Wien, im Juni

Die Wiener Festwochen sind eine Angelegenheit des ganzen Volkes. Es läßt sich am Tisch seiner künstlerischen Kultur bewirten, aber es bewirtet auch. Der Gabentisch ist für jedermann reichlich gedeckt.

So kann jedermann aus dem Festspielprogramm entnehmen. Doch manchem könnte es scheinen, daß dieser Gabentisch (um im Programmjargon zu bleiben) so überladen ist, daß sich seine Bretter biegen, und daß der Festwöchner sich fühlt, wie der Gast vor einer überlangen Speisekarte: vom Lesen satt, schon vor dem Genuß. Denn selbst wenn er die vielen, vielen offiziellen Eröffnungsreden der professionellen Wocheneröffner als gar zu magenbelastende hors d’oeuvres ungenossen vorbeigehen läßt, wird ihm die Wahl schwer, an welche Gerichte er sich eigentlich halten soll. Denn von Schillers „Fieseo“ über Nestroys „Der Färber und sein Zwillingsbruder“ und Beer-Hofmanns „Graf von Charolais“ reicht das Programm bis zu Dürrenmatts „Ein Engel kommt nach Babylon“ in die Moderne und bis zu des Aristophanes „Lysistrata“ in die Antike. Vom Internationalen Musikfest der Wiener Konzerthausgesellschaft über eine internationale filmwissenschaftliche Woche und ein Jugendboxturnier zur feierlichen Überführung des Haydn-Schädels nach Eisenstadt und einem Tag der Blumen ist der Festbogen gespannt. Nimmt man hinzu, daß der „Gabentisch“ schon allein räumlich von beträchtlicher Ausdehnung ist und vom Schönbrunner Schloßtheater (Hofkonzert) bis nach Burg Kreuzenstein (historische Serenade „Meister der Wiener Hofkapelle“) und nach Eisenstadt (Haydnfest der Gesellschaft der Musikfreunde) reicht, dann muß man zugeben, daß solch ein Tisch schwer zu überblicken und unmöglich abzuessen ist.

Gewiß, wer vieles bringt; wird manchem etwas bringen, was sonst sollte man hier zitieren? Doch wie vermittelt man von dem vielen einen Eindruck, der einen Überblick gäbe, unbeeinflußt von dem Zufall, der dieses oder jenes erleben und jenes oder dieses schwänzen ließ? Das Festkonzert der Wiener Philharmoniker unter der Leitung Furtwänglers mit Schubertprogramm und die Einleitung des Internationalen Musikfestes durch Bergs „Symphonische Stücke“ unter der Orchesterleitung von Eugen Ormandy waren große Kunst. Die Hamburger Philharmoniker, deren Bekanntschaft Wien im Rahmen der Haydnfeier machte, fanden begeisterte Aufnahme, und kein Kunstfreund dürfte solch seltene Leckerbissen, wie Mozarts „Die Gans von Cairo“, Haydns „Apotheker“ mit den Wiener Sängerknaben oder die szenische Aufführung von Monteverdis „Orfeo“, versäumt haben. Bruckners f-Moll-Messe in der Hofburgkapelle von den Philharmonikern, dem Staatsopernchor und den Sängerknaben geboten, in der Bergkirche von Eisenstadt Haydns Nelson-Messe und im Konzerthaus ein Liederabend Elisabeth Höngens, Alban Berg, Frank Martin, Strawinskij und Hindemith gewidmet, fanden den lebhaftesten Widerhall. Daß in dieser gleichen Zeit selbst Vororte in die Festwochen kamen und in ihren Pfarrkirchen nach besten Kräften Musikalisches taten, sei als „des Ursalats nicht angemachter Teil“ erwähnt, der zu den Hauptgängen herumgereicht wurde.

Daß die Sprechbühnen mit reichem Programm aufwarteten, versteht sich von selbst. Auch hier wurde die Qualität nicht immer durch die Quantität gefördert. „Lysistrata“ von Aristophanes im Volkstheater wurde eine Premiere, in der sich die Inszenierung in einem Stilgemisch von Antike und Löwingerbühne versuchte und eine Art Athenischen Kirtag zustande brachte, den Apollo den Festwochen verzeihen möge. Auch das Theater in der Josefstadt hat mit der Premiere von Juliane Kays „Klara“ an den Musen nicht recht getan. Die Frau in Angst um den Mann, der ihr in seinem Erfolg entgleitet, die Frau im ständigen Opfer um ihre Liebe, die Frau im unaufhörlichen Scheinwerferlicht des edelsten Edelmuts wurde auf dieser Bühne der seligen Frau Marlitt ein wenig zu nahe gerückt. Rühmlich anders der Festwochenbeitrag der Kellerbühne „Die Tribüne“. Rudolf Bayrs „Sappho und Alkaios“, diese Auseinandersetzung zwischen einer Priesterin der reinen Kunst und dem politischen Dichter, der in den Strudel des Tagesgeschehens gerät, in der Parteien Haß und Gunst – diese aktualisierte Antike fand auf der Kleinbühne im Keller eines Ringstraßenkaffees prachtvollste Darstellung unter lebhaftestem Beifall. Auch die Burgtheater-Premiere „Die große Entscheidung“ von Rudolf Henz wurde gut aufgenommen, wie die Premiere des Akademietheaters „Komteß Mizzi“ von Schnitzler.

Die Staatsoper brachte als „Premieren“ Kienzls „Kuhreigen“ und Händels „Julius Cäsar“. Daneben besonders erwähnenswert eine „Figaro“-Freilichtaufführung vor dem Schloß Schönbrunn und der Ballettabend „Abraxas“ von Werner Egk. Erwähnen wir noch die verschiedensten Ausstellungen aller Museen, einen Jubiläums-Esperantokongreß, einen internationalen Kongreß der Gartenarchitekten und der Heilpädagogen und daneben bemerkenswert viel Regen, der die Säle füllte, dann wird es verständlich, daß jedermann, ob Philharmoniker oder Heilpädagoge, über diese Festwochen der gleichen Meinung ist: „Höher geht’s nimmer. Servus.“ Roland Nitsche