Paris, Ende Juni

Jean de Letraz, der ewig Jugendliche, starb siebenundfünfzigjährig dieser Tage in seiner Prachtvilla bei Paris. Er war der unermüdlichste und bewährteste Lieferant leichtester Lustspielkonfektion für die Boulevardtheater, diese für Ausländer und Provinzler mit einem besonderen Nimbus behaftete Unterhaltungsart, deren sicheres Ableben ganze Generationen feierlichst verkündeten, die jedoch bisher sie alle in bestem Wohlbefinden überdauerte.

Über hundert „Komödien“ schrieb Letraz, in dessen Adern – der Legende nach – das Blut von Alexander Dumas, dem Jüngeren, rumorte. Letraz wollte nichts anderes, als das Großstadtpublikum amüsieren, es durch Ausgelassenheit zum Lachen bringen und beweisen, daß nichts törichter ist, als die Dinge dieser Welt allzu ernst zu nehmen. Vielleicht kam es gerade daher, daß auch diese Welt Herrn Jean de Letraz nie allzu ernst nahm. Ausgenommen: er sich selber. Dann konnte es sich ereignen, daß er einen Kollegen vor Gericht zerrte, ihn des Plagiats bezichtigte und den Prozeß dann prompt auch – verlor.

Er könnte es sich leisten, Prozesse zu verlieren. Er war der stets liquide, als generöser Gentleman bekannte Theaterdirektor des „Palais Royal“, der am besten Akkreditierten der Pariser Vaudeville- und Amüsierbühnen, die ihren eigenen „Stil“ hat: im Spiel der Darsteller, der Regie, der Dramaturgie, der doppeldeutigen Dialogführung im Luxussalon und der mehr eindeutigen im Schlafzimmer, ja, bis zu den Tradition gewordenen Stellungen in näherer oder weiterer Entfernung vom Souffleurkasten – je nach Fach und Beliebtheit. Das war der Stil „Letraz“, bei dem alle mimischen Ticks und sprachlichen Eigenheiten der Stars und das stets verführerisch lächelnde Zähneblecken ewig jugendlicher Liebhaber voll zur Geltung kamen.

Mit erstaunlicher Wendigkeit wußte Letraz sich den stets wechselnden Strömungen der Mode anzupassen und im geeigneten Moment den oft plötzlich auftauchenden Bedürfnissen des Geschmackswandels nachzukommen in all den verschiedenen Vor- und Nachkriegs-Epochen, immer bemüht, dem grimmigsten Feind der Komödie aus dem Wege zu gehen: der Langenweile. Das verstand er schon bei seinem dramatischen Erstling, der „Opiumasche“, in der Sarah Bernhardt noch brillierte mit Letraz’ Mutter an ihre? Seite, der Schauspielerin Marthe Méa.

Langweilig war Letraz nie. Stets erfüllt von Ideen, Späßen und verfänglichen Überraschungen, die er mit mathematischer Genauigkeit sich folgen, sich ablösen, sich überpurzeln und sich wieder auflösen lassen konnte. Bunt schillernde Seifenblasen. An die 5000mal „Bichon“ oder „Moumou“ oder „La Fessée“ oder „Descendez, on vom ~~~~~ ~~~~ zuletzt jahrelang: „Occupe-toi ~~~~~ ~~~~ (Kümmere Dich um mein Mini~~~~~ ~~~~ edle d’Auteuil“ (Die Jungfrau ~~~~~ ~~~~ mit ersten Pariser Stars in de~~~~~ ~~~~ Theater war da: Theater der~~~~~ ~~~~ Ein historisches Phänomen~~~~~ ~~~~ dann ein internationales. ~~~~~ ~~~~ Schönthan. Oder – andere! ~~~~~ ~~~~ – der Ausdruck einer bestimmt~~~~~ ~~~~ lieber Großstadtkultur. – Oder~~~~~ ~~~~ Man soll Fakten als Fakten ~~~~~ ~~~~