Der Begriff „Grundlagenforschung“ wäre in der Antike und noch im Mittelalter paradox gewesen: solange Theologie und Philosophie die „ersten Wissenschaften“ blieben, solange jegliche Einzelforschung in ihrem Rahmen gedieh, betrieb man stets und ausschließlich, wenn man Wissenschaft betrieb – Grundlagenforschung. Ontologisch ausgedrückt: stets handelte es sich um das Sein, auch noch, als Galilei das Pendelgesetz, sogar noch, als Newton die Gravitation entdeckte.

Seit Bacon und Descartes die modernen Naturwissenschaften proklamierten (wobei sie dem lieben Gott sicherheitshalber unterschoben, er wünsche, daß der Mensch diese Wissenschaften ausübe, obwohl bis heute noch nicht ausgemacht ist, daß der liebe Gott das je wünschte), ist der Prozeß der Ausbildung der Einzelwissenschaften, den wir heute die „Spezialisierung“ nennen, unaufhaltsam fortgeschritten und hat in letzter Zeit so schöne Früchte wie das Penicillin und die H-Bombe einträchtig nebeneinander gezeitigt. Niemand kann das Rad zurückdrehen: auch wer dem Atomforscher von heute bewiese, daß seine physikalischen Grundgesetze problematisch werden, wird ihn nicht davon abhalten, weiter mit Atomen zu hantieren; und auch der Arzt, dem man erklärt, er wisse eigentlich gar nicht, was Krankheit sei, wird beim nächsten Patienten doch wieder Cortison spritzen.

Eine Einzelwissenschaft freilich hat während der ganzen Jahre der Spezialisierung nicht aus dem Auge verloren, daß man bei allem „Fortschritt“ notwendigerweise den Boden unter den Füßen verlieren müsse: die Mathematik. Und also haben die Mathematiker schon seit langem „Grundlagenforschung“ betrieben, was nichts anderes heißt als: sich denkend des Ortes seiner Wissenschaft im Grund der Welt zu erinnern.

Erst nach dem zweiten Weltkrieg, als wir alle mehr verloren als Haus, Hof und Freunde: uns selbst nämlich, und als wir begannen, uns wieder zu suchen, da wurde von diesem menschlichen Suchen aus klar, daß in allen Lebensbezirken und also auch in den Einzelwissenschaften Grundlagenforschung getrieben werden müsse. In Deutschland begann der Karl Alber Verlag (Freiburg, München) mit einer Buchreihe, Orbis Academicus – Problemgeschichten der Wissenschaft in Dokumenten und Darstellungen, in der jetzt schon mehrere Bände erschienen sind – zum Beispiel „Soziologie“ von Helmut Schoeck, „Geschichtswissenschaft“ von Alfred Barthelmeß, „Astronomie“ von Ernst Zinner und „Altertumskunde“ von Max Wegner. Als neueste Bände kamen heraus:

Friedrich Klemm: „Technik – eine Geschichte ihrer Probleme“, Seiten, 26,– DM, und:

Werner Leibbrand: „Heilkunde – eine Problemgeschichte der Medizin“, 437 Seiten, 25,– DM.

Diese Buchreihe dient wie keine andere Publikation in Deutschland der geforderten Grundlagenforschung. Auf wie vorbildliche Weise das geschieht, dafür möge hier eine kritische Information über Leibbrands Medizingeschichte stellvertretend für eine Anzeige aller anderen Bände stehen.