v. Z., München

Der Verbrauch an Arzneimitteln, der überall ansteigt, beträgt heute in Deutschland fünfzehn D-Mark im Jahr auf den Kopf der Bevölkerung. Das ist noch nicht beunruhigend, stellte Dr. Hans Meyer auf dem Apothekertag in München fest. Es ist sogar gering, wenn man es mit dem Tabakkonsum von 70 DM vergleicht, und es hat natürliche Ursachen: Die Behandlung von Krankheiten, die man früher nicht heilen konnte, die Behebung von Herz- und Kreislaufschäden, die höhere Lebenserwartung, die Linderung des Klimakteriums der Frauen, die Verwendung kostspieliger Hormone, Vitamine und Antibiotika. Lungenentzündungen, die früher drei Wochen Bettruhe und lange Nachbehandlung erforderten, bringt man schließlich heute in fünf Tagen zum Stillstand – und dadurch spart man die höheren Arzneikosten bei weitem wieder ein.

Daß Gefahren eines Mißbrauchs entstehen, gab Dr. Meyer ohne weiteres zu – dann zum Beispiel, wenn man die Arzneimittel, wie andere Waren, dem unbeschränkten Wettbewerb preisgäbe, der auf immer höheren Absatz drängt. In den Vereinigten Staaten ist der Konsum bereits auf 80 DM im Jahr hinaufgegangen, und ähnliches drohte bei uns in der amerikanischen Zone, wo die Zahl der Apotheken sich durch zum Teil wahllose Neugründungen in manchen Gegenden fast verdoppelte. Dieser Eingriff der Besatzung ist jedoch abgewehrt. Was heute nottut, ist ein Bundesapothekengesetz, und das möchte der Berufsstand so freiheitlich wie möglich gestaltet sehen. Er will Schluß machen mit dem alten Zopf der „Realkonzessionen“, die aus dem Mittelalter, und der „Personalkonzessionen“, die vom Obrigkeitsstaat stammen. Es fielen scharfe Worte der Kritik zum Entwurf des Bundesinnenministeriums, der bereits der siebente ist und noch immer nichts Befriedigendes zu bieten hat.

Man würde ein gut Teil der Medizinalbürokratie sparen, wenn man die Apotheken frei verkäuflich und vererblich machte und die Errichtung neuer der privaten Initiative überließe – natürlich, wie die öffentliche Gesundheitspflege es erheischt, mit dem Recht staatlicher Genehmigung und Aufsicht. Einen Vorschlag haben die Apotheker bereits vor vier Jahren vorgelegt, und auch das bayerische Landesgesetz von 1952 bewegt sich auf der gleichen Linie. Bayern behauptet übrigens, das Gebiet sei ohnehin Ländersache und hat in Karlsruhe Klage gegen den Plan eines Bundesapothekengesetzes erhoben. Man hofft, daß sie nicht durchgeht; es wäre ein wenig skurril, wenn in dem kleinen Bundesgebiet zwölf verschiedene Regelungen entstünden.

Die Tagungsteilnehmer beklagten sich auch über die Langsamkeit der Bürokratie, die noch immer kein Bundesarzneigesetz zustande gebracht hat. Heute kann jeder, auch wenn er keinerlei Vorkenntnisse besitzt, an die Fabrikation von Heilmitteln gehen, kleine und kleinste Werke bringen eine Unzahl von Medikamenten auf den Markt, und während Lebensmittel strenger Prüfung unterliegen, gibt es hierfür keine wirkliche Kontrolle. Der hausierende Arzneihandel ist, besonders auf dem Lande, geradezu zu einer Plage geworden. Wo der Staat bisher versagte, haben die Apotheker aus eigener Kraft die Initiative ergriffen. Sie haben ein Arzneimittel-Prüfungsinstitut in München ins Leben gerufen, das in Zusammenarbeit mit den Universitäten, aber unabhängig von Behörden und Industrie, Untersuchungen handelsüblicher Pharmazeutika durchführt. Wie der Leiter des Instituts, Professor Ferdinand Schlemmer, berichtete, wurden bereits gegen vierhundert Mittel geprüft. Das wird eine unschätzbare Hilfe für den Apotheker sein, der bei der stetig wachsenden Zahl neuer Medikamente immer mehr zum Heilmittelfachmann und zum Berater des Arztes wird. Das Studium soll übrigens, um den steigenden Anforderungen an den Apotheker gerecht zu werden, demnächst auf acht Semester heraufgesetzt werden.

Eine Ausstellung der pharmazeutischen Industrie gab einen guten Überblick. Besonders auf dem Gebiet der Antibiotika ist Deutschland dabei, den Vorsprung aufzuholen, den das Ausland durch Krieg und Nachkriegszeit errungen hatte.