Von Henry Ford, dem Erfinder des Fließbandes, wird erzählt, er sei der Meinung gewesen, für den in den hochrationalisierten arbeitsteiligen Produktionsprozeß eingespannten Industriearbeiter beginne erst außerhalb der Fabriktore und nach Feierabend ein menschliches Leben. Als der Autokönig einmal gefragt wurde, wo denn die Seele des Arbeiters während der Arbeitszeit bleibe, soll er geantwortet haben: „Die gebt am besten mit Hut und Mantel im Umkleideraum ab.“

Diese kleine Geschichte mag wahr oder erfunden sein; sie kennzeichnet mit Prägnanz den Geist einer Epoche, die nun hinter uns liegt. Heute gibt es wohl keinen Unternehmer mehr, der sich nicht in der einen oder anderen Form zu der Forderung nach einer „sozialen Betriebsgestaltung“ bekennt also zu der Uberzeugung, daß trotz aller rationalen Zweckbezogenheit letzten Endes doch der Mensch im Mittelpunkt der Wirtschaft steht. Mit anderen Worten: Der Betrieb ist nicht nur ein Arbeits-, sondern immer auch ein Lebensraum.

Wenn also heute, zum mindesten im bürgerlichen Lager, ein grundsätzlicher Wandel in der Auffassung von der Wirtschaft im Sinne einer stärkeren Betonung des ethischen Momentes zu konstatieren ist, so besteht doch kein Zweifel, daß diese Entwicklung von den Gewerkschaften mit Mißtrauen beobachtet wird. Es war ein guter Einfall daß die „JungenUnternehmer“ (der Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer, Arbeitskreis östliches Ruhrgebiet), die am vergangenen Wochenende unter dem Motto „Der Mensch im Mittelpunkt der Wirtschaft“ auf Haus Ahlenberg bei Dortmund ihr drittes Seminar für Wirtschaftsführung durchführten, auch Vertreter der Gewerkschaften zu einer Aussprache gebeten hatten. Daß diese der Einladung folgten und dann auch ein wirkliches Gespräch zustande kam, eröffnet hoffnungsreiche Perspektiven. Allerdings muß festgestellt werden, daß die Auffassungen darüber, was denn nun eigentlich geschehen soll, um wenigstens innerhalb der Betriebe zu einer Konsolidierung der sozialen Verhältnisse zu kommen, in starkem Kontrast stehen.

Die soziale Betriebsgestaltung ist um den Einzelmenschen bemüht. Nach mancherlei Experimenten und enttäuschenden Erfahrungen, die die Unternehmer der Nachkriegszeit mit den freiwilligen Sozialleistungen gemacht haben, sind sich die meisten darin einig, daß alle materielle Hilfe nur dann ihren Zweck erfüllt, wenn sie auf den einzelnen Arbeiter und Angestellten bezogen und letzten Endes der Ausdruck einer Einstellung ist, die im Menschen mehr als nur eine anonyme Arbeitskraft sieht. Die Wiederherstellung der durch Arbeitsteilung und Mechanisierung gestörten Beziehungen von Mensch zu Mensch, vor allem auch im Verhältnis zwischen Betriebsführung und Belegschaft – das ist im letzten die Zielsetzung, die hinter dem Programm der sozialen Betriebsgestaltung steht.

Die Gewerkschaften halten diese Konzeption für unrealistisch und jene auf die Betriebsgemeinschaft gerichteten Bestrebungen für utopisch. Sie sind nach ihrer Meinung bestenfalls ein Rückfall in einen gewissermaßen aufgeklärten Patriarchalismus, der notwendig zu einer Schwächung der gewerkschaftlichen Solidarität führen muß. Alle Maßnahmen aber, die sich bewußt oder unbewußt gegen die Gewerkschaften und ihr Gewicht in der Öffentlichkeit richten, müßten von ihnen abgelehnt werden. Zwar seien sich auch die Gewerkschaften darüber klar, daß sie mehr als bisher die Menschen im Betrieb ansprechen müßten; aber „der“ Mensch, so sagen sie, ist eine Abstraktion. Der Arbeiter steht immer in einer soziologisch bestimmten Situation und darum in einem solidarischen Gruppenschicksal, das nur mit kollektiven Maßnahmen angegangen werden könne.

Wenn auch dieses Gespräch auf Haus Ahlenburg zeigte, daß sich in der einen oder anderen Einzelfrage des betrieblichen Alltags so etwas wie ein Kompromiß erzielen läßt, der von beiden Seiten akzeptiert wird, so wurde doch deutlich, daß die Zielsetzungen, mit denen Unternehmer und Gewerkschaften die sozialen Probleme im Raum des Betriebes in Angriff nehmen, hart aufeinanderstoßen. Auch auf diesem Gebiet ist in Zukunft wohl noch manche Kontroverse zu erwarten. Das Prinzip der Solidarität, aufgebaut auf der alten marxistischen Vorstellung der grundsätzlichen Gleichheit des Schicksals aller Arbeiter, ist Grundlage und Inhalt der sozialen Idee, wie sie von den Gewerkschaften verstanden wird. Die Radikalität, mit der dieses Prinzip auch heute noch von den Gewerkschaften vertreten wird, bedeutet – das zeigt die Debatte um das Mitbestimmungsrecht und die immer wieder von den Gewerkschaften bekundete Absicht, die Betriebe unter ihre Kontrolle zu bringen – eine akute Gefahr für die Unabhängigkeit der unternehmerischen Entscheidung und die Freiheit des Marktes. Betriebsgemeinschaften, also die generelle Herausbildung wieder menschlicherer Kontakte in den Arbeitsstätten, werden den organisatorischen Zusammenhalt der Gewerkschaften nicht sprengen. Auch bei stärkster sozialer Rücksichtnahme bleibt unter den heutigen Produktionsverhältnissen für den Arbeiter immer noch eine ganze Reihe von Fragen vitalster Bedeutung offen, die nur durch außerbetriebliche Maßnahmen zu lösen sind. Aber natürlich ist eine mit ihren Arbeitsbedingungen einigermaßen zufriedene Arbeiterschaft kein in jedem Fall willfähriges Instrument mehr für zentral geleitete Machtoperationen.

Allerdings scheint es auch notwendig, vor jenen Tendenzen zu warnen, die von dem Betrieb „als der Heimat des Menschen“ sprechen; denn damit wird ihm etwas aufgebürdet, was er nicht zu leisten vermag. Der Betrieb muß nach wie vor Produktionsstätte bleiben, die in erster Linie die Aufgabe hat, die Allgemeinheit mit preiswerten Gütern zu versorgen. Man sollte sie nicht in eine karitative Einrichtung verwandeln.

An den Gesprächen auf Haus Ahlenberg nahmen auch Vertreter der christlichen Soziallehre teil. Vielleicht wurden von dieser Seite die besten Formeln geprägt: der soziale Utopismus ist genau so falsch wie die Übersteigerung des menschlichen Solidaritäts- und Sicherheitsbedürfnisses. In dem Augenblick, wo wir einseitig nach einer Richtung ausweichen, gehen wir fehl. Wolfgang Krüger.