Toronto, Ende Juni

Die diesjährige kanadische Internationale Handelsmesse in Toronto, die einen Überblick über die Erzeugnisse von 27 Ländern vermittelte, war in ihrem geschäftlichen Ergebnis für die 150 deutschen Aussteller weit besser als die vorjährige Veranstaltung. Den größten Platz nahmen naturgemäß die kanadischen Firmen selbst ein. Aber bereits nach den Engländern – die übrigens dank einer langfristigen Politik intensive Anstrengungen machen, sich an der kanadischen Wirtschaft mit Investitionen zu beteiligen – folgten die westdeutschen Aussteller; dann kamen die USA, Italien, Schweden, Belgien, Österreich und u. a. Japan.

Bereits jetzt steht fest, daß die wirtschaftlichen Auswirkungen der diesjährigen Toronto-Messe das Ergebnis der rückliegenden Handelsmessen weit übersteigen wird, obwohl schon in den Vorjahren aus den Kreisen der Firmen, die die Messen besucht hatten, inzwischen verschiedene Werksanlagen und Zweigbetriebe in Kanada errichtet worden sind. Die stetige Expansion der kanadischen Volkswirtschaft macht diesen Markt auch in Zukunft für die westdeutsche Wirtschaft sehr beachtenswert, zumal neben den Engländern ebenfalls die Österreicher und Japaner sich mit besonderer Aktivität für Kanada interessieren.

Die geographische Lage Kanadas, des an ungehobenen Bodenschätzen und anderen Rohmaterialien so reichen Landes im Norden der USA, ist häufig als besonders glücklich und sogar als beneidenswert bezeichnet worden. Die Staaten brauchen das kanadische Zeitungspapier, das kanadische Uranium und Titanium; sie nehmen etwa 60 v. H. der kanadischen Ausfuhr auf, und ihr prozentualer Anteil an der Einfuhr nach Kanada ist noch größer. Die Kanadier wollen aber keinesfalls in eine Lage kommen, in der die Staaten sozusagen ihr einziger Lieferant und ihr einziger Absatzmarkt werden. In einer solchen Entwicklung wird durchaus eine Gefahr für die Unabhängigkeit des Landes erblickt, und im nationalen Interesse wird gefordert, daß Kanadas ausländische Bezugsquellen und Absatzmärkte sich auf möglichst viele Länder verteilen. Kenneth W. Taylor, der zweite Mann im kanadischen Finanzministerium, hat diese Gedankengänge mit großer Klarheit ausgesprochen. Im Märzbericht der Canadian Bank of Commerce sind sie ausführlich zitiert worden.

Kanada ist ein junges Land, und allgemein wird hier erwartet, daß seine wirtschaftliche Expansion in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weder an Intensität noch an Tempo hinter der glänzenden Entwicklung zurückbleiben wird, die die Wirtschaft der USA in den vergangenen Jahrzehnten genommen hat. Die kanadische Bevölkerung ist in den Jahren von Mitte 1951 bis Ende 1953 um eine Million auf insgesamt 15 Millionen angewachsen, d. h. im Jahresdurchschnitt um ca. 2,8 v. H. Für die Entwicklung der kanadischen Wirtschaft sind jedoch ausländische Kapitalien nicht zu entbehren. Entsprechend den guten Ertragsaussichten für Anlagen in den verschiedensten Produktionszweigen des Landes haben sie bisher in reichem Maße zur Verfügung gestanden, und zahlreiche Meldungen aus letzter Zeit sprechen dafür, daß in dieser Beziehung sobald keine Änderung eintreten wird.

Trotz der Fortschritte in der Industrialisierung des Landes während der letzten Jahre bestehen noch große Möglichkeiten für die Errichtung neuer Industrien und den Ausbau der schon bestehenden. Der Rohstoffreichtum des Landes bietet die beste Basis dafür, und das steigende Lebenshaltungsniveau einer wachsenden Bevölkerung gewährleistet einen Absatzmarkt für viele Industrieerzeugnisse, die heute noch aus dem Auslande eingeführt werden müssen. – 1953 war ein Rekordjahr für die kanadische Wirtschaft. Der Wert des Brutto-Sozialprodukts betrug etwa 24 Mrd. Auch in Kanada kam es im Anschluß an die vorjährige Hausseperiode zu Produktionseinschränkungen und verringerten Umsätzen, deren Ursachen in verschärften Wettbewerbsverhältnissen, überhöhten Lagern und – bei einzelnen Industrien – in unverhältnismäßig hohen Gestehungskosten und darauf basierten Preisen gesehen werden. Mit dem Abbau der Lager und der Preise ist inzwischen begonnen worden, Die Bauindustrie hat gute Aussichten, das Jahr mit noch besseren Ergebnissen zu beschließen als das Vorjahr. Die finanzielle Situation der Verbraucher ist nach wie vor stark, und sehr stark wird mit einer Belebung für die Hälfte dieses Jahres gerechnet, die die rückläufigen Entwicklungen der vergangenen Monate zum mindesten ausgleichen dürfte. Finanzminister Douglas Abbott ist der Ansicht, daß das Brutto-Sozialprodukt des laufenden Jahres hinter dem des Vorjahres nicht zurückbleiben wird. Durchweg rechnet man allerdings auch für 1954 mit hohen Einfuhrzahlen.

Die Schwankungen der kanadischen Währung, die von der jeweiligen Höhe der Kapitaleinfuhr und den Entwicklungen des Außenhandels beeinflußt werden, sind ihrerseits wieder von erheblicher Bedeutung für die weitere Transferierung der für Kanada bestimmten Auslandsgelder. Der kanadische Dollar wurde im Juni 1953 zum USA-$ mit 1,0055 bewertet und im Februar 1954 mit 1,0375. Er steht zur Zeit auf 1,02. Das Interesse am Erwerb kanadischer Werte, besonders festverzinslicher Werte, geht begreiflicherweise im Auslande zurück, wenn das Agio der kanadischen Währung zu hoch wird und mithin die Effektivverzinsung sich verringert. In den USA hält man ein Agio von 3 v. H. gegenüber dem USA-$ im allgemeinen für die Grenze, bis zu der die Anlage in kanadischen Anleihen sinnvoll bleibt. E. Robert Singer