Von Heinrich Scholz

Am 31. Dezember 1829 schrieb Goethe an Zelter: „Ich habe bemerkt, daß ich den Gedanken für wahr halte, der für mich fruchtbar ist, sich an mein übriges Denken anschließt und zugleich mich fördert.“ Dieser Wahrheitsbegriff ist kühn. Er ist mehr als dies. Er ist so gewagt, daß die Frage berechtigt ist, ob er überhaupt angesehen werden darf als etwas, was mehr ist als ein beiläufiges Aperçu. Ein Aperçu soll man nicht auf die Goldwaage legen, auch dann nicht, wenn es von Goethe stammt.

Aber so ist es in diesem Falle nun nicht; denn Goethe will dem erprobten Freunde seiner späten und letzten Jahre dies anvertraut haben als etwas, was ihn – es sind seine eigenen Worte – seit einiger Zeit angelegentlichst beschäftigt habe. Und in der Tat hat Goethe diesen Wahrheitsbegriff in demselben Jahr, also schon vor dem Brief an Zelter, an einer exponierten Stelle zur Geltung gebracht, in den Strophen mit der Überschrift, die ihren Gehalt als ein Vermächtnis charakterisieren. Dieses Gedicht beginnt mit dem Anruf: „Am Sein erhalte dich beglückt!“ Man wird sich nicht von Goethe entfernen, wenn man ergänzt, daß man sich hierzu aufraffen sollte, anstatt sich durch eine trübsinnige Versenkung in die Hinfälligkeit aller irdischen Dinge einem kraftlosen Nihilismus auszuliefern. Die beiden folgenden Strophen sind komplementär zueinander. Kopernikus hat die Zentralstellung der Erde durch die Zentralstellung der Sonne ersetzt. In ungewöhnlich preisenden Worten wird ihm hierfür ein Denkmal gesetzt. Warum? Die Antwort wird aus der Kopernikusstelle in der Geschichte der Farbenlehre suppliert werden dürfen. Dann kommt als Ertrag eine Geisteshaltung heraus, für die es sich ohne Nachhilfe versteht, daß der Mensch mit allem, was ihn bewegt, nie aus dem Auge verlieren soll, daß die Weltachse durch ihn hindurchgeht. Die folgende Strophe liefert hierzu das Komplement. Durch die entgegengesetzte Wendung nach innen soll man sich der sittlichen Kräfte bewußt werden, die sich fort und fort erzeugen unter der Sonne eines Gewissens, das sich an niemanden abtreten läßt. Es folgt in der nächsten Strophe der Anruf, daß man die Sinne offenhalten soll für die reichbegabte Welt, die durch sie zu uns spricht. In der sich anschließenden Strophe folgt der Anruf zum Maßhalten im Genuß der Güter des Lebens. Und nun? Nun leuchtet der Höhepunkt auf.

Und war es endlich dir gelungen,

und bist du vom Gefühl durchdrungen;

Was fruchtbar ist, allein ist wahr –

du prüfst das allgemeine Walten,