Wenn man in guter Stimmung ist und Angriffslust in allen Adern spürt, hat man nichts dagegen, sich Feinde zu machen, und sinnt darauf, ketzerische Ideen auszustreuen, damit die Leute nur ja recht erschrocken durcheinanderrennen. Ist aber das Gemüt überschattet, fügt man sich gern inneren Stimmen, die zum Frieden raten und ausmalen, wie schön und ausruhend es doch sei, allen Leuten Recht zu geben und nicht unnötig am Bau der menschlichen Vorurteile zu rütteln. Seit langem schon beschäftigen mich anstößige Gedankengänge über die Elite, also über die hochwertige Minderheit, die man sich gern im Kern jedes Gemeinwesens vorstellt. Die Elite ist ein Begriff, der auch persönlichen Trost zu spenden vermag. Wenn man sich isoliert, unberücksichtigt und ausgeschlossen fühlt und keinen Zugang zu den Massenorganisationen, Interessengruppen und Einrichtungen findet, in denen, die Macht verteilt wird, kann man sich in stolzer Trauer einreden, daß man eben seiner ganzen Natur nach ein Elitewesen sei, für das die moderne Gesellschaft keinen Platz mehr biete.

Leider ist dieser Trost theoretisch schwer zu untermauern. Die Tatsache, daß man auf die öffentlichen Geschäfte keinen Einfluß hat, beweist noch nicht, daß man zur Elite gehört. Allerdings ist auch das Umgekehrte der Fall, man kann Generaldirektor, Abgeordneter, Ministerialdirektor und sogar Minister sein, ohne einen Teil jener Minderheit zu bilden, die führt oder führen sollte. „Es bildet sich“, sagt Michael Freund, „allerdings seiten eine Elite, die ganz von Reichtum und Macht ausgeschlossen ist.“ Das sagt dieser grausame Denker so einfach hin, obwohl er mein Freund ist und wissen müßte, daß er mich damit aus allen meinen Illusionen vertreibt. Er gibt zwar zu, daß die Menschen nicht gleich sind, aber er fügt warnend hinzu: „Wieweit Gesellschaft, Wirtschaft und Politik dieser Ungleichheit Rechnung tragen dürfen und sollen, ist das große Problem aller Soziologie und aller Politik.“ Ich möchte hinzufügen: sie sollen schon, aber sie dürfen nicht.

Der wissensdurstige Mensch kann, wenn er nicht gleich das Rechte findet, auf der Leiter seiner Bibliothek zum Säulenheiligen werden. Wer kennt nicht diesen bittersüßen Zustand des Wühlens und Suchens? Es lohnt sich wohl nicht, hinabzusteigen, denn diese kleine Anmerkung kann man ebensogut auf der Sprosse balancierend lesen. Aber halt, hier ist ein Hinweis, wir wollen doch gleich sehen, ob er ergiebig ist. Ein Buch hält man unter dem Arm, eines zwischen den Knien (es kommt am wenigsten in Betracht), ein drittes liegt gefährdet auf der obersten Sprosse und im vierten liest man. So können viele Stunden vergehen, obwohl die Stellung ermüdend und dem Geist gründlichen Studierens nicht angemessen ist. Aber wenn man ermitteln will, ob und wieviel die demokratische Gesellschafts--und Staatsform, in der wir ja dem Vernehmen nach leben, noch den Bestand einer Elite erlaubt, muß man schon einige Mühe auf sich nehmen. Pareto, Michels, Burnham, Mosca und Max Weber werden durchwühlt, aber je mehr ich blättere, um so klarer wird mir, daß meine Aussichten, zu irgendeiner Elite zu gehören, schlecht sind. Wohl gewahre ich, daß die Demokratie, rein theoretisch gesprochen, durchaus das Vorhandensein einer Elite zuläßt, aber ich sehe sie nirgends, offenbar lebt sie in Katakomben, was für meinen weltoffenen und auch auf frische Luft bedachten Sinn nicht in Frage kommt.

Wir sind gewiß kein stolzes Staatswesen und haben als dessen Bürger noch viel zu lernen, aber Macht der verschiedensten Art gibt es auch bei uns. Ich höre auch immer, daß sie nach einem pfiffigen Plan so verteilt wird, daß keiner der Befugten zu kurz kommt und doch nicht überschnappt. Aber wo geht es vor sich und um welche Leute handelt es sich? Gar zu gern möchte ich dabei sein und durch jene Türen schreiten dürfen, auf denen deutlich steht: „Zutritt für das Publikum verboten.“ Meine Autorität für Machtfragen, der schon erwähnte Michael Freund, der mir schon manchen Star gestochen hat, sagt allerdings, die modernen politischen Eliten bestünden „aus Menschen, die nicht von einem Vermögen und Lehen leben und die deshalb von den Mächten unabhängig sind, denen sie dienen“. Der strenge Mann wird schon Recht haben, aber dann macht mir die ganze Sache keine rechte Freude mehr.

Alle diese Denker, hinter deren gewaltigen Stirnen es so vielversprechend gewittert, nehmen auf Bedürfnisse meines Kalibers wenig Rücksicht, Wohin ich blicke, sehe ich, daß man der modernen Führungsschicht das Geld abnimmt und sie zu demütigem Auftreten zwingt. Sie muß also, wie führend sie auch sei, noch Götter über sich haben, Vielleicht sind es gar keine Gruppen und Personen, denen sie unterworfen bleiben, sondern Ideen, Doktrinen, Tabus, Zwangsvorstellungen. Die wahre Freiheit ist das nicht. Am Ende versucht man es besser bei den Prominenten, die mit der Elite nicht unbedingt identisch zu sein brauchen, Mir scheint, daß ich damit des Pudels Kern siehtbar gemacht habe. Meine Zweifel und Konflikte verklingen wie abziehende Gewitter. So heikel es mir erscheint, den Standort der Elite im modernen Massenstaat auszumachen, so lohnend ist es, den Platz zu beschreiben, den die Prominenz einnimmt. Von der Elite zur Prominenz ist nur ein Schritt. Aber er führt über die Schicksalslinie, die quer durch jede Gesellschaft läuft. Die Prominenz hat eine große Stellung, aber sie hat nichts zu sagen. Mit der Elite ist es umgekehrt. Es gibt natürlich auch Erscheinungen, die zwischen den beiden Kategorien hin und her wechseln. Man erkennt sie an ihrem gehetzten Blick. Denn es ist keine Kleinigkeit, täglich mehrere Male eine Schicksalslinie zu überschreiten.

Wollte ich bis zur Pedanterie genau sein, müßte ich sagen, daß es die Prominenz eigentlich nicht gibt, daß sie also keine soziologisch umschreibbare Gruppe, sondern eine Vorstellung ist. Sie erfüllt den Drang der Massen „nach dem Höheren“, ohne daß dieses Höhere eine Realität bildete und dadurch das wahre Machtgefüge durcheinanderbrächte. Wenn wir von der Voraussetzung ausgehen, daß es in unserer Gesellschaft tatsächlich Träger effektiver Macht gibt, so dürfen wir sagen, daß diese Macht sich die Prominenz hält, wie römische Grandseigneurs sich Theatertruppen, Arenafechter und schriftgelehrte Sklaven hielten, Die Macht tut dies nicht, um sich Unterhaltung und Zeitvertreib zu schaffen, sondern sie duldet und unterstützt die Bildung der Prominenz, damit kein Ruf nach der Elite laut werde. Um zu verhindern, daß die Masse zur Unzeit nach einem Cäsar rufe, daß sie mit ihrem Bedürfnis nach Gliederung und Vorbildern dem politischen Betrieb lästig falle, wird ihr eine Menschengruppe angeboten, die Gebärden und Formen der Elite täuschend nachmacht, ohne den Drang nach Gleichmacherei zu verletzen, der mit dem Drang nach nachahmenswerten Lebensformen im Kampf liegt.

Das Publikum, das der Prominenz bedarf, sieht es zwar nicht gerne, daß nach Begabung und Einsieht unterschieden, daß also eine wirkliche Auslese getroffen wird, aber es legt größten Wert darauf, daß ihm täglich das Schauspiel eines Lebensstils, der der Elite entlehnt scheint, vorgeführt wird. So kann man Prominenz als eine Erscheinung definieren, die nicht durch Auslese, sondern durch Beifall zustande kommt. Sie verletzt den Sinn für Gleichheit nicht, aber ihr Stil weist auf Unterschiede hin, denen der soziale Stachel genommen ist. Prominenz ist, mit einem Wort, der Schein einer Gehobenheit, die keinen Neid hervorruft. Ihr Inbegriff ist die Filmschauspielerei. Aber sie ist keineswegs die einzige Spielart.