der Einfuhr nach Ägypten (um 51 v. H.). Aber demgegenüber steht die empfindliche Abnahme um 21 v. H. der ägyptischen Ausfuhren nach Westdeutschland. Sie ist allerdings nicht unwesentlich durch die geringeren Baumwollpreise beeinflußt. An der Zunahme der deutschen Einfuhren waren besonders beteiligt die chemische, die Elektro- und die Papierindustrie. So erreichte Deutschland mit 10 v. H. der Gesamteinfuhren den zweiten Platz in der Reihe der ägyptischen Auslandslieferanten, steht aber als Kunde mit 6,6 v. H. erst an fünfter Stelle.

Diese Zahlen, so erfreulich sie vom Standpunkt der deutschen Zahlungsbilanz aussehen mögen, spiegeln keinen gesunden Zustand wider. Eine ausgeglichene Bilanz ist stets das erstrebenswerte Ziel normaler Handelsbeziehungen. Der im deutsch-ägyptischen Handelsabkommen vorgesehene Swing von 15 Mill. $ war im Frühjahr 1953 um mehr als 5 Mill. $ überschritten. Ägypten war gezwungen, mit diesen harten und in seinem Portefeuille seltenen Devisen seine Schulden abzutragen. Zum eigenen Schutz sah sich die ägyptische Regierung veranlaßt, das für verschiedene ausländische Währungen bereits eingeführte „Import-Entitlement Account“ (Einfuhranrechtsverfahren) auch auf die Deutsche Mark auszudehnen. Es unterwirft das Verhältnis der DM zum ägyptischen Pfund im gegenseitigen Zahlungsverfahren dem jeweiligen Stand von Angebot und Nachfrage.

Die Folgen waren zunächst unangenehm. Die deutschen Einfuhren wurden wegen der starken Nachfrage nach nur in geringem Umfang vorhandener DM zu teuer und drosselten sich automatisch. Aber der Zweck wurde erreicht; denn in gleichem Umfange wurde die ägyptische Baumwolle für den deutschen Importeur billiger. Die letzten vier Monate des vergangenen Jahres zeigten bereits eine, wenn auch noch nicht entscheidende, so doch beachtliche und zu begrüßende Angleichung in der deutsch-ägyptischen Handelsbilanz.

Im vergangenen Jahr hat eine Reihe von deutschen Geschäftsleuten und Wirschaftsdelegationen Ägypten besucht: die nicht politisch sein wollende des Staatssekretärs Dr. Westrick, die nur technisch sein wollende des Dr. Preuß vom Ruhrtalsperrenverein und die zu keinem finanziellen Ergebnis führende der Vertreter der Rhein-Main-Bank, des Bankvereins Westdeutschland und der Rheinisch-Westfälischen Bank. Alle schönen Worte des so wortgewandten Staatssekretärs konnten nicht verhindern, daß die Ägypter seine Mission unter dem politischen Blickwinkel betrachteten: „Was kann man machen, um das deutsch-israelische Wiedergutmachungsabkommen zu torpedieren? Wenn nicht, was habt ihr uns als Trostpreis zu bieten?“ Wenn Dr. Westrick den Akzent seiner Mission auf das Wirtschaftliche legte, so blieb ihr der Erfolg ebenso wie auf dem politischen Gebiet versagt. Und aus all den schönen Be- und Versprechungen ist bisher nichts herausgekommen. Die Enttäuschung ist in Ägypten immer wieder fühlbar.

Die aus deutscher Privatinitiative zustande gekommene Delegation zu dem Lieblingskind der ägyptischen Revolution und Wirtschaft, dem Projekt des Hoch-Assuan-Dammes, mit dem alle Sorgen der Landwirtschaft und Industrie schlagartig behoben werden sollen, konnte zwar feststellen, daß die technischen Voraussetzungen gegeben seien, aber woher sollte das Geld kommen? Die Delegation der Bankiers prüfte mit deutscher Gründlichkeit die Rentabilitäten und Garantien der ägyptischen Wirtschaftsprojekte, aber auch die Stabilität der inneren und äußeren Lage, und begab sich so mehr auf das von Staatssekretär Dr. Westrick ängstlich gemiedene politische Gebiet.