Der Eiserne Vorhang schneidet auch die Literatur der Sowjetzone von der Bundesrepublik ab. Nur soviel weiß jeder im Westen: daß drüben die Literatur gelenkt wird. Wie aber diejenigen, die man früher als Persönlichkeiten kannte, auf diese „Gleichschaltung“ reagiert haben, davon weiß man wenig. Gerade ihr Schicksal aber zeigt, wie es einem geistigen Menschen ergehen kann, der unter die Diktatur gerät. Wir beginnen daher heute eine zwanglose Folge von Porträts sowjetzonaler Schriftsteller mit dem Erzähler Ehm Welk, dessen Roman „Die Heiden von Kummerow“, ein Bestseller der dreißiger Jahre, soeben im Droste-Verlag, Düsseldorf, in einer Neuauflage (785. Tausend!) erschienen ist.

Am Kompromiß stirbt die Kunst, wenn auch der Künstler weiterlebt: Der heute sechzigjährige Bauernsohn Ehm Welk aus Briesenbrow bei Angermünde kam als junger Redakteur zum erstenmal in Konflikt mit der Parteipolitik. Seine Redaktion, die „Stettiner Abendpost“, schickte ihn als Berichterstatter zu einem Seemannsstreik. Sein Artikel wurde eine flammende Verteidigung der Streikenden. Das bürgerliche Stettin war sprachlos – und der allmächtige Vorsitzende des Reederverbandes, ein Herr Griebel, verlangte die Entlassung Welks. Der musterte sofort als Deckarbeiter auf einem Schiff eben dieses Herrn Griebel an, um das Leben der Seeleute richtig kennenzulernen. Sein Sinn für soziale Gerechtigkeit wurde von den rauhen Seeleuten, für die er nichts als ein feiner grüner Jüngling war, auf eine harte Probe gestellt. Er bestand sie und kehrte zur Presse zurück. Lange hielt es ihn nicht am Schreibtisch, Welk stach wieder in See, stieg eine Weile als Gelegenheitsarbeiter in Amerika aus und wurde zum überzeugten Sozialisten. Die journalistischen Gastspiele, mit denen er sein Seemannsleben unterbrach, schienen eine Dauerrolle zu werden, als er 1933 Chefredakteur der „Grünen Post“ in Berlin wurde. Bis 1934 Goebbels die rhetorische Frage an „seine“ deutsche Presse stellte, warum es eigentlich keine Kritik mehr gäbe. Er sei bereit, jedem beschwerdeführenden Journalisten-öffentlich Rede und Antwort zu stehen. Da nahm Ehm Welk ihn beim Wort: „Auf ein Wort, Herr Minister“ war die Überschrift des Leitartikels, in dem er gegen den Maulkorb protestierte. Die Antwort des Herrn Propagandaministers war das KZ Oranienburg. Aber Welk wurde bald wieder entlassen – mit striktem Schreibverbot natürlich, weil Goebbels vor der einmütigen Empörung der Berliner Journalisten, besonders der Auslandskorrespondenten, einsah, daß er sich mit der Schaffung eines Märtyrers selbst einen – Bärendienst geleistet hatte. Welk wurde heimlich Lektor beim Deutschen Verlag (früher Ullstein) in Lübbenow im Spreewald. 1937 wurde ihm gestattet, unpolitische Bücher zu schreiben – und er schrieb. Seine Kummerowbücher hatten einen solchen Erfolg und waren – wenn sie auch verdächtigt oft von Wenden, anstatt von der germanischen Herrenrasse erzählten – ein solcher Lobgesang auf die deutsche Erde, daß die Nazis voll elastischer Einsicht die Verbannung im Spreewald aufhoben. Welk kaufte ein Bauernhaus mit Garten am Stadtrand von Stettin und zog dank seiner Feder triumphierend wieder in die Stadt ein, aus der seine Feder ihn einst vertrieb; Er wurde abermals vertrieben. Das war 1945, als die Russen kamen.

Doch bald riefen ihn die neuen Machthaber. Ehm Welk zieht nach Schwerin und nimmt seine Aufgabe ernst, das Volksbildungswesen nach sozialistischen Grundlagen neu zu formen. Er gründet Volkshochschulen, hält Vorträge, schreibt neue Bücher. Er wird zum prominenten Avantgardisten der „kulturellen Erneuerung“. Als der „fortschrittliche Kulturapparat der DDR“ sich nach den Dauerklagen der Kinobesucher entschied, statt der ideologischen Aufklärungsfilme volksnahe Liebesfilme zu drehen, als sogar die Stalin-Friedenspreisträgerin Anna Seghers eine Prämie für die „beste gesellschaftsfördernde Liebesgeschichte“ aussetzte, trat Ehm Welk auch in die Bresche der fehlenden Drehbuchautoren und schrieb Fritz Reuters plattdeutsche Ballade „Kein Hüsung“ zu einem kassenfüllenden Defafilm um. Nur die Bitte der Kulturbundgewaltigen, seinen beiden Kummerowbüchern als dritten Band „Die Neubauern in Kummerow“ folgen zu lassen, hat er nicht erfüllt.

Ob er sie je erfüllen wird? So vielsagend das letzte Kapitel seiner äußeren Daten zu sein scheint, von dem Wesen dieses merkwürdig naiven Schriftstellers sagt es wenig aus. Er hat zwar die Phrasen seiner neuen Umwelt gelernt, und er sagt sie laut, wann immer man sie von ihm erwartet. Aber Ehm Welk, der schon als barfüßiger Bauernjunge gegen das Unrecht eintrat, nimmt die Schlagworte der DDR – wörtlich. Gerechtigkeit heißt für ihn Gerechtigkeit, und der Zukunftstraum von der klassenlosen Gesellschaft, in der jeder das Recht zum Sattwerden und zum Glücklichsein hat, ist sein eigener alter Traum. Vor allem aber ist der durchsichtige Schleier der sowjetischen Friedenspropaganda für den bis in tiefste alle Gewaltsamkeit hassenden Welk ein glaubwürdiger eiserner Vorhang, der den Friedliebenden vor den Anschlägen einer unverbesserlich militaristischen Welt schützt.

Ehm Welk ist nicht mehr der humorvolle Beschwörer einer intakten Welt, in der lebendige Menschen, weder ganz gut noch ganz böse lebten, neben Tieren und Pflanzen, mit einem väterlichen Gott, den man lange nicht alle Tage verstehen konnte und mit einer ganzen Reihe von Heidengöttern und Geistern der wendischen Vorfahren. Sein letztes Buch „Mein Land, das ferne leuchtet“, ist blaß, aber zwischen bemühten Phrasen tauchen manchmal Bilder von der alten Leuchtkraft der Kummerowbücher auf. Dann schildert er „Orplid“, das poetisch verzauberte Kummerower Bruch seiner Kindertage. Heute ist es abgeholzt und aufgesiedelt. Die Worte der Hoffnung auf die herrliche Zukunft der fleißigen Neubauern klingen auch kahl und zerhackt. „Was Sie tun sollen?“ läßt er einem Unbelehrbaren raten: „Unterpflügen den Dreck dieser verlogenen Sentimentalitäten von Erinnerungen ... Wir müssen es alle machen ... neu anfangen, arbeiten.“ Welk hat es ehrlich versucht und hat dabei seine Poesie untergepflügt. Aber sein „politisches Dasein“ wirkt wie ein Mißverständnis seiner selbst und seiner Auftraggeber. Monika v. Zitzewitz