Careergirl“ nennt man in den USA die Unverheirateten weiblichen Geschlechts, die mit Selbstbewußtsein und tadellosem Make-up aus ihrem Job eine career zu machen versuchen. Sie betrachten diesen Versuch erst als geglückt, wenn sie die Karriere mit einem Mann gekrönt haben. Die Männer verhelfen ihnen bereitwillig zu diesem Ziel, indem Sie aus Modemagazinen Rezeptblätter des Männerfangs machen: „How to dress for a man“ ist ein beliebter Slogan. Erst die Analyse seines Charakters und seiner Neigungen – schnell durch einen simplen Test festzustellen –, dann die Konsequenzen auf den Stil ihrer Garderobe, den sie anzunehmen hat, um auch im äußerlichen als das Bild seiner Träume ihn von der Realisierbarkeit dieses Traumes zu überzeugen. Typisch Amerika? Natürlich nichts anderes als die moderne Variante des alten Spieles, das allerdings meist mit verdeckten Karten gespielt wird. Wie waren die Spielregeln im Biedermeier? Und wie im Mittelalter? Die Antwort darauf geben zwei Romane aus England. In beiden ist die Heldin ein junges Mädchen, das in die „große Welt“ zieht, um sich zu verheiraten. Da ist Isabella Clinton, Heldin des Romans:

„Der sanfte Falke“ von Hilda Lewis (Verlag Herder, Freiburg, 216 Seiten, übersetzt von Ursula Bruns, 6,80 DM).

Isabella stammt aus einem edlen, aber verarmten englischen Geschlecht und lebt wie ein Dorfmädchen, bis sich König Richard II., Sohn eines Kampfgefährten ihres Vaters, ihrer erinnert. Er holt die 15jährige an den Hof nach London. Bei den Reisevorbereitungen, vor allem beim Nähen der standesgemäßen Garderobe, wird es Isabella klar, daß die Fahrt zum Hof die Chance ihres Lebens ist. Sie wird Hofdame der künftigen Königin, der 7jährigen Isabel von Valois, und darf mit dem Hof nach Frankreich zur Hochzeit reisen. Als nahe Vertraute des königlichen Kindes wird sie Zeuge der großen Politik, und ihre Verwicklungen sind es, die sich stärker erweisen als Isabellas persönliche Wünsche. Der König wird von Aufrührern gestürzt, doch Isabella hält treu zu ihrer Königin, riskiert für sie das Leben, gerät in einen Wirbel von Verfolgung, Flucht und Elend. Sie liebt einen Rebellen, und erst das Abklingen der politischen Spannungen ermöglicht ihm, Isabella heimzuholen. – Der zweite Roman

„Die bezaubernde Arabella“ von Georgette Heyer (Paul Zsolnay Verlag Wien, 327 Seiten, übersetzt von Edmund Th. Kauer, 8,90 DM)

versetzt uns in jenes englische Landpfarrermilieu, das seit Goldsmiths „Vicar of Wakefield“ Symbol für friedliche Häuslichkeit und idyllische Moral ist. Reverend Tallant besitzt zwar viele Kinder mit musterhaften Eigenschaften, aber kein Vermögen. Auch hier hilft das Schicksal in Gestalt einer reichen Patin, die Arabella nach London ruft. Auch Arabella beschließt ihre Chance zu nutzen – eine reiche Heirat ist nämlich das wünschenswerte Sprungbrett für alle anderen Geschwister. Auf der Reise bricht die Achse ihres Wagens. Arabella sucht Hilfe und gerät in das Jagdhaus des ungekrönten Königs der Londoner Gesellschaft. Sie spielt vor ihm die Rolle einer reichen Erbin, die inkognito nach London reist. Er geht auf dieses Spiel ein, ohne daß Arabella sicher ist, ob er sie durchschaut oder nicht. Wie sie in London Karriere macht und damit ihr Spiel gewinnt, ist von der Autorin, die in England Millionenauflagen mit diesem Roman erzielte, mit der ganzen Liebenswürdigkeit, Anmut und Empfindsamkeit geschrieben, die die Heldin auszeichnet.

In beiden Fällen handelt es sich bei den amüsanten und mit großem geschichtlichen und kulturhistorischen Detailwissen geschriebenen Unterhaltungsromanen nicht um die Darstellung einer Entwicklung. Die Heldinnen sind von Anfang an „fertig“, vollkommen einverstanden mit sich und der besonderen Art ihres Lebens, in dem es nur gilt, die bekannten Größen in die richtige Position zu bringen, damit die Gleichung mit Glück aufgeht. Auch – und vor allem – der Mann stellt keine unbekannte Größe dar. Seine Schwächen und Stärken werden mit dem Seismographen des Instinkts gemessen. Der Zeiger steht auf Rot, wenn das Maß seiner Überlegenheit so groß ist, daß es der Frau erlaubt, sich auch in der Ehe frei zu fühlen, und wenn er kraft dieser Überlegenheit der Frau in jeder denkbaren Situation Schutz und Verständnis zu gewähren vermag. Und dann stellt sich auch die Liebe ein... So müssen diese Muster guter Unterhaltungslektüre mit ihrem Höhepunkt zugleich ihr Ende finden: mit dem Ja, das zu geben der Grund der Jungfernreisen war, und von dem die Männer dennoch stolz und gerührt als von einer errungenen Sache sprechen. Was dann folgt, ist vermutlich eine glückliche und deshalb für jeden Dritten langweilige Ehe. schö