Von Willy Beer

Berlin, Ende Juni

Bei den Vierten Internationalen Film-Festspielen war Berlin offensichtlich attraktiver als jedes Jahr zuvor; denn der Kurfürstendamm zwischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und Uhlandstraße bot eine zwölftägige Starparade, ständig umlagert von Tausenden von Teenagern, die aus- und einflogen wie die Vögel im Frühling und Herbst. Von der formvollendeten Lollobrigida angeführt, zeigten sie sich alle in Berlin: Françoise Arnoul, Michèle Morgan, Yvonne de Carlo, Anita Bjoerk, Maria Schell, Paula Wessely, Jean Marais, Michel Auclair, Julien Duvivier, Robert Widmark und Dutzende andere, die dem Phänomen Leinwand ihren Ruhm danken. Sie zeigten sich lächelnd und blumenübergossen vor ihren Filmen, die freilich nicht alle helle Begeisterung weckten.

Maria Schell und Helmut Käutner konnten in diesem Jahr den Goldlorbeer entgegennehmen, den Selznik für den Film der besten menschlichen Idee gestiftet hat. Wenn auch „Die letzte Brücke“ als jugoslawisch-österreichischer Gemeinschaftsfilm gilt, hat er seine Prägung doch durch Käutner und Maria Schell bekommen. So wurde wenigstens eine deutschsprachige Produktion ausgezeichnet – während das Angebot der bundesdeutschen Filmindustrie sich auf den leicht moralinsauren, allerdings von Herbert B. Fredersdorf sehr anmutig inszenierten Märchenfilm „König Drosselbart“ beschränkte.

Bedauerlich aber war, daß zu den Filmen, die weit an der Spitze die nachhaltigsten Eindrücke hinterließen, die Darsteller nicht erscheinen konnten. Die beiden Filme aus Japan „Einmal wirklich leben“ und „Die junge Mäherin“ machten es nämlich beinahe unglaubwürdig, daß diese Menschen aus der japanischen Stadt und dem japanischen Dorf Schauspieler sein könnten. So natürlich leben sie das sich hektisch auslebende Dasein eines kleinen Beamten, der unter dem Druck des nahen Todes steht – und das heiter-traurige Leben junger Leute bei der Sagoernte, denen alles, auch die Begegnung der Geschlechter, zu poetischer Reinheit selbst im Kreatürlich-Primitiven gedeiht. Diese beiden japanischen Filme sprengen die übliche Länge der internationalen Filmstreifen. Sie sind über alle Maßen ausführlich, malen im kleinen und kleinsten, strapazieren bisweilen die Geduld der europäischen Besucher, aber sie haben vor allen anderen Filmdarbietungen das hohe Maß der dichterisch-schönen Bildaussage und der Ferne von jedem Ateliergeruch voraus.

Hinter Japan hielten sich in Berlin in guter, beinahe schon selbstverständlicher Qualität die Filme aus Italien und Frankreich die Waage. Mit „Brot, Liebe und Phantasie“ zeigte Italien Gina Lollobrigida und Vittorio de Sica in jenem schon in Cannes reüssierten Film guter, kräftig konturierter Gebrauchsware, der das Schlagwort vom italienischen Neo-Realismus durch eine Reihe amüsanter, phantasiereicher Einfälle ebenso Lügen straft, wie er sehr genau Milieu und Spiel in Übereinstimmung setzt. Das „Neapolitanische Karussell“ Italiens ist noch einen Schritt weiter in die Verbindung von Realismus und Phantasie gegangen. Solcher Wirbel aus Tanz, Volksleben und Temperament könnte dem bisher führenden amerikanischen Revuefilm auf einen Schlag ein neues, faszinierendes Genre entgegenstellen. Italiens Verdienst mit diesen Filmen wird vor allem darin ersichtlich, daß es das Lustspiel und die Komödie wohl mit allen Lichtern der Komik und Drastik ausstattet, aber niemals in den Klamauk oder gar in die „Klamotte“ verfällt. Ihm an die Seite stellte sich diesmal England, wo der Meisterregisseur David Lean für den großartigen Charles Laughton den Falstaff-Film unserer Tage drehte: „Herr im Haus bin ich“, die Geschichte eines alkoholischen Vaters, den seine drei Töchter überlisten – eine Charakterstudie von unvergleichlicher Heiterkeit und Tiefe.

Frankreichs spielerische Anmut war in Berlin diesmal weniger vertreten als ein eindringlicher Ernst und ein Mut zum delikaten Problem, wie ihn Joannons Film „Der Abtrünnige“ mit Pierre Fresnay, einem geistlichen Empörer wider die Kirche nach dem Kriege, mit der spannungsschweren Intensität eines Kriminalfilms schildert. Problemfilme solcher Art aus Amerika blieben aber auf der Mittellinie des Geschmacks hängen. Dies erlebte selbst die so großartige Jane Wyman mit „Die wunderbare Macht“, in der mit rührseligen Dekors und ebensolchen Argumenten die Geschichte einer Frau erzählt wird, die vorübergehend ihr Augenlicht einbüßt. Rührung suchte auch der österreichische Festspielfilm „Licht der Liebe“, der einmal mehr das ewig filmgängige Thema von Mutterliebe und Mutterkraft zu variieren sucht. Paula Wessely mühte sich redlich, echt und herb gegen die Zumutungen an Sentiment zu bleiben, die ihr auferlegt waren.

Zu einer späten Ehrung kam in Berlin der schon vielfach in Deutschland gezeigte, in Berlin gedrehte Film „Weg ohne Umkehr“, der unter dem amerikanischen Regisseur Vicas ein Berliner, ein deutsches Problem recht einprägsam abhandelt. Der Bundesfilmpreis hatte, so erwies sich, zum erstenmal ein würdiges Objekt gefunden. Und wenn auch die ausländischen Spitzenleistungen unter den fünfunddreißig Filmen aus zweiundzwanzig Ländern nicht zu explosiven Erlebnissen geworden sind, so hat dieser Film aus Berlin doch wenigstens den Anschluß an die erste Klasse gefunden.