Mit der Anrede „Sehr ehrenwerter Gentleman“ – kurial und etwas altersgepudert wie sie in unserem noch jungen Bundestag schwerlich zu denken wäre, bewahrt man im britischen Unterhaus eine jahrhundertealte Tradition. Ist sie noch zeitgemäß, noch immer lebendig? In dem Roman von

Maurice Edelman „Der Minister“ (Claassen-Verlag, Hamburg, 12,80 DM)

behandelt der Autor dieses Thema im Politischen wie im Menschlichen fazettiert, und es ist von besonderem Reiz, daß er mit einer Sachkenntnis und einer Einfühlung in Milieu und Atmosphäre englischer Politik schreibt, die sich offensichtlich aus seiner Eigenschaft als Mitglied dieses Unterhauses herleitet. In der Tat, wenn es eine englische Art zu schreiben gibt, dann ist dieses Buch sehr englisch: Von einer einsichtsvollen Bescheidung, für die nur die englische Sprache das Wort Understatement kennt.

Die Geschichte des Kabinettsministers Michael Erskine, Spezialist für die überaus heikle britischamerikanische Zusammenarbeit in der Nachkriegszeit, der mit ein paar scheinbar belanglosen Indiskretionen durch die Ranküne eines gewissenlosen „Lobby“-Korrespondenten Zug um Zug matt gesetzt wird, wirft kein faustisches Problem auf. Aber sie enthüllt – gleichsam an den Rand unseres Zeitbildes geschrieben – das gefährdete Leben eines Mannes, der im puritanischen England den Weg wählt, ein „Sehr ehrenwerter Gentleman“ zu sein. Der Autor läßt uns dabei einen Blick in die Kulisse der politischen Welt tun, deren Akteure halb im Rampenlicht, halb im Zwielicht menschlicher Schwäche und eines nicht immer mönchischen Privatlebens stehen. Hier schürzt sich auch der dramatische Knoten des Buches, und hier wächst der „Fall Erskine“ über eine Haupt- und Staatsaktion hinaus zu echter Tragik. Einer Tragik, die sich gegen das Ende hin vertieft, wenn wir hinter der anfänglich kühl gewahrten, etwas posierenden Haltung des Ministers auch sein ganzes menschliches Leid ermessen.

Es hieße dem Buch viel von seinem Reiz nehmen, wollte man hier mehr von seinem Hergang und den in dieses Intrigenspiel verwickelten Personen erzählen, denn es verdient wahrhaftig nicht nur besprochen, sondern auch gelesen zu werden! Man kann es nicht als Dichtung ansprechen, und sein Verfasser bekundet auch keine dahingehende Ambition, aber dafür sei ihm bezeugt, daß seine Menschenzeichnung echt und eindringlich ist, daß kein Ton in diesem Buch falsch klingt, daß er englische Selbstironie sehr wohl mit feinfühligem Ernst verbindet und weiß, wie man eine Erzählung mit einer Spannung zu schreiben hat, die den Leser bis zur letzten Seite in Atem hält. Der politische Gesellschaftsroman mit seiner leider so selten gepflegten literarischen Tradition hat hier ein neues Wegzeichen gefunden.

Wolfgang von Einsiedel hat sich mit feinem sprachlichem Verständnis um die Übertragung ins Deutsche bemüht und dem Roman den Reiz des Originalen erhalten. y. t.