Es ist nicht anzunehmen, daß man sich am 30. Juni im Palais Schaumburg, wo der Bundeskanzler den griechischen Ministerpräsidenten, Marschall Papagos, empfängt, vorwiegend über die Belieferung der Bundesrepublik mit Tabak, Wein oder Korinthen unterhalten hat. Wahrscheinlicher ist, daß sich diese Gespräche um die Frage drehten, wie man die kleine Balkanentente des Jahres 1953 an das große westliche Verteidigungssystem anschließen könne. Jedenfalls bringt der Gast aus Athen zu dieser Frage eine positive, wenn nicht drängende Einstellung mit sowie ein sehr geübtes Auge für das militärische Potential der Bundesrepublik. Denn der 71jährige einzige Marschall Griechenlands ist sein Leben lang Soldat gewesen mit der typischen Verachtung des Militärs für die Praktiven der Politik, bis er im August 1951 selbst Politiker wurde und die hellenische Sammlungsbewegung gründete.

In einem Lande, in dem die Politik nicht so sehr von Ideen und Programmen als von Persönlichkeiten beherrscht wird, mußte in der Stunde der Gefahr die Wahl auf Papagos fallen. Als er in die Politik eingriff, hatte der schmale, trockene Kavallerist mit dem kühlen Vogelblick sein Land schon zweimal militärisch gerettet: 1941, als er sich dem „Spaziergang“ Mussolinis nach Athen mit an Zahl und Bewaffnung unterlegenen Kräften erfolgreich entgegenstellte und 1949, als er die bis dahin siegreichen kommunistischen Rebellen des Generals Markos im Grammos-Gebirge vernichtend schlug. Der „Held und Retter“ Griechenlands hätte damals nur die Hand nach der Diktatur auszustrecken brauchen. Aber er widerstand der Versuchung. Er blieb bei der Truppe, bis er, der glühende Royalist, sich im Mai 1951 mit seinem König überwarf und vom Oberbefehl zurücktrat. Weder der amerikanische noch der englische Botschafter konnten ihn umstimmen. Papagos schwieg bis zum 30. Juli, als das 16. Nachkriegsparlament aufgelöst wurde. Am selben Tage erfuhr man von seiner Kandidatur für die nächsten Wahlen, aus denen seine Sammlungsbewegung mit 114 von 256 Sitzen als stärkste Partei hervorging. Durch das Beispiel seiner gescheiterten Vorgänger abgeschreckt, lehnte Papagos jede Koalition ab. Er forderte harte Arbeit, absolutes Aufräumen mit der Korruption, äußerste Sparsamkeit, Fleiß und Kompetenz der Beamten. Und das durch viele Erfahrungen gegangene Volk der Griechen folgte ihm. Am 9. September 1952 erhielt seine Partei 241 von 300 Parlamentssitzen. Der liberalen Opposition verblieben 59 Sitze, den Linksradikalen nicht ein einziger. Papagos wurde Ministerpräsident. Er fand ein von Krieg, Bürgerkrieg und riesenhaften Erdbeben verwüstetes Land vor, in dem ein Volk von armen Leuten lebte, das mit Unwillen auf die wenigen sah, die dank guter Beziehungen reich geworden waren und sich mit aufreizendem Luxus umgaben.

Noch am Tage der Amtsübernahme begann Papagos mit der Ordnung der inneren Verhältnisse. Seine Ministerien wurden Abteilungen eines großen Generalstabs, der unter oft feldmäßig dürftigen Umständen an die Arbeit ging. Seine ersten Mitarbeiter waren kompetente, integre Politiker und Fachleute. Markezinis, ein Mann von enormen Fähigkeiten und, wie man sagt, „dämonischer Geisteskraft“ wurde Koordinationsminister. Er verstand es, den Verwaltungsapparat mit einem neuen Geist loyalen Einsatzwillens zu beseelen. Das Vertrauen in die Drachme wuchs, die Spareinlagen stiegen. Man gewährte ausländischen Kapitalinvestierungen besonderen Schutz, und es gelang, beachtliche Kredite aus Italien, Frankreich und der Bundesrepublik zu beschaffen. Natürlich fehlt es nicht an Kritikern. Fast alle Maßnahmen der Regierung sind unpopulär und nur mit der Autorität des Marschalls durchzusetzen. Aber Papagos hat sich in der Politik um Popularität so wenig gekümmert wie im militärischen Leben.

Außenpolitisch erwies sich Papagos als sachlich und unvoreingenommen. Vier Jahre in deutschen Konzentrationslagern – er wurde nach dem Einmarsch in Athen als Geisel verhaftet – hinderten ihn nicht, sich energisch für die Aufnahme der Bundesrepublik in die NATO einzusetzen. Der Balkanpakt wurde abgeschlossen mit den Völkern, die als die traditionellen Feinde Griechenlands galten und gegen deren Armeen der Marschall selbst im Felde stand. Hans Berling