Anfang Mai brachte die amerikanische Zeitschritt„Life“ eine Sondernummer über Deutschland mit dem Untertitel „Ein Riese erwacht“. Ende Mai veröffentlichte der Pariser Verlag Ode in seiner Reihe „Le Monde en Couleurs“ (die Reisebücher über viele europäische Länder, Afrika und Amerika enthält) ein Reisebuch über Deutschland mit dem Untertitel „Vom Rheingold zum Ruhrstahl“. Beide Veröffentlichungen sind freundliche Gesten für ein Land, das man – schon wegen des Tourismus und der Geschäfte – nicht mehr übersehen will. Man spürt, daß diese Gesten über den Ozean und über den Rhein aus verschiedenen Kontinenten kommen. Die Life-Sondernummer zeigt das, was den Amerikaner inDeutschland interessiert: die deutsche Wirtschaft, den malerischen deutschen Rhein, Studenten beim Kneipen und Pauken, einen dicken Bayern beim Essen, die Gräfin an der Nähmaschine und im barocken Ahnensaal, Bundeskanzler Adenauer vor einem Gobelin, der Moses, Wasser aus totem Fels schlagend, darstellt.

Seit den Tagen, in denen Mme. de Staël für die erstaunten Franzosen ein unbekanntes Deutschland entdeckte, hat es in Frankreich kein Reisebuch von Niveau gegeben, in dem „der“ Franzose Deutschland kennen und womöglich lieben lernen konnte. Die vierzehn Kapitel des vorliegenden Buches, mit vier einleitenden Artikeln über Geschichte, Literatur, Kunst und Musik, wurden – faute de mieux – von deutschen Autoren geschrieben und in Paris übersetzt. Die Tatsache, daß hier Deutsche für Franzosen über ihr Land schreiben, gibt dem Buch, dessen deutsche Fassung in diesen Tagen bei Kurt Desch in München erscheint, einen besonderen Reiz. Denn jedes Kapitel ist mit einer für den skeptischen Fremden gedachten Distanz geschrieben und dadurch in eine internationale Sphäre versetzt, die auch den deutschen Lesern Bekanntes in neuem Licht zeigt.

Der geschichtliche Überblick, von Carlo Schmid verfaßt, bringt in sehr gelungener Vereinfachung aus humanistischer und demokratischer Sicht die verworrene deutsche Geschichte auf wenige Nenner. Es ist ihm geglückt, den jenseits des Rheins besonders verhaßten und gefürchteten „Preußengeist“ historisch zu deuten aus dem Kampf der Deutschritter. Diese Geschichte betont das Verbindende, das mit Karl dem Großen beginnt, und das Kosmopolitische, das im Reich der Kunst und des Geistes nie endet. Über die bildende Kunst, von Wolfgang Braunfels, und die Musik, von Heinrich Strobel, unter dem zur Auslese zwingenden Gesetz der Kürze behandelt, erhält der interessierte Ausländer einen klaren Überblick. In dem Kapitel über die deutsche Literatur hingegen hat Hermann Kesten vielleicht manchmal vergessen, daß er fremde Leser informieren und nicht deutsche Literaten mit Pointen unterhalten sollte. Seine Vorliebe für Lessing und Heine in allen Ehren, aber die eigenwilligen Akzente seines Literaturüberblicks scheinen uns für ein bestimmt kritisches, aber vielleicht nicht sehr informiertes ausländisches Publikum nicht glücklich gesetzt. Wenn man an die zärtliche Liebe der Franzosen für die Werke ihrer eigenen Literatur denkt, erschrickt man vor seinen wie Gesetze gesprochenen Urteilen über die deutsche geistige Vergangenheit. Aus den beschreibenden, von deutschen und französischen Zeichnern sehr hübsch illustrierten Beiträgen, zu denen Autoren, wie Paul Fechter, Karl Korn, Sabina Lietzmann, gehören, wählen wir einen Abschnitt aus dem Kapitel von Hans-Egon Gerlach über Niedersachsen, das als Reiseland selten gerühmt wird. Mo

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Die Aufmerksamkeit des Reisenden allein genügt in Niedersachsen nicht; man muß schon ein bißchen was wissen. Schon, damit es einem nicht geht wie einer sehr berühmten Reisenden, der Madame de Staël, welche die Lüneburger Heide beschreibt als eine „öde, verlassene Gegend, bewohnt von dem wilden Stamm der Heidschnucken“. Dazu muß man wissen, daß die Heidschnucken auch nicht entfernt verwandt sind mit den Heiducken, sondern daß so die behornten, aber durchaus friedlichen Schafe heißen, deren letzte Herden die letzten Heideflächen davor bewahren, von Sträuchern und Bäumen überwachsen zu werden. Die Keulen dieser Tiere sind eine Delikatesse; man genießt sie am besten mit einem Schnaps, der sein Gewürz gleichfalls einem typischen Heidebewohner verdankt: den Beeren des Wacholderstrauches.

Lüneburg ist eine der wenigen deutschen Städte, die sich ein sehr einheitliches mittelalterliches Gesicht bewahrten, und es ist eine der ganz wenigen, die auch den letzten Krieg fast völlig ohne Schaden überstanden. Man braucht nicht vom Fach zu sein, um Lüneburg merkwürdig und schön zu finden; auch für den Laien ist es sehr reizvoll, zu sehen, wie in den Ziergiebeln der Häuser alle Stile ihre Visitenkarte abgeben, von der Gotik bis zum Barock und Klassizismus. Ebenso vereint das berühmte Rathaus – mit Fürstensaal und Gerichtslaube, Archiv und älter Kanzlei – Baugruppen aus allen Jahrhunderten zu einer Einheit. Vor den gotischen Kern, noch sichtbar an der Westseite, setzte das Barock eine reiche Schaufassade, und die große Ratsstube ist ein Renaissanceraum, wie er in solcher Vollkommenheit im deutschen Norden nicht häufig ist. Doch seine eigenartige Schönheit und niedersäcnsische Behaglichkeit verdankt Lüneburg dem roten Backstein, der in immer neuen Formen und Ornamenten die Giebel der alten Bürgerhäuser schmückt...

Zwischen der Lüneburger Heide und den Bergen des Harzes liegen in der Ebene, nahe beieinander und nah an der Grenze, zwei sehr verschiedene Städte: