h. d. Wiesbaden

Am 13. Juni 1954 morgens kurz nach vier Uhr prallten auf der Kreuzung der Rhein- und Bahnhofstraße in Wiesbaden zwei Personenwagen mit 30 und 40 Stundenkilometer Geschwindigkeit aufeinander; der schnellere entwickelte dabei eine Wucht von über 6000 Meterkilogramm, die etwa einem Sturz aus dem zweiten Stockwerk entspricht. Er drehte sich um 180 Grad und blieb als nahezu wertloses Wrack liegen. Über dem Steuer hing, nüchtern und schuldlos, mit zwei gebrochenen Rippen und einer Beule am Kopf, der 20jährige Automechaniker Willi Eigler aus Aßmannshausen.

Dem anderen, hier nicht vorfahrtberechtigten und gleichfalls stark demolierten Wagen, dessen polizeiliches Kennzeichen „AH 12“ ein Dienstfahrzeug der hessischen Landesregierung verriet, entstieg – an Stelle der Dienstflagge eine Alkoholfahne mitführend – der 45jährige, sympathische, aber etwas saloppe Ministerialdirektor Dr. Bruno Kant, Stellvertreter des Justizministers Dr. Zinn, der zugleich Ministerpräsident ist. Kant, de facto Justizminister, hat – wie später sein Untergebener, Staatsanwalt Dr. Thamm, in seiner Anklagerede hervorhob – an den verschärften Strafbestimmungen gegen Verkehrssünder maßgeblich mitgewirkt. „Alkohol am Steuer, und dann noch als Beamter? Kommt nicht in Frage“ – so hatte Kant nach den Erzählungen eines kleinen Inspektors dessen Gnadengesuch abschlägig beschieden.

An jenem Sonntagmorgen um vier Uhr fehlte es nicht an Augenzeugen: Fahrer von einem benachbarten Taxenhalteplatz, eine amerikanische Streife, ein Postbeamter. Die meisten von ihnen setzten schon ein hämisches Lächeln auf, als sie das Nummernschild sahen. Indessen durchsuchte Dr. Kant nervös seine Taschen nach dem Führerschein, den er (gegen den § 2 der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung) zu Hause gelassen hatte.

Nach Frau Kant und einem Anwalts-Ehepaar, deren Warnungen der Ministerialdirektor eben noch vor der Türe der benachbarten Maxim-Bar in den Wind geschlagen hatte, als er sich ans Steuer setzte, erschien am Tatort auch Barbesitzer vor Winterfeld selbst und trat für seinen Stammgast Dr. Kant ein: „er hat nur einen Mokka getrunken!“ Aber da war Dr. med. Walter Götzinger schon dabei, die Blutprobe nicht nur mit dem Widmark-Test, sondern mit noch acht weiteren Kontrolluntersuchungen gegen jede Kritik zu sichern: es waren 2,36 Promille. Polizeipräsident Herbert Becker sorgte dafür, daß die mit dem Fall betrauten Beamten sich ihrer Pflicht zur Dienstverschwiegenheit erinnerten. Aber die Sache sprach sich doch noch so rechtzeitig herum, daß bei der Schnellgerichtsverhandlung am 26. Juni der Saal überfüllt war, obwohl man den üblichen Terminaushang an der Tür vergessen hatte.

Dr. Bruno Kant, inzwischen vom Amte suspendiert, verschmähte zwar die Hilfe eines Anwalts und verzichtete auf jede Beschönigung, aber er gestattete dem Gericht auch manchen Blick in seine etwas laxe Verkehrsmoral: „Ich bin 26 Jahre lang ohne Unfall gefahren, ob mit oder ohne Alkohol...“ „Nach sechs bis sieben Gläsern Bowle, die man als Mann ja nicht als vollwertiges Getränk ansieht, zwei Flaschen Bier und einem Gin Fiss ist mir der Gedanke überhaupt nicht gekommen, daß ich fahruntüchtig sein könnte ...“ „Ursächlich für den Unfall war vielleicht weniger der Alkohol, als meine Wut und der Ärger. Ich fühlte mich gekränkt, weil meine Frau sagte, ich solle kein Bier trinken. Ich wollte mir keine Vorschriften machen lassen...“

„Ich habe nicht gewußt, wie viele Promille ich hatte, das kann man doch nicht ablesen wie auf einer Armbanduhr ...“ Darauf der Sachverständige Dr. Götzinger: „Wir wissen dies und hören dies in unserer täglichen Praxis vor Gericht, daß beim Alkoholgenuß die kritische Beurteilung der eigenen Persönlichkeit verlorengeht. Die Angaben des Angeklagten erscheinen daher glaubwürdig!“ Und Staatsanwalt Dr. Thamm: „Das war gerade Dr. Kant bekannt, daß der Kraftfahrer vor und während der Fahrt den Alkohol zu meiden hat. Bei ihm ist daher Vorsatz anzunehmen.“ Er beantrage sechs Wochen Gefängnis.